Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.16

Ab die Post

Text: Jan Guldner

Mit ihrem selbst entwickelten, strombetriebenen Lieferwagen zeigt die Deutsche Post, dass Elektromobilität im Wirtschaftsverkehr funktionieren kann

Irgendwo im Niemandsland an der Grenze zu Holland jagt Jürgen Gerdes einen gelben Kastenwagen durch einen Kreisverkehr. Mit quietschenden Reifen und in bedenklicher Schräglage nimmt der Post-Vorstand für Briefe und Pakete eine Ausfahrt, fährt eine lange Linkskurve und kommt an einem Zebrastreifen zum Stehen.

In der Luft liegt der Geruch von abgefahrenem Gummi; Autoabgase kann man aber nicht erschnuppern. Denn Gerdes sitzt am Steuer eines Streetscooters, eines elektrischen Lieferwagens, den die Deutsche Post in den vergangenen Jahren selbst entwickelt und gebaut hat. Auf dem Testgelände bei Aachen hat er gemeinsam mit Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) gerade den tausendsten Wagen präsentiert. Auf sein Lieblingsprojekt lässt der Post-Manager nichts kommen. Als die Ministerin das schlichte Design des Streetscooters mit den Worten ankündigt, es sei zwar „nicht schnittig, dafür aber praktisch“, setzt er sofort zur Ehrenrettung an: „Ich finde dieses Auto einfach unfassbar schön.“

Mittelfristig sollen davon so viele vom Band rollen, dass die rund 44.600 Fahrzeuge starke Zustellflotte von Post und DHL in Deutschland nur noch mit Ökostrom betrieben durch die Straßen surrt. Gerade in Städten, wo durch den boomenden Onlinehandel immer mehr Zusteller unterwegs sind, könnte der Einsatz von Elektroautos viele Tonnen CO2 und Feinstaub einsparen – und der Post so helfen, ihr Ziel zu erreichen, bis 2020 die „CO2-Effizienz“ um 30 Prozent gegenüber 2007 zu steigern.

Mit dem Streetscooter hat sich der Logistikkonzern beinahe unbemerkt zum Elektroautopionier entwickelt. Dank geschickter PR sind die gelben Stromer nun plötzlich in aller Munde und rücken die Post in ein grüneres Licht. So sendet ausgerechnet die Logistik, die nicht gerade als Öko-Musterbranche gilt, ein starkes Signal an die Autokonzerne: Der Wirtschaftsverkehr, besonders in Innenstädten, verändert sich. Wenn Volkswagen, Daimler und Co. sich weigern, bezahlbare E-Lieferwagen zu entwickeln, muss man es eben selbst tun.

Der Erfolg ist auch Achim Kampker zu verdanken. Der Leiter des Lehrstuhls für Produktion von Elektrofahrzeugteilen an der RWTH Aachen konzipierte den Streetscooter von Anfang an mit der Paketzustellung im Hinterkopf. Nachdem Jürgen Gerdes mit seiner Idee bei der Autoindustrie auf taube Ohren gestoßen war, fand er in dem jungen Professor einen Mitstreiter. Und 2014 übernahm die Post die von Kampker gegründete Streetscooter GmbH.

Auch weil das Ziel klar war, hat der Streetscooter es so schnell aus dem Labor auf die Straße geschafft. Eine Batterieladung trägt ihn achtzig Kilometer, weiter müssen die Zusteller selten fahren. Dazu kommen vier Räder, ein Lenkrad, ein beheizbarer Sitz und viel Stauraum. Eine vernünftige Ausstattung für den gewerblichen Einsatz, mehr nicht. Deshalb scheinen auch die Kosten, die Elektroautos bisher oft ausbremsen, beim Streetscooter zu stimmen – wenngleich niemand Zahlen nennen will.

„Wir haben im großen Maßstab gezeigt, dass Elektromobilität funktioniert“, sagt Kampker. Es gebe bereits überraschend viele Anfragen, vor allem aus Kommunen und Handwerksbetrieben. Ob der Streetscooter auch an Dritte verkauft wird, will der Vorstand bis Jahresende entscheiden. Bis dahin wird er nur in einem Design gebaut: knallgelb mit schwarzem Posthorn auf der Motorhaube.