Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen
Alles schläft, einer wacht

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.18

Alles schläft, einer wacht

Text: Marius Elfering Foto: Roman Pawlowski

Seit vierzig Jahren macht Hartmut Liebermann gegen das Atommüll-Zwischenlager in seiner Stadt mobil. Eine Geschichte über Widerstand, Durchhaltevermögen und die Frage: Wie geht guter Protest?

Du darfst den Gegner nie aus den Augen verlieren, nie vergessen, welche Gefahr von ihm ausgeht. Wenn alle anderen sich anderen Dingen zuwenden – irgendeiner muss wachen. Hartmut Liebermann weiß das. Der Gegner ist 196 Meter lang, 38 Meter breit, 20 Meter hoch. Liebermann steht an diesem Tag im September 2017 vor dem Brennelemente-Zwischenlager in Ahaus, blickt auf das massive Gebäude hinter den Zäunen, den Kameras, der Sicherheitsschleuse und sagt: „Nach all der Zeit ist noch immer keine Lösung in Sicht.“ Die Energiewende mag dafür gesorgt haben, dass die ganz großen Zeiten der deutschen Anti-Atom-Bewegung vorbei sind. Hartmut Liebermanns Protest geht weiter.

Einige Stunden vorher, ein sonniger Morgen im noch leicht verschlafenen Städtchen Ahaus im Münsterland mit all den gepflegten Vorgärten und verklinkerten Häusern: Hartmut Liebermann, 68, gestreiftes Hemd, hellblaue Hose, Lederschlappen, steht unterm Dach seines Hauses, beugt sich etwas nach vorne, um mit dem Kopf nicht an die holzverkleidete Schräge zu stoßen, und hält eine braune Schatulle mit der Aufschrift „Brazil Export“ in der Hand. In den Regalen vor ihm stehen Ordner, vollgepackt mit tausenden Zeitungsartikeln. Durch die silberne Brille blickt er auf das Kästchen, greift dann hinein, es klackert metallisch, als die Anstecker der Anti-Atom-Bewegung aus den Siebzigern, Achtzigern, Neunzigern aneinanderstoßen. „Was wir nicht alles gemacht haben“, sagt er leise und lächelt.

Am 20. März 1998 kommt es zum Höhepunkt der Anti-Atomkraft-Proteste in Ahaus. Sechs Castor-Behälter aus Gundremmingen und Neckarwestheim werden ins dortige Zwischenlager gebracht. 10.000 Menschen protestieren – mittendrin: Hartmut Liebermanns Mitstreiter von der örtlichen Bürgerinitiative. Der Lehrer selbst muss an diesem Tag eigentlich arbeiten, die Schulleitung pocht auf die Anwesenheitspflicht. Doch als er morgens losfahren will, ist die Ausfahrt der Sackgasse von Polizeifahrzeugen blockiert. Liebermann, Herz und Seele des Widerstands vor Ort, verpasst den Unterricht, aber eben auch die einzige Schienenbesetzung in all den Jahren des Ahauser Protests. Immerhin: Bei der Kundgebung in der Innenstadt ist er später an vorderster Front dabei.

Hartmut Liebermann kommt aus München, 1975 zieht er nach Ahaus, um am Alexander-Hegius-Gymnasium zu unterrichten: Politik, Geschichte, Erdkunde. Ein „linker Lehrer“, wie sie damals so oft von den politisierten Unis in den Schuldienst kommen, ist er nicht, aber wie viele andere beunruhigt über die Pläne der Stadtoberen, die Gemeinde mit Atomkraft voranzubringen. Zuerst ist der Bau einer Brennelementefabrik im Gespräch, dann der einer Urananreicherungsanlage. Im Jahr 1977 macht eine neue Idee die Runde: Am Rand der Stadt soll ein Zwischenlager für stark sowie schwach strahlenden Atommüll gebaut werden.

Wer verstehen will, was Widerstand bedeutet und wie er sich im Laufe der Zeit entwickelt, der muss sich Ahaus Ende der Siebzigerjahre genauer ansehen. (...)

Lesen Sie die Fortsetzung im aktuellen Greenpeace Magazin. Bitte bestellen Sie hier die gedruckte Ausgabe. Sie können das Greenpeace Magazin auch auf Ihrem Tablet und Smartphone lesen. Alle Vorteile finden Sie hier.