Guten Abend,

bilden Sie zusammengesetzte Begriffe mit „Sommer“! Sommerferien, Sommerwetter, Sommerkleid oder Sommerblumen wecken wahrscheinlich bei allen positive Vorstellungen. Bei Sommerzeit (Zeitumstellung), Sommerhitze (Klimawandel) und Sommerpause (Bäckereien, Arztpraxen und Sportkurse schließen, Fernseh- und Kinoprogramme tendieren in Richtung unterirdisch) dürften sich die Geister scheiden. Ganz zu schweigen von Sommerflaute (auf dem Arbeitsmarkt, meist saisonal bedingt und somit vorübergehend) oder Sommerloch (Parlament, Regierung, Unis, viele Produktionsstätten und Büros sind mehr oder weniger verwaist, die Medien verlegen sich auf mehr oder weniger abstruse Themen, siehe Sommerpause).

Dann wäre da noch die Sommerreise. Klingt auch nach Ferien, hat aber nur indirekt etwas damit zu tun, denn sie wird in der Regel von Politikerinnen und Politikern unternommen, nicht nur in Wahlkampfzeiten. Dient seit rund 35 Jahren der Herstellung von Volksnähe, zumindest der Simulation derselben, und gibt Lokalpolitik, Verbänden und Organisationen die Gelegenheit, sich mit ihrer oder ihrem Abgeordneten oder sogar Minister/Ministerin zu schmücken. Und wann sonst hätten die Reisenden so gute Chancen, ihr Image aufzupolieren und mit ihren Themen und Zitaten in der Presse zu landen, womöglich gar an herausgehobener Stelle, siehe Sommerloch?

Das kann auch schiefgehen. Zum Beispiel im Fall der niedersächsischen Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU), die bei einem Besuch in Lüchow-Dannenberg verkündete, man dürfe die Vermittlung des Bildes der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit „keinesfalls Lehrern überlassen“. Laut Elbe-Jeetzel-Zeitung aus folgendem Grund: „Die meisten sind Vegetarier, und das, was sie über Landwirtschaft verbreiten, ist oftmals dramatisch.“ Auch in den Kirchen lasse man häufig kein gutes Haar an den Landwirten. Ob es eine gute Idee ist, ganze Berufsgruppen in Bausch und Bogen zu verunglimpfen? Sympathien lassen sich so wohl eher nicht gewinnen.

Frau Otte-Kinast, die schon bei ihrer Sommerreise 2018 bei Milchviehhaltern in Weser-Ems für Empörung gesorgt hatte, indem sie anlässlich eines Besuchs bei einem Betrieb mit ganzjähriger Stallhaltung die Weidehaltung als „Folklore“ bezeichnete, sollte sich vielleicht den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder zum Vorbild nehmen. Der Mann weiß sich in Szene zu setzen wie kein Zweiter, und seit er den Gesetzentwurf des von 1,7 Millionen Menschen unterstützten bayerischen Volksbegehrens zum Artenschutz übernommen hat, ist bei ihm eine wundersame Wandlung zum obersten Bienen- und Blühstreifenfreund zu beobachten. Als würde er ständig das Spieglein an der Wand befragen: „Wer ist der Grünste im ganzen Land?“ Kürzlich umgarnte er bei einer gemeinsamen Kabinettssitzung Winfried Kretschmann, den grünen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg.

Außerdem überrascht Söder praktisch täglich mit neuen Vorschlägen zum Klimaschutz: Kohleausstieg auf 2030 vorziehen! (Bayern hat kein Kohlekraftwerk). Runter mit der Mehrwertsteuer für die Bahn! Rauf mit bayerischem Behördenpersonal aufs E-Bike oder rein ins E-Mobil! Weg mit der Förderung für Ölheizungen, her mit Windrädern! (In Staatsforsten, nicht dass man am Ende noch mit der eigenen Abstandsregelung für Windanlagen kollidiert). Gewissermaßen als Sahnehäubchen soll dann der Klimaschutz ins Grundgesetz. (Einen entsprechenden Vorschlag der Grünen hatte der Bundestag letztes Jahr abgelehnt, auch die CSU war dagegen.) Vermutlich wachen viele in der CDU und auch in der CSU morgens mit der bangen Frage auf: Hat er wieder was Neues ausgeheckt?

Was vom Sommer übrig bleibt, werden wir sehen – spätestens am 20. September, wenn das Klimakabinett tagt. Immerhin hat Söder die Debatte befeuert. Ob nun durch einen echten Sinneswandel, vielleicht inspiriert von Fridays for Future, wie eine Sprecherin der Bewegung vermutet, oder doch eher durch den Blick auf Umfrage- und Wahlergebnisse der Grünen, wer weiß das schon. Beherzigen wir einfach die Devise des großen Philosophen Helmut Kohl, der da sagte: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt.“

Anders reisen // Unsere Leseempfehlung zum Wochenende

Kerstin Eitner
Redakteurin

PS: Nicht nur bayerische Ministerpräsidenten sind hingerissen von Bienen – sie haben uns geformt wie kein anderes Insekt. Dieses leinengebundene Buch entführt in ihre Welt. Jetzt eine Woche 20 Prozent reduziert.

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