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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.15

Am Fuße der Festung

Die Berge von Gourgourou bilden das Grenzgebiet Marokkos zur spanischen Exklave Melilla. Eine Doku zeigt, wie Migranten den Grenzzaun erstürmen wollen

David Fedele, wie lange haben Sie sich für die Dreharbeiten in den Bergen von Gourgourou aufgehalten? Ich habe zehn Wochen lang dort mit Migranten gelebt. In der Zeit sind immer wieder marokkanische Grenzschutzbeamte durch das Gebirge gezogen und haben die Zeltdörfer zerstört, Leute verscheucht, teilweise auch verprügelt und bestohlen. Menschenrechte existieren in Gourgourou nicht.

Wie viele Flüchtlinge leben dort? Das ist schwer zu sagen, weil ich nicht den gesamten Gebirgszug durchstreift habe. Außerdem ziehen ständig neue Menschen hinzu, andere wandern ab, und wieder andere schaffen es tatsächlich, über den Zaun in die EU zu gelangen. Ich habe in einem der vielen Zeltlager gedreht. Dort haben sich rund einhundert Menschen aufgehalten, es waren auch Frauen und Kinder dazwischen. Insgesamt lebten während meiner Dreharbeiten vielleicht 700 Flüchtlinge in Gourgourou.

Sie wohnen in Zelten, unter Verschlägen oder in Unterkünften, die andere hinterlassen haben. Viele haben sich vor mir geschämt und wollten sich in ihrem Elend nicht zeigen. Es hat einige Zeit gedauert, bis die Migranten mir vertrauten und ich filmen durfte. Um frisches Wasser zu beschaffen, müssen sie einen Fußmarsch von rund eineinhalb Stunden zum nächsten Dorf und wieder zurück hinter sich bringen. Ihr Leben ist menschenunwürdig.

In einer Filmszene reparieren zwei Afrikaner Schuhe und unterhalten sich dabei. Den Untertiteln ist zu entnehmen, dass die beiden Sie für jemanden halten, der mit ihrem Leid Geld verdienen will. Vielleicht ist das der stärkste Moment des Films: Bei dieser Szene habe ich keinen Übersetzer dabeigehabt. Während ich die beiden Männer filmte, habe ich nicht verstanden, worüber sie reden. Erst drei Monate später, als ich im Schnitt saß, habe ich erfahren, was die Männer von mir gehalten haben. Ich habe gehört, dass einer der beiden inzwischen in Deutschland lebt.

Wer hat denn Ihren Film finanziert? Ich selbst. Die Dreharbeiten musste ich allerdings nach zehn Wochen abrupt abbrechen, nachdem ich von der Grenzpolizei verhaftet worden bin. Man hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich eine unerwünschte Person sei, dass ich mich besser aus dem Staub machen und nie wieder einen Fuß auf marokkanischen Boden setzen soll. Ok, kein Problem, habe ich gedacht: Ich war ohnehin finanziell, körperlich und mental am Ende. Marokko wird mich so schnell nicht mehr wiedersehen.

Interview: Vito Avantario

The Land Between
Regie, Produktion, Vertrieb: David Fedele, Australien 2014, 78 Minuten, DVD über
www.thelandbetweenfilm.com