Greenpeace Magazin Ausgabe 1.97

Artenschutz: Ein Vogel unter Beschuß

Kormorane mindern den Ertrag der Fischer. Die Bundesregierung plant, den einst fast ausgerotteten Vogel von der Liste der gefährdeten Arten zu streichen.

Uwe Buuck ist wütend. „Die machen doch Naturschutz auf unsere Kosten“, ereifert er sich. „Wenn ich hier unbegrenzt schießen dürfte, dann täte ich das.“ Buuck ist Fischer auf dem Schaalsee an der Grenze zwischen Mecklenburg und Schleswig-Holstein. Und jeden Tag, an dem er seine Netze halbvoll aus dem Wasser zieht, wird er zorniger. Auf Naturschützer, auf Politiker, aber vor allem auf die „schwarzen Brüder“.

Grund für seinen Ärger sind Kormorane, die früher bedrohten Seevögel. Ihr Bestand hat sich prächtig erholt, seit sie 1979 europaweit unter Schutz gestellt wurden. Noch 1952 galten sie hierzulande als ausgerottet, heute brüten allein in Mecklenburg-Vorpommern 9000 und in Schleswig-Holstein 2500 Paare. Kommen im Herbst noch die Zugvögel aus Skandinavien hinzu, tummeln sich an den norddeutschen Seen bis zu 35.000 der gänsegroßen Seeraben. Und fressen die Gewässer leer – so schimpfen jedenfalls die Fischer.

Kaum ein Vogel erzeugt derzeit soviel Konflikte. Seine Gegner schlossen sich Ende Oktober zu einer Demonstration zusammen: Mehr als 5000 Angler und Fischer aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Frankreich zogen in Straßburg vors Europaparlament und verlangten ein Ende des Schutzes. Unbestritten ist, daß ein ausgewachsenes Tier täglich etwa 500 Gramm Fisch schluckt. Binnenfischer behaupten, Kormorane jagten vor allem die kostbaren Aale. Laut Uwe Buuck ist der Aalbestand im Schaalsee, an dessen Ufern 600 Brutpaare nisten, in den letzten Jahren rapide geschrumpft. Naturschützer und Politiker betonen hingegen, der Kormoran fresse, was ihm in den Schnabel komme, auch jede Menge Schwarmfisch, der für Fischer völlig uninteressant ist.

Dennoch kommen die norddeutschen Bundesländer für Kormoranschäden auf. Küstenfischer erhalten in Mecklenburg-Vorpommern für angehackten Reusenfisch pauschal einen Ausgleich von fünf Prozent pro Fang; und auch Teichwirte, deren Verlust nachweisbar ist, kassieren regelmäßig eine Entschädigung.

Doch die Binnenfischer fühlen sich vernachlässigt. Sie erhalten einen Ausgleich nur, wenn sie nachweisen, daß ihr Fang durch Kormorane abgenommen hat – eine Menge Papierkram, der manchen abschreckt. Buuck bekommt jährlich einen Ausgleich von 17 Mark pro Hektar Pacht. „Völlig unzureichend“, höhnt er – der Schaden liege bei 90 Mark pro Hektar. Der Fischer hat klare Vorstellungen: „Ich will die Brüder ja nicht ausrotten, aber hin und wieder in die Gelege schießen.“ In Bayern sei das schließlich auch erlaubt.

Tatsächlich erhalten Fischer dort Ausnahmegenehmigungen zum Abschuß, weil sie vor allem Teiche bewirtschaften – die flachen Gewässer werden von Kormoranen in Windeseile leerfressen. Im seenreichen Norden setzen Naturschützer darauf, daß sich die Kormoranpopulation von selber begrenzt. „Die werden weniger, wenn das Futterangebot abnimmt“, glaubt Horst Zimmermann vom mecklenburgischen Ministerium für Landwirtschaft und Naturschutz. Die Statistik gibt ihm recht: 1995 gab es bereits weniger Brutpaare.

Die Bundesregierung handelte trotzdem. Sie beantragte bei der EU, den Kormoran von der Liste der besonders geschützten Arten zu streichen und es den Ländern zu überlassen, ihn als jagdbar einzustufen. Sollte die EU zustimmen, wird Uwe Buuck davon kaum profitieren. Er arbeitet nämlich in einem Vogelschutzgebiet. Und dort wird weiterhin eine friedliche Koexistenz zwischen gefiederten und menschlichen Fischern angezeigt sein.