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Asbest – die Zeitbombe tickt

Greenpeace Magazin Ausgabe 3.10

Asbest – die Zeitbombe tickt

Text: Maria Roselli

In Europa verboten, in Entwicklungs- und Schwellenländern verbaut: Noch immer ist der Werkstoff eine tödliche Gefahr

Asbest ist noch lange nicht Geschichte. Man hätte meinen können, dass die Opferbilanz in den Industrieländern Grund genug gewesen wäre, um die tödliche Faser weltweit aus dem Verkehr zu ziehen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Jahrzehnte nachdem für sämtliche Asbesterzeugnisse Ersatzfasern auf dem Markt sind, ist ein Anstieg des Asbestkonsums in Entwicklungs- und Schwellenländern zu verzeichnen. Man nutzt dort den Wettbewerbsvorteil, der durch die Asbestverbote in den westlichen Ländern entstanden ist. Denn Asbest ist deutlich billiger als die Ersatzstoffe! In Ländern wie China erachtet man die Gefährlichkeit des praktischen und günstigen Baustoffes offenbar als ein Neben- oder Luxusproblem. 

Bisher haben nur 23 Prozent der Mitgliedstaaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein Asbestverbot ausgesprochen; in 77 Prozent sind Verarbeitung und Förderung von Asbest noch erlaubt und werden in 36 Prozent der WHO-Staaten aktiv betrieben. Laut WHO arbeiten heute noch weltweit rund 125 Millionen Menschen an asbestexponierten Arbeitsplätzen. Der dafür zu bezahlende Tribut an Menschenleben ist enorm: Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass in Zukunft jährlich zwischen 90.000 und 100.000 Menschen an asbestbedingten Leiden sterben werden. Ein Großteil dieser Männer und Frauen arbeitet heute in einem asiatischen Land oder in Russland. Nicht nur der Abbau, sondern auch der Asbestverbrauch konzentriert sich immer mehr auf diese Weltgegend. Gemäß den Zahlen, die Anfang 2007 veröffentlicht worden sind, liegen 90 Prozent der Länder, in denen der Asbestkonsum in den letzten Jahren am stärksten gestiegen ist, im asiatischen Raum. Im Jahr 2003 konsumierten die asiatischen Staaten nahezu 50 Prozent des weltweit geförderten Rohstoffes: China (491.945 Tonnen), Indien (199.033 Tonnen), Vietnam (39.382 Tonnen) und Indonesien (32.284 Tonnen) waren dabei die größten Abnehmer. Japan hat als einziges asiatisches Land ein Asbestverbot durchgesetzt, nachdem Tausende von Opfern zu beklagen waren. Ab 2009 soll die Produktion auch in Südkorea aufgegeben werden.

Schuld an der Asbesttragödie in diesen Ländern tragen – nebst den skrupellosen Unternehmen, die wider besseres Wissen Sicherheit vortäuschen, wo es keine geben kann – auch die großen internationalen Organisationen, die lange nachdem die ersten Industriestaaten bereits Asbestverbote ausgesprochen hatten, sich über Jahre von der Propaganda der Asbestmultis haben blenden lassen. Heute noch greift die Asbestlobby in den Entwicklungs- und Schwellenländern auf dieselben Tricks zurück, mit denen sie hierzulande vor 30 oder 40 Jahren in die politischen Prozesse eingegriffen hat: Noch immer werden bei konzerneigenen oder wirtschaftsnahen „wissenschaftlichen“ Instituten Studien in Auftrag gegeben, die die Ungefährlichkeit des Weißasbests untermauern sollen. An gesteuerten und von den Asbestunternehmen organisierten Symposien spielen dann Pseudoexperten die Gefahren des Weißasbests herunter. Ein solches Symposium fand etwa im Sommer 2007 in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh statt – organisiert von der kanadischen Wirtschaftskammer.

So ist es möglich, dass die Lüge vom „Controlled-use“ – des risikofreien Asbestgebrauchs – noch immer von den Regierungen als wissenschaftliche Wahrheit geschluckt wird. Auch die Mär vom sicheren Asbestzement hält sich hartnäckig und wird voraussichtlich hunderttausende Opfer fordern. Denn nach wie vor ist der Asbestzement das meistverbreitete Asbesterzeugnis. Eine so unerklärliche wie dubiose Rolle spielen in diesem neuen Akt der Asbesttragödie die lokalen „Gewerkschaften“ der Asbestzementarbeiter. Ein Beispiel: Als im Jahr 2006 die WHO und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) ihre Unterstützung einer weltweiten Kampagne für ein Asbestverbot intensivierten, gründeten die Gewerkschaften der Asbestzement-Werke in Russland, Weißrussland, Aserbaidschan, Kasachstan, Kirgistan, Ukraine und Tadschikistan eine Dachorganisation der Asbestzementarbeiter, die Chrysotile International Alliance of Trade Unions. 

Diese Organisation soll laut Angaben der „Gewerkschafter“ die Asbestzement-Unternehmen vor „wissenschaftlich unbegründeten Attacken schützen“ und ein vielerorts drohendes Asbestverbot stoppen. Kürzlich schrieb die Dachorganisation der Asbestzementarbeiter an den Generaldirektor der WHO, Jacques Dunnigan, die vorangetriebene „Verteufelung“ des Weißasbests sei „unfair“ und basiere auf einem „wissenschaftlichen Irrtum“. Ähnliche Post erhielt auch die Leitung der ILO. Der Absender war in diesem Fall das Canadian Chrysotile Institute, das Sprachrohr der kanadischen Asbestlobby. Dieses „Weißasbest-Institut“ machte sich genauso wie die „Gewerkschafter“ gegen ein Asbestverbot stark: Heutzutage werde Weißasbest auf verantwortungsvolle Weise unter rigorosen Sicherheitsmaßnahmen angewendet, schrieb die kanadische Asbestlobby in ihrem Brief. 

Doch wenn der „Controlled-use“ selbst in den Industriestaaten mit den besten Voraussetzungen im Arbeitsschutz nicht durchsetzbar ist, wie soll er je in einem Entwicklungsland funktionieren? In vielen dieser Länder fehlen Grenzwerte für gefährliche Substanzen, und dort, wo es welche gibt, sind sie um ein Mehrfaches höher als in den Industrienationen. Bekannt ist auch, dass die Asbestmultis auf die Festlegung der Grenzwerte Einfluss nehmen und Werte verankern lassen, die in ihren Werken ohnehin eingehalten werden können. Heute noch wird in den meisten Ländern Asiens Asbest ohne jegliche Schutzvorkehrung verarbeitet: In China sortieren Heimarbeiter, zumeist Bauern und Bäuerinnen, in ihren Wohnräumen die Asbestfasern nach Länge und bringen diese zur Verarbeitung in die Fabrik zurück. Arbeiter in indischen Fabriken schlitzen die Asbestsäcke von Hand mit Messern auf und schlagen mit einem Holzhammer die kompakten Fasern in Stücke, bevor sie sie dem Zement beimengen. Der einzige Schutz für hunderttausende von Asbest-Arbeitern in den Entwicklungsländern sind Taschentücher, die sie sich vor Mund und Nase binden, um nicht so viel „Staub“ zu schlucken.

Unter den Schwellenländern ist China der größte Asbestkonsument. Obwohl es seit Jahren zu den fünf größten Förderländern gehört, reicht der inländische Asbest nicht mehr. Heute importiert China 150-mal mehr Asbest als noch vor wenigen Jahren. Laut der in London sitzenden Dachorganisation für ein weltweites Asbestverbot (IBAS – International Ban Asbestos Secretariat) ist in China zwischen 2000 und 2004 der Verbrauch um mehr als 40 Prozent gestiegen. Rund 24.000 Minenarbeiter fördern einen Teil des Minerals in 17 staatlich betriebenen Minen und in 102 von Arbeiterkollektiven geführten Bergwerken. Der Großteil des todbringenden Materials wird von über 46.000 Arbeitern in 1200 Werken zu Asbestzement verarbeitet. Erst seit 1990 werden in China Mesotheliome und asbestbedingter Lungenkrebs erfasst. Ende 2003 wurden rund 7900 Asbestosefälle registriert, 923 davon mit tödlichem Ausgang.

In Indien, einem Schwellenland mit einer jährlichen Wachstumsrate von sieben bis acht Prozent, ist der Asbestkonsum in den letzten Jahren um rund 30 Prozent gestiegen. Dort sind 49 Asbestzementwerke angesiedelt, die jährlich insgesamt 2,4 Millionen Tonnen Fertigprodukte auf den Markt bringen und an die 200 Millionen US-Dollar umsetzen. Laut Schätzungen arbeiten in den indischen Asbestbetrieben an die 100.000 Frauen und Männer. Die Arbeitsbedingungen werden als katastrophal bezeichnet. Eines der dort bekanntesten Asbestzement-Unternehmen ist die Visaka Industries Ltd. Es hat für die abgelegenen Landstriche Indiens eine millionenschwere neue Strategie ausgegeben: Es will traditionelle Holzdächer der Landhäuser durch Asbestzement-Wellplatten ersetzen. Ein ökologischer Unsinn, von dem sich das Unternehmen ein noch nie da gewesenes Umsatzwachstum verspricht: Bereits in den letzten Jahren verzeichnete die Visaka Industries Ltd. eine immense Steigerung des Gewinns von 16 bis 22 Prozent. 

In Thailand schaut die Asbestproduktion auf eine über 30-jährige Tradition zurück. Laut Angaben der Regierung sind zwischen 1997 und 2004 rund 116.500 Tonnen Asbest eingeführt und zu gut 90 Prozent zu Asbestzement-Röhren verarbeitet worden. Über die Anzahl der verstorbenen und erkrankten Arbeiter sind keine Angaben erhältlich. Auch in Vietnam scheint die Regierung hin- und hergerissen zu sein zwischen dem wirtschaftlichen Nutzen des Materials und dem Schaden für die öffentliche Gesundheit. Obwohl die Regierung im Jahr 2004 ein Asbestverbot für Dächer angekündigt hat, ist die Übergangsperiode um Jahre hinausgeschoben worden. Derselbe Interessenkonflikt zeigt sich in der Haltung der indonesischen Regierung. Im Februar 2006 fand in Jakarta ein von der lokalen Asbestzement-Industrie und der kanadischen Botschaft gesponsertes Symposium statt: Einmal mehr propagierte die Industrie die Mär vom „Controlled-use“.

Ein Kapitel für sich in der jahrzehntelang andauernden Asbesttragödie ist die Verschrottung ausgedienter Schiffe. Während kaum eine der vielen Werften in Europa zu dieser hochgefährlichen Arbeit bereit ist, werden in asiatischen Werften seit Jahren dagegen tausende asbestverseuchte Schiffe in ihre Bestandteile zerlegt. Wahrgenommen hat die Öffentlichkeit dies allerdings erst im Dezember 2005, als der französische Flugzeugträger Clemenceau, gebaut Mitte der 50er-Jahre, zu seinem Verschrottungsplatz, dem indischen Alang, aufbrach.

Das Schiff enthielt nach offiziellen Angaben neben anderen Giftstoffen 45 Tonnen, nach inoffiziellen Angaben 100 Tonnen Asbest. Nach wochenlangen Protesten von Greenpeace und anderen Umweltorganisationen gegen den Giftmüllexport wurde das Schiff endlich wieder nach Frankreich zurückbeordert. Die Menschen in der Bucht von Alang leben seit Jahren von diesem todbringenden Abwrackgeschäft: Allein zwischen 2001 und 2002 haben in diesen Werften 25.000 bis 40.000 Arbeiter 264 Schiffe verschrottet. Der Lohn – weniger als zwei US-Dollar pro Tag – und die Arbeitsbedingungen sind katastrophal: Barfuß und ohne Schutzmaßnahme, außer einem über den Mund gebundenen Schal, kratzen die Werftarbeiter den Spritzasbest von Wänden und Leitungsrohren. Oft legen sie dann noch das gewonnene Material zum Trocknen an die Sonne, um es zu verkaufen und so ihren Lohn aufzubessern. 

Doch was kann getan werden, um den Asbestirrsinn in den Entwicklungsländern zu stoppen? Es gibt sechs Sorten von Asbest. Ein wichtiger Schritt im Kampf wäre die Aufnahme von Weißasbest in die 1998 vereinbarte Rotterdam-Konvention, meint etwa Laurie Kazan-Allen, Galionsfigur im Kampf gegen Asbest und langjährige IBAS-Koordinatorin. Die Rotterdam-Konvention regelt den Export und Import gefährlicher Chemikalien und Pestizide. Gemäß dieser Konvention erfordert der Export toxischer Chemikalien die Bewilligung des importierenden Landes. Dies gibt den Entwicklungsländern die wichtige Möglichkeit zu entscheiden, welche gefährlichen Stoffe sie einführen wollen. Auf diese Weise können sie jene Produkte fernhalten, die sie nicht sicher handhaben können. Die Aufnahme von Weißasbest in die Rotterdam-Konvention, in der bereits die fünf anderen als gefährlicher geltenden Asbestsorten aufgeführt sind, würde vor allem für die Asbestindustrie in Kanada das Aus bedeuten. Denn dieses exportiert rund 97 Prozent des in seinen Minen abgebauten Minerals. 

Wozu Kanada im verzweifelten Bemühen, an der Asbestförderung festzuhalten, in der Lage ist, hat es Mitte der 90er-Jahre gezeigt, als es wegen der Asbestfrage einen Streit mit Frankreich ausfocht. Eine vom französischen Staat in Auftrag gegebene Studie hatte die erschreckenden gesundheitlichen Probleme der französischen Asbestarbeiter ans Licht gebracht. Aufgeschreckt durch den Skandal entschieden Frankreichs Politiker, Asbest praktisch über Nacht zu verbieten. Das französische Verbot werteten die Kanadier als Verrat, denn über Jahrzehnte war Frankreich wichtiger Abnehmer und engster Verbündeter der Kanadier gewesen. Mit dem Wechsel der Franzosen ins Lager der Asbestgegner stand plötzlich nicht nur der französische Markt auf dem Spiel. Es zeichnete sich ab, dass die Vehemenz, mit der die Franzosen sich jetzt gegen den Giftstoff einsetzten, schon bald auf die gesamte EU abfärben und zu einem europaweiten Verbot führen könnte. Kanada griff deshalb zu einem damals in Mode kommenden Mittel: Vertreter der Asbesthochburg erklärten, sie sehen im Verbot eine „ungerechtfertigte Handelsbeschränkung“ und beantragten ein Streitbeilegungsverfahren vor der WTO. 

Dieser Schritt brachte den kanadischen Produzenten anfänglich den erwünschten Abschreckungseffekt: Tony Blair, der, vor seinem Amtsantritt als britischer Regierungschef 1997, ein Asbestverbot erst angekündigt hatte, entschied nach der „Kriegserklärung“ Kanadas, mit einem Verbot abzuwarten, bis es von der EU verabschiedet werde, was erst 1999 der Fall war. Im Jahr 2000 schloss die WTO dann das Verfahren zugunsten Frankreichs ab. Die Welthandelsorganisation hielt an ihrem Entscheid fest, das französische Gesetz verstoße nicht gegen WTO-Recht und stelle eine notwendige Maßnahme zum Schutz des Lebens und der Gesundheit von Menschen, Tieren und Pflanzen dar. Kanada wollte den WTO-Entscheid nicht akzeptieren und legte Berufung ein. Erfolglos. 

Somit blieb der Asbestlobby Kanadas nur ein Mittel, um das krebserregende Mineral weiter ungehindert in Entwicklungsländer exportieren zu können: Die Aufnahme von Weißasbest in die Rotterdam-Konvention musste um jeden Preis verhindert werden. Drei Mal hatte sich Kanada durchsetzen können. Zum letzten Mal im Herbst 2006, als sich die rund 110 Mitgliedstaaten der Konvention mit dem Ziel in Genf versammelt hatten, Weißasbest auf die Liste der toxischen Substanzen zu setzen. Das Votum der Kanadier hatte bei den anderen Teilnehmern Entsetzen ausgelöst. In der Schlussabstimmung bekam Kanada aber Unterstützung durch Iran, Kirgistan, Peru, Indien und die Ukraine. Die sechs Stimmen reichten für das Veto. (Anm. d. Red.: Im Dezember 2008 wurde der Antrag von Kanada erneut blockiert, unterstützt von Ländern wie Indien und China.)

Zurzeit schaut nun alle Welt nach Turin – dort hat im Dezember der erste große Asbestprozess gegen die einstigen Besitzer des Unternehmens Eternit Italien begonnen. Endet dieser Prozess mit einem Schuldspruch gegen den Schweizer Asbestbaron Stephan Schmidheiny und seinen belgischen Geschäftspartner Jean-Louis de Cartier de Marchienne, besteht neue Hoffung im Kampf gegen die todbringende Faser. Die Asbestlüge hat dann vielleicht endlich ein Ende.

Aus: Maria Roselli, Die Asbestlüge – Geschichte und Gegenwart einer Industriekatastrophe, Rotpunktverlag, Zürich 2007, 239 Seiten, 24 Euro


Todkrank nach 35 Jahren
Flugzeuge, Hochhäuser, Schiffe, Thermoskannen – Noch immer umgibt uns Asbest, obwohl es in Deutschland verboten ist. Warum? Ein Gespräch mit dem Asbestexperten Hans-Joachim Woitowitz

Herr Woitowitz, obwohl Asbest seit 1993 in Deutschland verboten ist, umgibt es uns überall. Warum? Das EU-weite Verbot bezieht sich auf die Verarbeitung von Asbest. Fertige Produkte, in denen Asbest enthalten ist, dürfen aber weiter importiert werden, zum Beispiel Thermoskannen. Asbest umgibt uns außerdem weiterhin etwa in Hausdächern, Wasserleitungen, Fassaden, Schiffen und Heizanlagen.

Welche Eigenschaften machen das Mineral Asbest zu einem wichtigen Baustoff? Asbest besitzt ein gutes Isolationsvermögen im Brandschutz, er hat eine hohe mechanische Festigkeit und ist säurebeständig. Deshalb wurde Asbest im Nachkriegsdeutschland zum „Mineral der tausend Möglichkeiten“. An vielen Orten enthalten bis zu 50 Prozent der Hausdächer, die nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden, Asbest. Der jährliche Asbestimport in die alte Bundesrepublik betrug bis zu 170.000 Tonnen, in die ehemalige DDR bis zu 70.000 Tonnen. Rund 70 Prozent davon gingen in die Bauindustrie. Ganz besonders fürchten gelernt haben wir die Folgen der Spritzasbest-Technologie. 

Warum? Im Asbestzement ist das Mineral mit einem Anteil von rund elf Prozent fest eingebunden. Dagegen beträgt der nur locker gebundene Asbestanteil im Spritzasbest fast 90 Prozent. Er wurde noch in den 70er-Jahren etwa beim Bau von heute maroden Sport- und Schwimmhallen eingesetzt. Wenn von der Decke einer solchen Halle ein Stück Spritzasbest abblättert und auf den Boden fällt, wird es zu Staub zertreten und die Asbestfasern können eingeatmet werden. 

Welche Gefahr geht davon für Menschen aus? Asbest besitzt als Mineral eine faserige Struktur. Die nadelförmigen Fasern werden eingeatmet und gelangen in die Lunge. Dort werden die Abwehrzellen von den Fasern zerstört. Besonders in der Lunge kommt es zu Entzündungsprozessen, danach zur Vernarbung. Man nennt das dann: Lungenasbestose. Die Narbenbildung in der Lunge behindert den Gasaustausch – er macht ihn in fortgeschrittenen Stadien sogar unmöglich. Außerdem kann es zu gentoxischen Schädigungen der Zellen im Bereich des Atemorgans kommen, die zu bösartigen Tumoren führen können. 

Laut WHO arbeiten weltweit rund 125 Millionen Menschen an asbestexponierten Arbeitsplätzen. Wie viele dieser Arbeitsplätze befinden sich bei uns? Für Deutschland gibt es keine offiziellen Statistiken. Verwendet man aber die Zahlen der „Zentralstelle Asbest“ in Augsburg als Grundlage, sind seit dem letzten Weltkrieg bis zu 2,5 Millionen Menschen betroffen gewesen. Derzeit sind bei der Zentralstelle 550.000 ehemals asbestgefährdete Personen registriert. Rund 250.000 von ihnen werden in der arbeitsmedizinischen Vorsorge regelmäßig untersucht. Allein aus diesem Kreis werden jährlich 800 bis 900 Erkrankungsfälle gemeldet – deutschlandweit sind es schätzungsweise 8000. Außerdem gibt es etwa 70.000 Beschäftigte, die bei Sanierungen von Hochhäusern, Sporthallen, Dächern oder Heizkörpern, den dort verbauten Asbest entsorgen. Diese Arbeitnehmer sind potenziell gefährdet. 

Weshalb können in Deutschland Unternehmen kaum belangt werden, deren Mitarbeiter durch Asbest erkrankt sind? Unternehmer, die in ihrem Betrieb Asbest verarbeiteten und Menschen beschäftigten, die daran schwer oder sogar tödlich erkrankten, sind bis heute nicht als Person haftbar – in der Bismarck-Zeit wurde per Gesetz ihre Haftpflicht auf die Berufsgenossenschaften übertragen. Und diese haben in den 1980er-Jahren für die Anerkennung eines durch Asbest verursachten Lungenkrebs’ hohe Hürden aufgebaut: Die Grenze liegt bei tausend Asbestkörperchen pro Kubikzentimeter Lungengewebe. Wird dieser Grenzwert nicht erreicht und erkrankt ein durch Asbest gefährdeter Beschäftigter dennoch an Lungenkrebs, wird oft eine Entschädigung abgelehnt. 

Halten Sie den Grenzwert für angemessen? Nein, und ich erkläre Ihnen auch warum: Es gibt sechs Asbestarten. Der weiße Asbest wurde in Deutschland zu rund 94 Prozent verwendet. Er hat eine kristalline Struktur. Deshalb können seine Fasern in relativ kurzer Zeit in der Lunge abgebaut werden. Hat jemand weißen Asbest am Arbeitsplatz eingeatmet und ist 30 Jahre später an Lungenkrebs erkrankt, können die Fasern wieder abgebaut sein – und der Grenzwert wird nicht erreicht. Trotzdem war Asbest die Ursache. Man sollte also die tatsächliche – manchmal jahrzehntelange – Einwirkung von Asbest berücksichtigen.

Wie viele Menschen sterben in Deutschland an den Folgen einer Asbestvergiftung? Seit 1978 wurden fast 35.000 tödliche Asbesterkrankungen als Berufskrankheiten anerkannt. Jedes Jahr sterben etwa 1500 Patienten an Erkrankungen, die durch Asbest verursacht wurden. Rund 60 Prozent aller tödlichen Berufskrankheiten in Deutschland werden noch immer durch Asbest ausgelöst. Krebsgifte wirken wie Zeitzünder – die Einstellzeit des Zeitzünders von Asbesterkrankungen liegt bei rund 35 Jahren.

Interview: Vito Avantario