Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.15

Abgeschmiert

Text: Toralf Staud

Der niedrige Ölpreis bedrohe die Energiewende, heißt es. Doch wenn die Regierungen mutig handeln würden, könnte er sogar hilfreich sein. Vor einem Jahr begann die unerwartete Talfahrt – eine erste Bilanz

Wird es ein „V“, oder wird es ein „L“? Dies ist – kurz gefasst – die Frage, die derzeit die Weltwirtschaft so bewegt wie kaum eine andere. Gemeint ist die künftige Entwicklung des Ölpreises. Werden die Notierungen nach dem Absturz der vergangenen zwölf Monate wieder steil steigen? Oder ist eher eine schwankende Seitwärtsbewegung der Preise auf niedrigerem Niveau zu erwarten?

„Niemand kann den Ölpreis vorhersehen“, sagte der saudi-arabische Ölminister Ali Al-Naimi kürzlich dem US-Nachrichtensender CNBC. „Alles liegt bei Allah.“ Vermutlich hat er dabei sibyllinisch gelächelt. Das Verhalten seines Landes war ein Grund für die spektakuläre Entwicklung. Nachdem im Juni 2014 – ein Barrel der Sorte Brent kostete damals weit über hundert Dollar – der Preis zu sinken begann, drosselte Saudi-Arabien seine Produktion nämlich nicht wie oft zuvor. Wegen einfach zugänglicher Ölquellen ist der Staatskonzern Saudi Aramco auch bei schwachen Preisen profitabel; laut Experten will er durch das Laufenlassen seiner Anlagen teurer produzierende Konkurrenten in die Knie zwingen. Als zweite Hauptursache für den Preisrutsch gilt der Fracking-Boom in den USA, der neue Lagerstätten von Schieferöl zugänglich gemacht hat. Um mehr als ein Drittel nahm die US-Rohölförderung seit 2008 zu.

Zugleich wuchsen Schwellenländer wie China langsamer als erwartet. Und in der EU und anderen Industriestaaten stagniert oder sinkt der Verbrauch seit Jahren, hier sind erste Erfolge des Energiesparens und des Umstiegs auf alternative Energieträger spürbar. Der Rest war simple Marktwirtschaft: Weil das Angebot die Nachfrage überstieg, sank der Preis. Im Januar 2015 war mit unter 50 Dollar der Tiefpunkt erreicht. Seitdem ist er wieder etwas gestiegen, liegt mit rund 65 Dollar aber weit unter dem einstigen Höchststand. Für die Weltwirtschaft ist das ein Konjunkturprogramm: Die Industrie kann billiger produzieren. Haushalte müssen weniger für Energie ausgeben und können mehr konsumieren.

Was aber bedeuten die niedrigen Ölnotierungen für das Projekt Energiewende? Lange schien es gewiss, dass der Preis fossiler Energien mittel- und langfristig nur eine Richtung kennen werde: aufwärts. Auf dieser Basis wurden verschiedene Szenarien berechnet, etwa zur Rentabilität von Einsparmaßnahmen oder dem Wachstumstempo erneuerbarer Energien. Gelten die Annahmen zum Ölpreis nicht mehr, wirbelt das diese Berechnungen kräftig durcheinander.

Ein genauer Blick zeigt: Für einige Bereiche der Energiewende hat der Preissturz tatsächlich ernste Folgen, andere hingegen berührt er kaum. Und wenn sie wollte, könnte die Politik den niedrigen Ölpreis sogar zugunsten der Energiewende nutzen.

Schlechte Zeiten für gute Autos
Die Hälfte des globalen Ölverbrauchs geht aufs Konto des Transportsektors, in Deutschland ist die Quote noch höher. Effizientere Motoren und der Umstieg auf alternative Kraftstoffe gelten seit Jahren als Hauptziele einer Energiewende im Verkehr – der Preissturz beim Erdöl schwächt den Innovationsdruck.

So war die umstrittene Förderung von Agrokraftstoffen ein Teil des deutschen Klimaschutzkonzepts. Doch die Branche lahmt seit Jahren, beim aktuellen Ölpreis ist sie schlicht chancenlos. Oder Elektroautos: Eine Million bis 2020 hatte Berlin als Ziel ausgegeben. Bislang fahren nicht mal 20.000 auf deutschen Straßen. Im April kamen ganze 684 hinzu – bei fast 300.000 Neuzulassungen.

„Mit dem niedrigen Spritpreis fällt ein wichtiger Kaufanreiz für die teuren Hybrid- oder Elektroautos weg“, sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach. Während SUVs boomen, kommen alle Alternativantriebe zusammen nur auf 1,7 Prozent Marktanteil. Das ist auch für die Autokonzerne ein Problem. Bis 2020 sollen sie in der EU die Emissionen ihrer Neuwagenflotten auf durchschnittlich 95 Gramm pro Kilometer senken, sonst drohen hohe Strafen. Ende 2014 waren erst 133 Gramm geschafft. Der CO2-Ausstoß müsste schneller sinken als bisher – derzeit geschieht das Gegenteil.

Die Gebäudesanierung stockt
Wer eine Ölheizung im Keller hat, konnte sich im letzten Winter die Hände reiben. Eine Tankfüllung von 3000 Litern kostete bis zu tausend Euro weniger als zuvor. Lange war Heizöl teurer gewesen als Gas, Fernwärme oder Holzpellets, zeitweise sogar teurer als Strom. Doch plötzlich war Öl der billigste Energieträger.

Jedes Jahr werden in Deutschland zehntausende Heizungen erneuert. Der Marktanteil von Ölkesseln war lange rückläufig, doch seit letztem Herbst verzeichnet der Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie wieder deutliche Zuwächse. „Erneuerbare Energien dagegen verlieren“, sagt Verbandssprecher Frederic Leers. 2014 schrumpfte der Absatz von Solarkollektoren um 13 Prozent, von Biomassekesseln gar um ein Viertel. „Dieser Trend hat sich im ersten Quartal 2015 fortgesetzt.“ Schwache Zahlen meldet auch die Dämmstoffindustrie. 2014 seien die Verkäufe um bis zu zehn Prozent eingebrochen, erklärt der Branchenverband GDI, 2015 läuft das Geschäft noch schlechter. Dabei hinkt der Gebäudesektor, ähnlich wie der Verkehr, bei der Energiewende ohnehin hinterher.

Keine Gefahr für Wind und Solar
Für die Energiewende im Stromsektor geben Experten hingegen Entwarnung. Billiges Öl werde den weltweiten Boom von Windkraft- und Solaranlagen „nicht entgleisen“ lassen, schrieb die Citibank Ende März in einer Investmentanalyse. Der Grund: Öl spielt auf dem Strommarkt kaum eine Rolle, nur rund fünf Prozent der globalen Fördermenge werden in Kraftwerken verfeuert. Zudem seien Solarparks und Windkraftanlagen längst so billig, dass der Ölpreis schon auf 20 bis 30 Dollar fallen müsste, ehe diese Technologien „ernsthaft bedroht“ würden. Analysten von Goldman Sachs und Deutscher Bank sehen das ähnlich.

Indirekt könnte die Stromwende sogar vom niedrigen Ölpreis profitieren. Dieser ist nämlich oft auch der Leitwert für den Erdgaspreis, der deshalb im vergangenen Jahr ebenfalls deutlich sank. So werden Gaskraftwerke konkurrenzfähiger gegenüber Kohlekraftwerken, die wegen des Versagens des EU-Emissionshandels im Moment besonders billig Strom liefern. Fazit Citibank: „Wir erwarten, dass die Langfristaussichten für Erneuerbare nur besser werden – trotz Ölpreisverfall.“

Regierungen könn(t)en Subventionen abbauen
Sonst folgen Protest und brennende Barrikaden auf eine Entscheidung, wie sie Indonesiens Präsident Joko Widodo am 19. November letzten Jahres bekanntgab: Er kürzte die Subventionen für Diesel, über Nacht stieg der Literpreis um 2000 Rupien (14 Cent). Doch es blieb ruhig. Wegen der Ölpreisflaute ist Diesel gerade billig, und so konnten die Bürger die Subventionskürzung besser wegstecken. Für die Regierung war sie ein Befreiungsschlag: Die Zuschüsse hatten seit Jahren die Staatskassen leergesaugt.

Fast 30 Länder unternahmen 2014 ähnliche Schritte, etwa Malaysia, Indien und Ägypten. Ökonomen wie Ökologen hatten lange dafür geworben, doch gerade autoritär regierte Staaten stellen mit Treibstoffsubventionen gern die Bevölkerung ruhig. Mit Folgen fürs Klima: Laut einer Studie des Oxforder Ökonomen Radek Stefanski trieb die künstliche Verbilligung fossiler Energien die globalen CO2-Emissionen zwischen 1980 und 2010 um 36 Prozent in die Höhe. Im Jahr 2013 betrugen die Subventionen für Kohle, Öl und Gas laut Internationaler Energieagentur mindestens 500 Milliarden Euro – fast das Fünffache der Gelder für Erneuerbare.

Der britische „Economist“ nannte die Ölpreisflaute eine einmalige Gelegenheit für politische Reformen. Nicht nur könnte man Subventionen streichen, auch die Einführung einer CO2-Steuer würde nun viel weniger schmerzen. Doch ausgerechnet in den Industriestaaten bewegt sich wenig. Deutschland fördert den Erdölverbrauch laut Umweltbundesamt noch immer mit mindestens 20 Milliarden Euro pro Jahr. So wird Diesel, ursprünglich zur Stützung des Speditionsgewerbes, viel niedriger besteuert als Benzin. Kerosin ist ebenso von der Steuer befreit wie Öl, das der Chemieindustrie als Grundstoff dient. Und so weiter.

Ein großer Posten taucht in der UBA-Liste gar nicht auf: Heizöl wird hierzulande nur mit sechs Cent pro Liter besteuert, ein Zehntel des Satzes für Diesel. „Auch im Vergleich zu anderen Ländern ist das sehr wenig“, kritisiert Swantje Küchler vom Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft. Im EU-Durchschnitt liegt die Heizölsteuer mit 18 Cent dreimal höher, in den Niederlanden beträgt sie gar 49 Cent. Höbe man die Steuer auf EU-Niveau, ließe der Run auf Ölkessel wohl nach. Heizöl wäre trotzdem noch günstiger als in den Vorjahren.

Und Wolfgang Schäuble bekäme Geld in die Kasse, das er zur Förderung der Energiewende ausgeben könnte. Anruf beim Finanzministerium: Gibt es Pläne, den niedrigen Ölpreis zum Abbau von Subventionen oder Steuervorteilen zu nutzen? Der Sprecher überlegt und antwortet dann: „Nein, mir sind keine Überlegungen in diese Richtung bekannt.“

Riskante Ölprojekte liegen auf Eis
Die wohl deutlichsten Folgen hatte der Preisrutsch für die Ölbranche selbst, denn viele Förderprojekte waren und sind plötzlich nicht mehr profitabel. Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko oder vor der Küste Brasiliens etwa brauchen durchschnittlich 45 bis 50 Dollar Barrelpreis, damit sie sich rechnen, erklärt der Energiemarktexperte Steffen Bukold. Die extrem klimaschädliche Erschließung kanadischer Ölsande rentiere sich erst ab einem Ölpreis von etwa 80 Dollar.

Als Reaktion fuhren Öl- und Gaskonzerne ihre Ausgaben zurück. Die Beratungsfirma Rystad Energy schätzt, dass die Branche 2015 rund 20 Prozent weniger investiert als im Vorjahr. Besonders deutlich sind die Folgen in den USA, die Zahl aktiver Förderstellen sank von fast 2000 auf unter 900. Erstmals seit vier Jahren ist die Schieferölförderung rückläufig. Saudi-Arabiens Verdrängungsstrategie ist aufgegangen.

Nun ist die große Frage, wie es weitergeht. Viele Experten halten das „L-Szenario“ für plausibel: Der Ölpreis könnte sich auf Jahre zwischen 50 und 70 Dollar einpendeln. Hierfür spräche, dass es keine Anzeichen für eine Kursänderung Saudi-Arabiens gibt. Womöglich kann der Iran bald mehr Öl liefern, wenn nach einem Atomabkommen die Sanktionen gelockert werden. Und mit der US-Schieferölbranche ist ein Akteur auf den Markt getreten, der flexibel reagieren kann: Die Bohrprojekte sind relativ klein und schnell zu starten, sobald die Ölpreise auf ein höheres Niveau zusteuern – das Angebot würde steigen, der Preis wieder sinken. Für Bukold ist klar: „Kapitalintensive Vorhaben werden es in Zukunft schwer haben, in den Vorstandsetagen und bei Banken grünes Licht zu bekommen.“

Für Klima und Umwelt ist dies eine gute Nachricht. Denn der Druck, etwa die riesigen Lagerstätten in der Arktis zu erschließen, dürfte vorerst etwas nachlassen. Und vielleicht führen Verzögerungen ja dazu, dass Öl dauerhaft in der Erde bleibt. Jahr für Jahr werden die Folgen des Klimawandels deutlicher, und womöglich sind Bohrungen in der Arktis bald gar nicht mehr durchsetzbar.

Genug gute Gründe für die Wende
Auf lange Sicht, also nach 2020 oder 2025, erwarten die Experten zwar wieder deutlichere Preissteigerungen, weil die leicht auszubeutenden Ölvorkommen dann zur Neige gehen. Dennoch werden die Preise wohl einige Zeit unter jenen liegen, die in den Energiewendeszenarien angenommen wurden.

„Es fällt jetzt schwerer, die deutsche Energiewende ökonomisch zu begründen“, bringt es Steffen Bukold auf den Punkt. „Sie muss sich daher stärker auf die ursprünglichen politischen Argumente besinnen: Klima- und Umweltschutz, weniger Abhängigkeit von Energieimporten, Dezentralisierung der Energieversorgung und höhere heimische Wertschöpfung.“

Wer langfristig denkt, sollte das beim Öleinkauf gesparte Geld nun erst recht für Investitionen nutzen, welche die Abhängigkeit vom Öl verringern. Selbst wenn die Preiskurve jetzt keine V-Form ausbildet – irgendwann wird aus dem „L“ höchstwahrscheinlich doch noch ein „U“ werden.