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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.14

Auf dem Trockenen

Text: Esther Göbel Fotos: Kukka Ranta

Sie hat so viele Nachbarn wie möglich zum Gebet zusammengetrommelt, ihr Rücken schmerzt, als sie gemeinsam niederknien. Doch Sehan Azzam, 76, ignoriert die Pein. Zweimal werfen sie sich vor Gott auf den Boden, so wie in jedem Gebet, die Februarsonne steht tief am Horizont, sie bitten um Regen. Gott wird es richten, so hofft Sehan Azzam, sie weint, während sie zum Allmächtigen spricht, Allahu akbar, Gott ist groß. Das Dorf braucht den Regen. Dringend.

„Dieses Jahr ist bis jetzt das schlimmste überhaupt“, wird ihr Ehemann Abu Azzam, 71 Jahre alt, drei Söhne, vier Töchter, 28 Enkelkinder, später zur Erklärung sagen, fast drei Monate lang hat es nicht geregnet. „Noch nie vorher musste ich meine Felder schon im Februar bewässern.“ Der palästinensische Bauer lebt in dem Dorf Jayyous im Nordwesten des Westjordanlandes nahe der israelischen Grenze. 3700 Einwohner, bucklige Straßen, mittags legt sich die Hitze wie eine staubige Decke über das Dorf. Mehr als 300 Sonnentage im Jahr – Wasser ist hier so heilig wie die Al-Aqsa-Moschee im nahen Jerusalem. Doch Abu Azzams Problem ist nicht nur der fehlende Regen. Abu Azzams Problem ist die Politik. Diese regelt im Westjordanland genau, welche Menge Wasser dem Bauern im Jahr zur Verfügung steht. Doch wie viel genug ist oder gar gerecht, darüber streiten sich Israelis und Palästinenser, Wissenschaftler, Politiker und Journalisten seit Jahrzehnten. Wasser ist im Nahen Osten von Natur aus Mangelware und hat deshalb seit jeher eine besondere Symbolik.

Als Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, im Februar vor der israelischen Knesset die Wasserpolitik des Landes als ungerecht gegenüber den Palästinensern kritisierte, führte dies zu einem Eklat; mehrere Abgeordnete verließen empört den Saal. In den folgenden Tagen mäanderten widersprüchliche Zahlen durch die Presse. Aber sie alle zeigten, dass Wasser als Problem im Nahost-Konflikt behandelt wird wie ein rohes Ei.

Fest steht: Einen Teil ihres Wassers müssen die Palästinenser von Israel kaufen. Die Zahlen zum Wasserverbrauch bei der Seiten schwanken extrem – je nachdem, welcher Quelle man glaubt. Der Grund: Sie gehen von unterschiedlichen Bevölkerungszahlen und Verwendungszwecken aus. So berechnet die israelische Menschenrechtsorganisation B’tselem, dass ein Palästinenser im Schnitt 73 Liter am Tag verbraucht. Amnesty International kommt mit 70 Litern auf einen ähnlichen Wert, in einigen ländlichen Gemeinden des Jordantals und rund um das Tote Meer liegt der Wert nach Angaben der Vereinten Nationen noch weit darunter – bei 20 Litern pro Kopf und Tag. Die israelische Wasserbehörde hingegen spricht von einem täglichen Pro-Kopf-Verbrauch von 348 Litern. Und sie verweist darauf, dass den Palästinensern sogar mehr Wasser zur Verfügung gestellt würde, als die Verträge zwischen beiden Seiten vorsähen. „Israel verkauft mehr Wasser“, sagt Naama Baumgarten-Sharon von B’tse-lem, „aber die Palästinenser haben noch immer weniger Wasser zur Verfügung, als sie fünf Jahre nach dem Oslo-II-Abkommen von 1995 hätten haben sollen. Zumal mittlerweile zwanzig Jahre vergangen sind“, erklärt sie weiter. „Die Bevölkerung ist gewachsen und damit auch ihr Bedarf.“

Dem gegenüber stehen die Zahlen für die israelische Seite: Der Wasserverbrauch liege dort, so B’tselem, bei durchschnittlich 183 Litern pro Kopf und Tag. Die israelische Wasserbehörde jedoch gibt an, ein Israeli verbrauche im Schnitt 375 Liter, Amnesty International rechnet in einem Bericht von 2009 mit 300 Litern – und stellt weiter fest, dass den zahlreichen jüdischen Siedlern im Westjordanland im Gegensatz zu den palästinensischen Nachbarn unbegrenzt viel Wasser zur Verfügung stehe.

Bei aller Verwirrung bleibt unbestritten: Die israelische Seite verfügt über einen weitaus freieren Zugang zu Wasser als die palästinensische. Auch weil Israel ein Vetorecht im gemeinsamen Joint Water Committee hat. Ursprünglich war die israelisch-palästinensische Wasserbehörde bei den Oslo-II-Verhandlungen nur als Übergangslösung gedacht; gemeinsam sollten beide Parteien über die Wasserversorgung im Westjordanland entscheiden. Doch die Interimslösung existiert bis heute – und von einer gleichberechtigten Kooperation kann keine Rede sein. „Das Vetorecht Israels verhindert auf der palästinensischen Seite eine Verbesserung der Wasser-Infrastruktur sowie den Ausbau von Ressourcen“, sagt Baumgarten-Sharon, „und damit auch die Angleichung an den heutigen Bedarf.“

In der Praxis bedeutet das: Im Norden des Westjordanlandes und im Jordantal sitzen die Palästinenser in den heißesten Monaten oft auf dem Trockenen. Zudem zerstört das israelische Militär in manchen Teilen des Westjordanlandes immer wieder Wasserquellen und Zisternen, oder jüdische Siedler nehmen sie in Beschlag.

Bauer Abu Azzam bestimmt nicht selbst, welche Menge ihm für seine 2000 Oliven-, 800 Mandarinen-, Zitronen- und Orangenbäume, für die Avocados, die Mispeln und Guaven zur Verfügung steht. Ein kleines Papier teilt ihm eine Literanzahl pro Jahr zu. Abu Azzam fingert es aus einer Plastikfolie, die Hände rau und gegerbt von der Arbeit unter der Sonne. Die Lizenz, die er jedes Jahr neu bei der israelischen Wasserbehörde beantragen muss, sagt: 124.000 Kubikmeter Wasser darf er in diesem Jahr verbrauchen; knapp 50 Schwimmbecken voll. Diese Wassermenge teilt er sich allerdings mit rund 100 anderen Bauern aus dem Dorf, die ebenfalls alle eine israelische Genehmigung benötigen. Denn Azzams Land sowie die Quelle, die er zur Bewässerung seiner Plantagen nutzt, liegen in der „Seam Zone“. Sie wird zum einen von der Demarkationslinie abgeschlossen, die international – auch von den Palästinensern – als Grenze zwischen Israel und den besetzten Gebieten, von Israel aber lediglich als Verhandlungsgrundlage anerkannt wird. Auf der anderen Seite steht jene Sperranlage, die sich in Form von Zäunen, Straßen und in manchen Orten als Mauer durch palästinensisches Gebiet zieht. Sie ist nach internationalem Recht illegal. Das Land dazwischen wird von Israel verwaltet und kann von Palästinensern nur noch mit Bewilligung der israelischen Behörden betreten werden. Deswegen braucht Abu Azzam für jeden Schritt auf seinem eigenen Stück Boden eine Genehmigung. Und eben für jeden Liter Wasser, den er verbraucht.

Sein Dorf verfügt über fünf Quellen. Theoretisch böten diese genug Wasser, um den Bedarf der Bewohner von Jayyous zu decken, sagt Azzam. Doch alle fünf Wasserzugänge liegen in der Seam Zone und werden damit von den israelischen Behörden kontrolliert. Steht der Trennungszaun erst einmal, wird nur noch eine der vier Quellen auf der palästinensischen Seite liegen. So mangelt es Abu Azzam und den anderen Bauern in Jayyous letztlich nicht an Wasser – der Zugang zu diesem ist das Problem.

„Irgendwann braucht man auch noch eine Genehmigung, wenn man seine Frau anfassen will“, sagt Azzam und lacht, während er seine Gebetskette lautlos durch die Finger gleiten lässt; es klingt nur halb nach einem Scherz. Das Leben in Jayyous ist ein Leben im Konjunktiv – „hätte, wäre, könnte“: Hätte Bauer Azzam mehr Wasser, könnte er mehr Mangos anbauen.

Er würde mehr verdienen als die 23 Schekel, die ihm etwa eine Kiste Mispeln auf dem Markt einbringt. Wäre die Wassermenge, die ihm zur Verfügung steht, nicht streng limitiert, könnte er auch im Juli und August nachts seine Felder durchgehend bewässern, so wie er es früher getan hat. Und würden die israelischen Behörden dem Dorf endlich die schriftliche Erlaubnis erteilen, das eigens angefertigte Pumpsystem ans lokale Stromnetz anzuschließen, könnte Wasser aus drei der fünf Quellen zu einem günstigen Preis von der Seam Zone in das dorfeigene Reservoir transportiert werden.

Aber so ist es eben nicht. Abu Azzam und seine Frau ertragen die Realität mit tiefem Gottesglauben und stoischer Zuversicht. Sie sind trainiert im Geduldig sein. So warten sie also wieder. Auf Regen und die nächste Genehmigung, diesmal für die Wasserpumpe. Sie werden beten, der Allmächtige wird es richten. Inshallah, so Gott will.