Greenpeace Magazin Ausgabe 3.03

Am schwarzen Fluss

Das Öl des Nigerdeltas beschert internationalen Konzernen und korrupten Politikern Milliardengewinne. Den Bewohnern bleibt nichts als Armut, Unterdrückung und Umweltzerstörung.

Die Puppenshow sollte für Sophia Evans nur ein kleiner Trost sein, weil die britische Fotografin das Exportterminal von ChevronTexaco in Escravos nicht aufnehmen durfte. „Sicherheitsprobleme, Sie verstehen!“, hatte der PR-Manager gesagt. Hier im Nigerdelta, das wegen seines unangenehmen Klimas auch „die schwitzende Achselhöhle Afrikas“ genannt wird, hat sich Chevron eine Insel des Wohlstands geschaffen. Luxuriöse Quartiere und großzügige Sportanlagen, kleine Parks und schmucke Sträßchen, selbstverständlich elektrisches Licht, fließend Wasser und gekühlte Luft in sämtlichen Wohn- und Arbeitsbereichen – Escravos hat einfach alles, was den Dörfern im sonnenverbrannten, mückenverseuchten, bitterarmen Schwemmland des Deltas fehlt. Darum liegt die Chevron-Anlage, die immerhin die Größe einer Kleinstadt hat, hinter Wassergräben, Mauern und Stacheldraht verschanzt. Wachposten verwehren der örtlichen Bevölkerung den Zutritt. Die Diskrepanz wirkt auch deshalb obszön, weil die in Nigeria tätigen Ölkonzerne – ChevronTexaco, ExxonMobil, TotalFinaElf, Agip und Shell – die Armut ringsum mit verursacht haben: 4000 bekannt gewordene Leckagen in Ölpipelines und Förderanlagen binnen vier Jahrzehnten haben weite Gebiete des Deltas verseucht und damit die Existenzgrundlage der Bewohner zerstört, die sich traditionell von Fischfang und Landwirtschaft ernähren.
 
Das Kindertheater „Puppen in den Sümpfen“ sollte Sophia Evans zeigen, dass Chevron dennoch gute Nachbarschaft mit den ärmlichen Bretterbudendörfern pflegt, aus deren Boden der Konzern Öl abpumpt. Die Show geriet zur Karikatur der herrschenden Verhältnisse: Die anwesenden Kinder wurden gefragt, wer ihr Wohltäter sei. Für die korrekte Antwort, „Chevron!“, sollte es ein kleines Geschenk geben. Doch es gab nicht genug für alle. Deshalb warf die Moderatorin die Päckchen in die Menge, damit sich die Kinder um Gaben von Chevron balgten. Das Resultat waren triumphierende Gesichter bei denen, die fette Beute machten, ansonsten blaue Flecken, zerrissene Kleider und jede Menge Tränen.
 
Der Westen sieht Nigeria vor allem als Wirtschaftsfaktor. Immerhin ist das westafrikanische Land mit einer Tagesproduktion von 2,1 Millionen Barrel sechstgrößter Ölexporteur der Welt und wurde kürzlich von den USA zu einer „strategisch bedeutsamen Nation“ erklärt. Die ökologischen und sozialen Probleme spielen hingegen kaum eine Rolle mehr, was Sophia Evans zum Anlass nahm, sich ein persönliches Bild von der Lage zu machen. Mit Reportagen für das Greenpeace Magazin („Vom Leben eines Fischervolkes“, GPM 5/98, „In den Straßen von Lagos“, GPM 4/02) hatte sie den renommierten Prix Canon 2002 als beste Fotojournalistin gewonnen. Das Preisgeld investierte sie in eine fünfwöchige Recherchereise durch das von den Medien vergessene Nigerdelta.
 
Ein halbes Jahrhundert lang hatten westliche Konzerne die Ölprovinzen Nigerias ausgebeutet und die gigantischen Gewinne allenfalls mit den Machthabern in der Hauptstadt geteilt, die im Gegenzug die Bevölkerung niederhielten. General Sani Abacha beispielsweise, der Nigeria von 1993 bis 1998 als Diktator beherrschte, häufte in seiner Regierungszeit ein Privatvermögen von drei Milliarden Dollar an, was ihn zu einem der wohlhabendsten Männer der Erde machte. Der örtlichen Bevölkerung brachte der Ölreichtum ihrer Heimat dagegen nichts als Armut, Umweltzerstörung und Unterdrückung.
 
1990 mobilisierte der Schriftsteller, Bürgerrechtler und spätere Träger des Alternativen Nobelpreises Ken Saro-Wiwa sein Volk, die Ogoni, gegen die Missstände; es ist eine von 14 ethnischen Gruppen im Nigerdelta. Die gewaltlosen Massenproteste verschafften den Ogoni und ihrem charismatischen Führer weltweite Aufmerksamkeit und zwangen Shell, 1993 zumindest im Ogonigebiet alle Operationen einzustellen. Doch das Abacha-Regime schlug brutal zurück. Ogoni-Dörfer wurden verwüstet, Demonstranten massakriert, Ken Saro-Wiwa mit acht weiteren Führern verhaftet und nach einem Schauprozess 1996 hingerichtet.
 
Der Sieg des Diktators war ein Desaster für die Ölkonzerne. Auf die weltweiten Proteste reagierten sie mit eilends aufgelegten Freundschaftsprogrammen, Umweltschutzmaßnahmen und Werbekampagnen. Die PR-Offensive verfehlte ihre Wirkung nicht. Als dann nach dem Tode Abachas auch noch ein gewählter Präsident (und früherer Militärmachthaber) die Regierung übernahm, galten die Probleme des Deltas als gelöst. „Doch in Wahrheit hat sich nur wenig geändert“, sagte Ken Wiwa, der Sohn von Ken Saro-Wiwa, zu Sophia Evans – „außer dass mein Vater tot ist und die Welt nicht mehr aufrütteln kann.“
 
Die Ogoni hingegen haben Ken Saro-Wiwa nicht vergessen, im Gegenteil: Um den toten Volkshelden ist ein regelrechter Märtyrer-Kult entstanden. Am Grab in seinem Heimatdorf Bane werfen sich Ogoni-Frauen im Kerzenlicht auf die Knie und beten um Errettung aus der Not. Chief Jim Wiwa, der (falls die Familienchronik richtig zählt) 100-jährige Patriarch des Wiwa-Clans, wies Sophia Evans sogar auf Parallelen zwischen seinem Erstgeborenen und Jesus Christus hin. Beide hätten den Frieden gepredigt und seien dann für die Erlösung ihres Volkes gestorben. Enkel Ken sieht allerdings auch diesseitigen Nutzen in der Verehrung. So gerieten die Werte, für die Ken Saro-Wiwa gestanden habe, nicht in Vergessenheit: Selbstbewusstsein, friedlicher Kampf gegen soziale Ausbeutung und die Erkenntnis, dass zum Überleben eine intakte Natur notwendig sei.
 
Doch zum Allgemeingut im gesamten Delta wurden diese Werte leider nicht. Zwar bewirkte sein politischer Kampf posthum, dass inzwischen immerhin 13 Prozent der Öleinnahmen in die Fördergebiete fließen sollen. Tatsächlich aber „kommt von den Mitteln vor Ort praktisch nichts an“, heißt es in einem neuen Report von Human Rights Watch. Korrupte Politiker, Beamte und lokale Clanchefs leiten Millionen in die eigenen Taschen. Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, warum im März um die Verteilung von Posten ein regelrechter Bürgerkrieg zwischen einzelnen Volksgruppen ausbrach, der ein Drittel der nigerianischen Ölförderung lahm legte. „Das Ölgeld hat unser Zusammenleben vergiftet“, findet Chief Jim Wiwa. „Wir wären besser dran, wenn am Niger niemals Öl gefunden worden wäre.“
 
Das gilt auch für die Umwelt. Allen angeblichen Verbesserungen zum Trotz treiben immer wieder schwarze Ölteppiche auf den Flüssen und Bächen. Schuld sind mal politische Saboteure, mal Diebe, die Öl aus angebohrten Pipelines auf dem Schwarzmarkt verkaufen wollen, und immer wieder die Ölkonzerne selbst, die nach wie vor kaum in die Instandsetzung ihrer Anlagen investieren. Überall im Delta flackern zudem Hunderte von Gasfackeln. An kaum einem anderen Ort der Welt wird das Gas, das an den Förderstätten mit dem Öl aus der Erde kommt, einfach verbrannt. Denn die Verschwendung des wertvollen Rohstoffes trägt erheblich zum globalen Treibhauseffekt bei und heizt die Umgebung um bis zu zehn Grad auf. Hitze, Ruß und saurer Regen schädigen die Gesundheit der Anwohner und zerstören die Vegetation in weitem Umfeld. Für viele Deltabewohner sind die oft zehn Meter hohen und vor allem nachts weithin sichtbaren Gasfeuer Menetekel der Missachtung ihres Lebensrechtes durch die Ölkonzerne.
 
Wie wenig sich seit der Militärdiktatur tatsächlich geändert hat, sah Sophia Evans im Dorf Obagi, das mitten in einem von TotalFinaElf seit 1962 genutzten Ölfeld liegt. Die Dorfältesten berichteten ihr von den vielen Versprechungen des französischen Konzerns: Elektrizität, Leitungswasser, Schule, Gesundheitsstation – nichts wurde verwirklicht. Stattdessen legte Elf neben dem Dorfbrunnen eine ungesicherte Giftmülldeponie an. Die Bewohner wagen nicht, dagegen aufzubegehren, denn sie fürchten, ihnen könne das gleiche Schicksal drohen wie Odi. Der Nachbarort war nach Unruhen im November 1999 – also unter der Zivilregierung – vom Militär überfallen und dem Erdboden gleichgemacht, die gesamte Bevölkerung ermordet worden. „Wir leben in Verzweiflung und ständiger Angst“, sagte der Dorfälteste von Obagi, Chief Josephus George Chinwah. Als die Fotografin weiterfahren wollte, hielt er sie zurück. Gemeinsam warteten sie, bis ein Bote jede Hütte des Dorfes aufgesucht hatte. Er kehrte mit einem Bündel Banknoten zurück, zu dem jeder Haushalt etwas beigetragen hatte: zusammen 3000 Naira – umgerechnet 30 Euro, in einem bettelarmen Ort wie Obagi ein kleines Vermögen. Chief Chinwah überreichte Sophia Evans das Geld und wollte es auf keinen Fall zurücknehmen. „Gemäß unserer Bräuche zeigen wir so unsere Dankbarkeit“, erklärte er. „Wir sind dankbar, dass Sie der Welt berichten, wie schlecht wir in unserem eigenen Land behandelt werden.“
 
  

Von MARCEL KEIFFENHEIM
Fotos: SOPHIA EVANS