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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.15

Algen im Weltall

Text: Kerstin Eitner

Synthetisch, fleischlos, gefriergetrocknet – so oder ähnlich stellte man sich früher das Essen des 21. Jahrhunderts vor. Eine kleine Zeitreise

Marcelin Pierre Eugène Berthelot, Professor der synthetischen Chemie in Paris, war felsenfest überzeugt: Im Jahr 2000 würden alle Lebensmittel künstlich hergestellt; das sagte er 1894 dem McClure’s Magazine. Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff, voilà, mehr brauche man dafür nicht. „Tabletten“ in Beefsteakform, Milch und Kaffee aus dem Labor, Tabak aus Kohlenteer – so werde der Genuss der Zukunft aussehen, behauptete der Mann aus dem Land von Bœuf bourguignon und Café au lait, dem Land, das der Zigarette ihren Namen gegeben hatte. Beim Studieren der Zutatenlisten auf Lebensmittelverpackungen beschleicht einen heute das Gefühl, dass so manches Produkt tatsächlich mehr mit Chemie als mit Natur zu tun hat. Komplett daneben lag der Professor also nicht.

Erstaunlich akkurat waren die Prognosen des Museumskurators John Elfreth Watkins 1900 im Ladies’ Home Journal. Er sah nicht nur den Siegeszug konservierter und tiefgefrorener Speisen sowie des Gewächshauses voraus, sondern sogar eine Art Lieferservice (per Automobil oder mittels „pneumatischer Röhren“). Auch ist beim Gemüse- und Obstanbau in der Tat der „Winter zum Sommer und die Nacht zum Tag“ geworden, wie Watkins schrieb.

Das Essen der Zukunft, da stimmen viele Quellen überein, würde fleischfrei sein. Das Galaxy Magazine veröffentlichte 1952 Prognosen für das Jahr 2000, die der Science-Fiction-Autor Robert Heinlein 1949 erstellt hatte. Demnach müsste Rindfleisch heute ein Luxusprodukt und Lamm- oder Hammelfleisch gar nicht mehr erhältlich sein. Proteinlieferanten wären Fisch und Hefe. Dem 1988 verstorbenen Autor mag später geschwant haben, dass noch lange Zeit eher das Gegenteil der Fall sein würde: Fleisch als stets verfügbares Billigprodukt – ganz ohne Marsmenschen. Der Physiker und Autor Kurd Laßwitz hatte 1897 in „Auf zwei Planeten“ beschrieben, wie Maschinen der Außerirdischen Würste für die Erdlinge produzieren und auf Knopfdruck auswerfen.

Die berühmtesten Dystopien des 20. Jahrhunderts aber malen derart düstere Bilder totalitärer oder kollabierender Gesellschaften, dass Schilderungen üppiger Tafelfreuden darin fehl am Platz wären. Echtes Fleisch gibt es, wenn überhaupt, nur noch für Reiche. In Jewgenij Samjatins „Wir“ von 1920 nehmen die Menschen „Naphtha-Nahrung“ aus Erdöl zu sich. Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ hat 1932 synthetische Stärke, Baumwollabfall-Mehlersatz, den Drüsennährzwieback „Panglandulin“ und vitaminisierten Fleischersatz im Angebot, in Orwells 1949 erschienenem Roman „1984“ gibt es ein Kaffeesurrogat, Kunstfleisch und Sacharintabletten. Und in Harry Harrisons „New York 1999“ von 1966, der die Vorlage für den Film „Soylent Green“ lieferte, besteht ein Menü aus Seetangkeksen und  -klößen, Meereskressesalat und Sojabuletten.

Algen sind schon seit langem Kandidaten für den Speisezettel der Zukunft. 1967 blickte zum Beispiel das Nachrichtenmagazin U.S. World & News Report voraus und kam zu dem Schluss: 1990 werde ein Großteil unserer Nahrung aus den Meerespflanzen oder künstlichen Proteinen bestehen. Außerdem bringt der Autor – man schwebt auf dem Höhepunkt der Weltraumeuphorie – gefriergetrocknete Astronautenkost ins Spiel, der nur Wasser zugefügt oder die eine Minute lang erhitzt werden muss. Das galt damals verbreitet als schick und modern, hat sich aber aller Begeisterung zum Trotz bis heute nicht als Alltagskost durchsetzen können.

Auch das ZDF wollte mal modern sein und zeigte 1972 den Film „Richtung 2000 – Vorschau auf die Welt von morgen“. Darin nestelt ein fiktiver Herr B. mit 70er-Jahre-Frisur, -Brille und -Outfit sein Frühstück aus einer Aluschachtel und verzehrt es sodann mit Plastikbesteck vom Plastikgeschirr. Immerhin: Das Essen, so der Kommentar aus dem Off, werde ihm gut bekommen, weil alle Nahrungsmittel frei von Giften seien. Die Landwirtschaft sei im Jahr 2000 ökologisch und werde auf Pestizide und Kunstdünger verzichten. Darauf warten wir leider immer noch vergebens.

Professor Berthelot aus Paris sah die Welt des Jahres 2000 übrigens ebenfalls optimistisch, als eine Art „synthetisches Arkadien“, wie sein Gesprächspartner schrieb. Sonnenenergie und Erdwärme würden die Energie der Zukunft liefern. Und da ja die Ausgangsmaterialien für die Fabrikation der Nahrung gerecht verteilt seien und Streit um Acker- oder Weideland sich somit ebenso erübrige wie Grenzen und Zölle, werde es auch keine Kriege mehr geben: „Der Mensch wird zu weise geworden sein, um Krieg zu führen, und die Notwendigkeit dafür wird nicht mehr bestehen.“

1954 Mondfarmen
Gigantische Tanks mit Chlorella-Algen, Wasser und Nährstoffen auf künstlichen Monden und auf der Erde würden den Proteinbedarf von Mensch und Tier decken, schrieb das Technikmagazin Modern Mechanix und berief sich auf eine Studie der Washingtoner Carnegie Institution. Der Landwirt der Zukunft: eine Kombination aus Chemiker, Biologe und Ingenieur.

1964 Küchenautonomie
Der Science-Fiction-Autor Isaac Asimov schrieb in der New York Times, in fünfzig Jahren würden „Kücheneinheiten“ eigenständig „Automahlzeiten“ zubereiten. Das tun sie zwar bis heute nicht, aber es gibt bereits internetfähige Kühlschränke, die eigenständig Nachschub ordern können. Hoffentlich nicht nur Spam.

1950 Turbomahlzeiten
Waldemar Kaempffert, Wissenschaftsredakteur der New York Times, ersann im Auftrag des Magazins Popular Mechanics ein Szenario für das Jahr 2000. Kochen gehört selbstredend der Vergangenheit an. Nur noch ein paar alte Leute wissen, wie das geht. Die fiktive Familie Dobson aus dem erfundenen Vorort Tottenville bereitet ihr Essen minutenschnell aus vorgegarten tiefgefrorenen Lebensmitteln zu. Die appetitlichen Bestandteile, aus denen Süßspeisen hergestellt werden: Sägemehl, Zellstoff, Papiertischtücher – und (getragene) Unterwäsche aus Kunstseide.

1962 Riesenfrüchte
Groß, größer, am größten: Schon John Watkins (siehe Text) hatte den Ur-Ur-Urenkeln seiner Zeitgenossen apfelgroße Erdbeeren und Himbeeren vorausgesagt. Vor allem radioaktiver Strahlung schrieb man Wunderkräfte zu, wie in diesem Comic von 1962. Das Independent Press Telegram Southland Magazine brachte 1956 ein ziemlich abenteuerliches Szenario: Nach dem Abwurf einer Wasserstoffbombe erntet Farmer Jones (besser gesagt, sein Gehilfe, ein Roboter) gigantisches Gemüse, Tomaten „so groß wie ein Basketball“ und Spinatblätter „größer als Palmwedel“.