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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.15

Alles im Rahmen

Text: Christian Sywottek Fotos: Thorsten Futh

Der Insektenpräparator Thomas Kolling liebt Schädlinge. Deshalb baut er Schaukästen für ihre Bekämpfer. Das ist nur scheinbar paradox

Diese hier haben Sie garantiert zu Hause“, sagt Thomas Kolling, steckt seinen Finger in ein Plastikdöschen und rührt vorsichtig im Gewürm. Nur ein paar Millimeter groß sind die weißen Larven des Wollkrautblütenkäfers, sie winden sich auf Büscheln muffender Schafwolle und zerknautschter Stoffreste. „Die leben hinter den Fußleisten und fressen Wolle, Haare und Hautschuppen“, sagt Kolling. „Sie sind so genügsam.“ Er öffnet eine größere Dose, handhoch gefüllt mit einer wabernden Masse aus schwarzen, pelzigen Speckkäferlarven, mittendrin ein stinkender Ochsenschwanzknochen. „Wenn Sie eine tote Taube auf dem Dachboden haben“, sagt er lächelnd, „dann sind die hier nicht weit.“ Schließlich klaubt er einen winzigen Kornkäfer aus einem Glas voller Weizen, doch der fällt ihm auf den Teppich und ist verschwunden. „Mist“, sagt Kolling, „aber was soll’s.“

Der 38-Jährige sitzt am Arbeitstisch in seiner Wohnung in Eberswalde, um ihn herum stehen Gläser und Dosen, in denen es munter zugeht. Käferlarven tummeln sich auf angeschimmeltem Getreide, auf Mais, Mungobohnen und Hundekuchen. Kolling züchtet rund 35 Arten, vor allem Vorratsschädlinge. Sie sind seine Leidenschaft, sein Handwerk, sein Geschäft. Denn sind die Käfer geschlüpft, tötet und präpariert er sie, klebt oder nadelt sie auf weißes Papier, arrangiert sie in Schaukästen. Lehrmaterial aus Naturpräparaten, nur über Schadinsekten – in Deutschland gibt es sonst niemanden, der so etwas macht.

Der studierte Forstwirtschaftler, der nebenbei im Naturschutz aktiv ist, verkauft seine Kästen an Schädlingsbekämpfer, Bautenschützer, Forstfachleute. Rund 150 Stück liefert er jährlich aus, für bis zu 350 Euro. Weil er von den Kästen allein nicht leben kann, verdient er zudem als Dozent an der Hochschule Eberswalde seine Brötchen und schreibt Gutachten über Holzschädlinge.

Doch einen Widerspruch zu seiner Insektenliebe sieht er in seiner Arbeit nicht, im Gegenteil: „Ich will Wissen vermitteln. Schädlingsbekämpfer haben mitunter wenig Ahnung, sodass sie schnell mit der chemischen Keule zuschlagen. Wenn man aber weiß, was man vor sich hat, fallen einem auch Alternativen ein. Oder man verzichtet gleich auf die Bekämpfung, weil ein vermeintlicher Schädling eigentlich recht harmlos ist.“

Weshalb Thomas Kolling oft lieber von „Lästlingen“ spricht. Seit Jahren pflegt er eine innige Beziehung zu ihnen. „Die Schönheit“ der Kerbtiere entdeckte er während seines Studiums, im Jahr 2006 übernahm er von einem Professor der Hochschule Eberswalde dessen Insektensammlung und Präparationsbetrieb. Lehrmittel aus echten Insekten – in der DDR war das ganz normal, Kollings Vorgänger lieferten über 6000 Kästen aus, vor allem an Schulen. Das Geschäft brach nach der Wende ein, Käufer fanden sich nur noch unter jenen, die berufsbedingt mit Schädlingen zu tun haben.

Bockkäfer, Brotkäfer, Kiefernspinner und Kohleulen – rund 250 Arten in all ihren Entwicklungsstadien verarbeitet Kolling für seine gut 40 Themenkästen, die jeweils typische Plagegeister in Land-, Forst- und Hauswirtschaft vereinen. Dafür greift er zurück auf seine eigene Zucht und auf den Fundus seines Vorgängers: In deckenhohen Schränken und in der Gefriertruhe lagern Horden von Käfern und Armeen von Faltern, insgesamt mehr als tausend Arten. Zudem streift Kolling über Insektenbörsen, lässt sich von befreundeten Wissenschaftlern Sandmücken oder Bettwanzen schicken. Mehlwürmer kauft er im Anglerladen, für Flöhe sammelt er seine eigene Katze ab. Auch zieht er immer wieder mit Stock, Schirm und Stechbeitel in die Wälder, klopft Käfer von Ästen, durchwühlt Brennholzstapel, hackt Larven aus Totholz. Und als sei das noch nicht genug, sammelt er selbst den Kot der winzigen Tiere ein, um ihn später in seinen Schaukästen zu präsentieren. „Ja“, meint Kolling, „für diese Arbeit braucht man schon ein spezielles Interesse. Aber Schädlinge erkennt man eben auch an ihren Hinterlassenschaften.“

Und um Erkenntnis geht es ihm. Fotos seien keine Alternative zu echten Präparaten, erklärt er, sie könnten Größe und Details der teils winzigen Wesen nur schlecht wiedergeben. Am lebenden Objekt komme man einfach nicht vorbei – weshalb er sie auch guten Gewissens ins Jenseits befördert. Insekten hätten kein Schmerzempfinden, ist der Präparator wie die meisten Biologen überzeugt, sein Eingriff in die Gesamtpopulationen sei zudem ausgesprochen klein. Und er töte kein Tier ohne Grund – wachsendes Wissen könne vielmehr verhindern, dass durch Insektizide mehr Tiere sterben als nötig.

Also rückt Kolling den Insekten bei der Präparation mit größter Sorgfalt zu Leibe. „Für Grobmotoriker ist das nichts“, sagt er, „jeder Fehlgriff kann das ganze Tier zerstören.“ Denn wenn er seine Tiere aufklebt, sind sie nur noch eine dünne Hülle aus Chitin. Falter erstickt er mit Zyankali und Käfer mit einem Tropfen Ethylacetat – der Tod tritt nach spätestens zehn Minuten ein.

Anschließend lässt er die Tiere 24 Stunden ruhen, erst dann haben sich ihre Muskeln entkrampft. Nun bleiben ihm zwei Tage Zeit für die Präparation, bis zur Totenstarre. Käfern richtet er die Beine mit einem Zahnarztkratzer sorgsam aus, legt die Fühler in sanfte Schwünge – „die normale Körperhaltung ist wichtig“. Falter steckt er auf ein Spannbrett und umkreist sie mit dünnen Nadeln so exakt, dass beide Hinterflügel genau zu zwei Dritteln in die Vorderflügel eintauchen, „denn Präparate sollen immer symmetrisch sein“. Sowie von Dauer, weshalb er seine Insekten eine Woche trocknen lässt, bevor er sie in seinen Schaukästen zu Schädlingsfamilien vereint. Raupen und Puppen drapiert Kolling exakt auf typische Fraßblätter, als würden sie noch immer daran mampfen. Und wenn er einen Kohlweißling einfliegen lässt, dann auch im richtigen Winkel.

Präparieren, komponieren – für Thomas Kolling sind das „höchst entspannende Tätigkeiten“. Seine Arbeit mit den Schaukästen erfüllt ihn mit Sinn, auch wenn das zunächst paradox erscheint. Wie passt das zu einem Mann, der sich für den Nabu um Schutzgebiete und um den Lebensraum des Feuerfalters kümmert und der Internetforen betreut, in denen er in Panik geratene Hausbesitzer dazu ermuntert, irritierendes Kleingetier einfach leben zu lassen?

Die Frage verwundert ihn, und er berichtet von den Möglichkeiten der biologischen Schädlingsbekämpfung. Insekten allein mit ihren natürlichen Feinden auszumerzen – auch aufgrund des Bio-Booms sei dieses Prinzip bei Vorratsschädlingen bereits weit entwickelt. Er holt ein Döschen voll braunem Staub hervor, winzige Lagererzwespen, die etwa dem Kornkäfer, der in Lagerhäuser oder Getreidesilos wütet, den Garaus machen. Auch im Gartenbau gebe es längst Alternativen zur chemischen Keule, etwa kleine Fadenwürmer zur Bekämpfung des Gartenlaubkäfers. Und im Haushalt, bei Kleidermotten? Statt Chemie draufzusprühen, könne man sie mit dem Extrakt des indischen Niembaums vertreiben.

Es sind Fortschritte, die Thomas Kolling auch in der Forstwirtschaft prima fände – einem Einsatzgebiet, in dem die biologische Schädlingsbekämpfung bisher kaum Anwendung findet. Riesige Flächen und die mitunter etwas langsamere Wirkungsweise biologischer Mittel – natürliche Gegenspieler etwa müssen sich bis zur nötigen Schlagkraft erst einmal selbst vermehren – erschweren den Einsatz dieser oft auch teureren Alternative. Bereits während seines Studiums beschäftigte sich Kolling mit Parasiten, die dem Schwammspinner das Leben schwer machen könnten. Auch wünschte er sich einen passgenauen natürlichen Feind für den Eichen-Prozessionsspinner, dessen Raupen immer wieder Schlagzeilen machen, weil sie ganze Wälder kahlfressen und ihre Brennhaare bei Spaziergängern schmerzhafte Ausschläge hervorrufen. Denn bisher gibt es kein spezifisch wirkendes Mittel, sondern lediglich ein Präparat aus dem Gift des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis, das auch andere Schmetterlingsarten schädigen kann.

Aber selbst wenn es diesen Gegenspieler gäbe – er würde nur dann etwas nützen, wenn sein Anwender genau erkennt, wen er damit eigentlich bekämpfen will. So schließt sich der Kreis für Thomas Kolling, und er holt noch ein Glas aus dem Regal. Winzige, rotbraune Brotkäfer krabbeln darin, auch er selbst hat sie schon in seiner Küche gefunden, fressen sie doch gern alte Backwaren und Gewürze. Jetzt ist er sie losgeworden, ganz ohne irgendein verheerendes Spray. „Stattdessen habe ich ein altes, angeknabbertes Lebkuchenherz weggeschmissen, das schon jahrelang bei mir herumlag“, erzählt er. „Da hatten die einfach nichts mehr zu fressen.“