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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.05

Aufstand der Forscher

Text: Kirsten Brodde

In die Abwehr von Bioterrorismus fließen enorme Summen, die dem Kampf gegen tödliche Krankheiten wie Malaria, Aids und Tuberkulose fehlen. Jetzt wehren sich die Wissenschaftler

Mehr als 750 Wissenschaftler haben in einem offenen Brief im Fachblatt „Science“ kritisiert, dass enorme Summen in die Forschung an exotischen Erregern wie Milzbrand (Anthrax), Ebola und Pocken fließen, während Krankheiten wie Tuberkulose, Malaria oder Gelbsucht sträflich vernachlässigt würden. „Alleine an Tuberkulose erkranken in den USA jährlich mehr als 17.000 Menschen“, sagt Richard Ebright (Foto), der Initiator des Briefes, „bei den Anthrax-Attentaten im Herbst 2001 starben nur fünf.“

Anthony Fauci, der für die Nationalen Gesundheitsinstitute (NIH) den Anti-Bioterror-Etat verwaltet, mag das Missverhältnis nicht sehen: In die Erforschung der Killerkeime werde nur „neues Geld“ gepumpt, die anderen Etats seien nicht angetastet worden.

Doch dies ist falsch, wie die Abrüstungsinitiative „Sunshine Project“ anhand Daten des NIH belegen kann: In die Forschung an waffentauglichen Mikroben flossen in den Jahren 2002 bis 2004 insgesamt 305 Millionen US-Dollar – eine 20fache Steigerung gegenüber dem Budget 1999 bis 2001. Gleichzeitig sanken die Mittel für Tuberkulose, Malaria oder Gelbsucht um fast den gleichen Betrag. „Entweder sagt Fauci nicht die Wahrheit oder er kennt seine Zahlen nicht“, sagt Ed Hammond vom „Sunshine Project“.

Für den Bakterienspezialisten Richard Ebright ist der Aufstand der Forscher ein längst überfälliges „Misstrauensvotum“ gegen die Forschungspolitik der Bush-Regierung. „Sie wollten das Land sicherer machen. Tatsächlich haben sie neue Risiken geschaffen“, kritisiert der Forscher. Denn durch die inzwischen über 300 Labore in den USA, die an biowaffenfähigen Erregern forschen dürfen, steige die Gefahr, dass solche Killerkeime aus den Hochsicherheitstrakten entkämen. Auch die Kompetenz der 12.000 – zum Teil wenig erfahrenen – Forscher zweifelt er an.

So arbeiteten am Children’s Hospital im kalifornischen Oakland Impfstoff-Entwickler ungewollt mit einem hoch infektiösen Milzbranderreger. Erst als Labormäuse reihenweise starben, merkten sie, wie gefährlich der Bakterienstamm war. „Sie haben per Post denselben Erreger von einem Labor zum anderen verfrachtet, die seinerzeit der Anthrax-Attentäter verschickt hat“, sagt Ebright. Was im Herbst 2001 weltweit Hysterie auslöste, tat die Nationale Seuchenkontrolle (CDC) diesmal als nicht weiter beunruhigend ab.

Das sehen viele US-Forscher anders. Als Echo auf die Kritik ihrer Kollegen schickten nun auch 76 NIH-Angestellte einen Protestbrief an ihren bislang uneinsichtigen Boss Elias Zerhouni. „Die Gesundheit der Nation steht auf dem Spiel“, betont der Initiator Michael Yarmolinsky vom Nationalen Krebsforschungsinstitut. Offenbar lenkt Zerhouni ein: Im Mai will sich der NIH-Direktor mit den Kritikern treffen.