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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.18

„Aale sind biologische Wunderwerke“

Text: Karl Grünberg

Einst waren sie hier zahlreich, billig, ein Brotfisch. Heute schaffen es kaum noch Aale in die Gewässer bei Berlin. Der Binnenfischer Peter Meng will das ändern – und zahlt dafür sogar drauf

Gestatten: Ich bin Peter Meng, 56 Jahre alt und seit 26 Jahren selbstständiger Binnenfischer auf Seen in Berlin und Brandenburg. Ich habe acht Angestellte, vier Boote und eine Räucherei. Wir sind fast jeden Tag auf Berliner Märkten unterwegs, veranstalten Themenessen und bieten Fischereikurse an. Binnenfischerei habe ich studiert, mit Ingenieursabschluss in der DDR. Heute bräuchte ich sicher noch ein Wirtschaftsstudium dazu, denn von den Fischen allein lebt es sich nicht mehr.

Am liebsten ist mir ein schöner Morgen. Wenn die Stadt noch schläft, um fünf oder sechs, setze ich mich in eines unserer Boote und fahre hinaus. Die Vögel zwitschern, Nebel liegt über dem See, es weht kaum Wind. Das sind gute Tage. Wenn es stürmt, regnet oder friert, wenn Motorboote oder Partyflöße meine Reusen beschädigt haben oder sie gar geklaut wurden, dann sind das schlechte Tage.

Insgesamt sehe ich die Entwicklung unserer Gewässer positiv. Seitdem die meisten Kommunen ans Abwasser angeschlossen sind, ist das Wasser weniger nährstoffreich und von Algen durchsetzt. Es gibt mehr Fischarten, mehr Kleinlebewesen, mehr Vögel und mehr Insekten.

Um eine Art aber mache ich mir große Sorgen: Früher galt der Aal ja als Brotfisch. Heute fange ich im Jahr höchstens tausend von ihnen. Bei meiner großen Wasserfläche ist das eigentlich nichts.

Ich finde Aale faszinierend. Sie sind biologische Wunderwerke. Zweimal im Leben zieht es sie knapp 5000 Kilometer weit zum Laichen in den Westatlantik, in die Sargassosee. Von dort schwimmen die Larven mit den großen Strömungen an die europäischen Küsten, wo sie sich in etwa 0,3 Gramm leichte Glasaale verwandeln. Früher sind sie dann die Flüsse hinaufgewandert, um in den Seen heranzuwachsen, bis sie sich nach Jahren, geschlechtsreif, wieder zum Meer aufmachten.

Doch früher war früher. Heute erreicht leider kaum noch ein Aal unsere Gewässer. Die meisten werden vor den Küsten Spaniens und Frankreichs weggefangen. Der Rest schafft es nicht durch die bewirtschafteten Flüsse mit ihren Schleusen, Wehren und Dämmen, den Sportbooten, Kraftwerksturbinen und Kläranlagen.

Gleichzeitig schnellen die Kilopreise für die Glasaale in die Höhe, gerade liegen sie zwischen 300 und 1000 Euro, auf dem Schwarzmarkt sogar noch höher. Die vor Frankreich und Spanien gefangenen Fische werden trotz Ausfuhrverbot der EU nach China und Japan geschmuggelt. Dort isst man sie als Delikatesse oder setzt sie in Aquakulturen. Nicht artgerecht!

Ich möchte, dass es wieder mehr Aale in unseren Seen gibt. Für mein Geschäft, aber auch aus Liebe zum Fisch! Deshalb kaufen meine Kollegen und ich nun schon seit 13 Jahren lebende Glasaale, die vor Frankreich gefangen wurden. Dieses Jahr waren es insgesamt 4,7 Millionen Exemplare, etwa 159.000 allein bei mir. 4000 Euro Eigenbeteiligung habe ich dafür gezahlt. Der Rest kommt als Förderung von der EU und dem Land Brandenburg, im Rahmen eines Aalbestands-Managementplans. Meine Hoffnung: Es sollen möglichst viele überleben. Klar will ich einige davon fangen. Der Rest aber soll zurück in die Sargassosee schwimmen und so den Kreislauf am Leben erhalten. Ob das funktioniert? Das werden wir erst sehen, wenn die Kinder der Aale zu uns zurückkommen.