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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.16

12.000 Freunde sollt ihr sein

Text: Matthias Lambrecht

Als „Freunde von Prokon“ haben tausende Anleger den Windparkbetreiber vor dem Aus bewahrt und in eine Genossenschaft geführt. Jetzt will der Verein die Bürgerenergiewende vorantreiben

Die neue Macht im Kampf für die Energiewende hat sich im Heimathaus Harsewinkel versammelt. Etwa hundert „Freunde von Prokon“ sind der Einladung zur regionalen Mitgliederversammlung gefolgt und in das ostwestfälische Städtchen gekommen. Draußen renoviertes Fachwerk, drinnen sitzen die Besucher unter den dicken Bohlen der Holzdecke. Ergrauter deutscher Mittelstand in Cordsakko und Windjacke. Am Eingang gibt es Grillwurst, Cola oder Bier für einen Euro Spende. Von irgendwoher quillt leise Schlagermusik in den Saal, die sich mit dem Gemurmel der Wartenden mischt.

In Harsewinkel steht die Zukunft des Vereins auf der Tagesordnung. Was wird aus dem Zusammenschluss der fast 12.000 Anleger, die um ihre Ersparnisse fürchten und für das Überleben des insolventen Windparkbetreibers Prokon kämpfen mussten? Schließlich haben die Freunde von Prokon ihr wichtigstes Ziel im vergangenen Jahr erreicht: Das Unternehmen ist wieder auferstanden. Mit profitablen Windparks und neuen Projekten in der Pipeline. Und das nicht als Teil des Stromriesen EnBW, der im Insolvenzverfahren die Übernahme versuchte – sondern als unabhängige Genossenschaft, über deren Schicksal die Anleger nun als Anteilseigner mitbestimmen können.

Wolfgang Siegel kommt ein paar Minuten zu spät. Hat im Stau gesteckt. Vielleicht war sein Terminkalender auch einfach zu voll. Denn der Vereinsgründer hat viel vor. Hatte er eigentlich immer schon, ob als Psychotherapeut mit eigener Praxis, als Gutachter bei Gericht oder als ehrenamtliches Mitglied im Vorstand einer Berufsgenossenschaft. Aber jetzt, in einem Alter, in dem andere den Ruhestand genießen, treibt der 67-Jährige ein Projekt voran, das ihm auch nach der Rettung von Prokon keine Ruhe lässt.

Wenn es nach Siegel und seinen Mitstreitern geht, sollen aus dem Verein und dem wieder gesundeten Unternehmen starke Verbündete im Kampf für die dezentrale Energiewende werden. Denn die sieht er in Gefahr, wenn die geplante Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes kommt. Dann müssten sich kleine Bürgergenossenschaften in Ausschreibungen für neue Projekte gegen finanzstarke Konzerne durchsetzen – ein ungleicher Wettbewerb, in dem die weniger kapitalkräftigen Pioniere der Energiewende kaum mehr bestehen könnten. Mit Prokon an ihrer Seite hätten die Kleinen bessere Chancen, ist Siegel überzeugt. Die größte deutsche Energiegenossenschaft könnte im Ausschreibungsverfahren finanzielle Sicherheiten stellen und mit ihrer Erfahrung bei der Planung und beim Betrieb von Windparks helfen. Und die Freunde von Prokon sollen sich als gut organisierte Unterstützer für die Fortsetzung der Energiewende stark machen. Siegel selbst ist bereits in den Beirat des „Bündnisses Bürgerenergie“ eingezogen, ein Zusammenschluss, zu dem auch Greenpeace Energy gehört.

Energie in Bürgerhand – darum ging es in den Monaten vor der entscheidenden Gläubigerversammlung im vergangenen Jahr, als die Freunde gemeinsam für die Genossenschaft kämpften. Und darum geht es Siegel an diesem Abend in Harsewinkel immer noch. Auch wenn viele, die zum Regionaltreffen des Vereins gekommen sind, eher ganz praktische Fragen bewegen – etwa, wie man die Genossenschaftsanteile verkaufen kann, wenn man mit dem eingesetzten Kapital den Ruhestand finanzieren möchte.

Siegel ist es nie nur ums Geld gegangen. „Wir wollten gesellschaftliche und ökologische Verantwortung übernehmen“, sagt er, wenn man ihn nach den Anfängen der Freunde von Prokon im Herbst 2013 fragt. Viele hatten wie er einen Großteil ihrer Ersparnisse in Genussscheinen von Prokon angelegt. Aber sie hatten auch in eine Idee investiert: in ein Unternehmen, das die Ersparnisse kleiner Anleger dafür verwendet, eine Alternative zur umweltzerstörenden Energieversorgung mit Kohle oder Atomenergie aufzubauen. Vorbei an den großen Konzernen, ohne das Kapital der Banken.

Diese Idee lebt für Siegel weiter. Und bei dem, was die Freunde von Prokon dazu beitragen könnten, „gibt es noch viel Luft nach oben“, wirbt er in Harsewinkel. „Wenn wir gemeinsam für die Energiewende eintreten, ist das auch gut für Prokon.“ So wie er vorne am Stehtisch über die Vereinsarbeit berichtet, in grauer Funktionsweste über dem rotweiß gestreiften Hemd, und manchmal ins aufgeklappte Notebook blinzelt, wenn er ins Stocken gerät, ist er einer von denen, die vor ihm im Saal sitzen. Und genau das will er auch sein – einer von vielen, die gemeinsam für die Vision einer sozial und ökologisch verträglicheren Wirtschaft kämpfen. Teil der „Gemeinschaft Prokon“, die mit der „ungeheuren Kraft der Verbundenheit“ im Insolvenzverfahren schon einmal das fast Unmögliche geschafft hat: ein durch egomanische Führung in die Pleite gerissenes Unternehmen in eine wirtschaftlich gesunde Genossenschaft zu verwandeln.

Rund 1,4 Milliarden Euro hatte Prokon von rund 75.000 Anlegern eingesammelt, um den Bau und Betrieb von Windparks zu finanzieren, und versprach dafür ansehnliche Renditen. Das Konzept überzeugte, und das Kapital floss so reichlich, dass Geschäftsführer Carsten Rodbertus erst die Bodenhaftung und dann die Übersicht verlor. Ein großer Teil des Geldes steckte am Ende statt in Windrädern in einem sächsischen Palettenwerk oder in rumänischen Waldstücken und brachte nicht mehr die versprochene Rendite ein.

Die Freunde von Prokon beschlossen aktiv zu werden, nachdem erste Zweifel an Rodbertus’ Geschäftsgebaren aufgekommen waren. Als Prokon immer tiefer in die Krise rutschte, wurde der Verein zur Anlaufstelle der Anleger, die um ihre Ersparnisse bangten. „Wir mussten viel Trost spenden“, erinnert sich Siegel. „Und die Leute vertrauten uns, weil wir selbst betroffen waren.“

Die Zahl der Vereinsmitglieder schnellte in die Höhe. Aus ein paar Dutzend wurden binnen weniger Monate einige Tausend. Ein Kern von etwa hundert Aktiven vollbrachte logistische Höchstleistungen, um den Ansturm zu bewältigen. Bald stand eine Hotline, über die Ehrenamtliche sechs Tage in der Woche die Fragen ratsuchender Anleger beantworteten. Auf Treffen überall im Bundesgebiet tauschten Freunde von Prokon vor den Gläubigerversammlungen Informationen aus.

„Wir haben es geschafft, Schwarmintelligenz wirklich zu leben“, sagt Siegel. Der Altersschnitt von über 60 erwies sich dabei als Vorteil. Die Mischung aus Erfahrung, Engagement und freien Kapazitäten der vielen Ruheständler stimmte. Mitglieder aus den verschiedensten Bereichen brachten ihre Kompetenzen ein – Betriebswirte und Juristen, Ingenieure ebenso wie Computerspezialisten.

Die Aktiven im Verein waren sofort begeistert, als Anfang 2014 die Idee von der Genossenschaft aufkam. Ohne sie wäre es kaum gelungen, die Vision von der Wiederauferstehung Prokons mit Kapitalgebern als aktiven Teilhabern Realität werden zu lassen. Die Freunde überzeugten Anleger, die insgesamt rund achtzig Prozent des Kapitals investiert hatten, von der Genossenschaftsidee – weit mehr als die notwendige Mehrheit. Die stimmten auf der Gläubigerversammlung für die neue Rechtsform und gegen das Übernahmeangebot von EnBW.

Inzwischen können die Kapitalgeber ihre Interessen als stimmberechtigte Genossen der Prokon eG vertreten. Siegel sitzt im Aufsichtsrat. Die Freunde von Prokon müssen ihre neue Rolle erst noch finden. „Wir sprechen derzeit mit dem Vorstand darüber“, sagt er. Geht es nach den erfahrenen Genossenschaftlern im Prokon-Aufsichtsrat, hat der Verein seine Aufgabe als Vertretung der Anleger erfüllt. Doch der neue Vorstand Heiko Wuttke sieht die Chancen, die aus einer Kooperation mit den schlagkräftigen Unterstützern erwachsen: „Die Freunde von Prokon können für unsere Vorhaben ein Multiplikator sein“, sagt er. „Etwa wenn es um die Zusammenarbeit mit lokalen Bürgerenergiegenossenschaften geht.“

Im Heimathaus in Harsewinkel bleibt die Begeisterung für neue Vorhaben noch verhalten. Erst als sich die Ersten schon erheben, um den Saal zu verlassen, ruft einer nach vorne: „Ich möchte mich für die geleistete Arbeit bedanken!“ Applaus brandet auf. „Das nehme ich als Auftrag mit“, sagt Siegel und lächelt.