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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.15

Aus dem Netz in die Natur

Text: Leonie Sontheimer

Die Zahl der Geocacher wird immer größer. Welche Chancen birgt die GPS-Schatzsuche für den Naturschutz? Wir gehen mit auf Tour

Uli Malende war selbst einer der Schüler, die nie auf den Schulhof wollten. Kalt und langweilig sei es dort gewesen, vor dreißig Jahren. In Berlin-Buch beobachtet der Sozialarbeiter und Medienpädagoge heute das gleiche Phänomen: Selbst im Sommer verstecken sich die Schüler drinnen, weil sie im Sonnenlicht die Displays ihrer Smartphones nicht erkennen können. Mit Geocaching hat der 38-Jährige einen Weg gefunden, die internetfixierte Jugend in die Natur zu lotsen.

An einem grauen Donnerstag geht es für fünf Jungs zwischen 14 und 16 Jahren raus an den Malchower See. Drei Verstecke wollen sie heute finden; Schwierigkeitsgrad 2 von 5. Seit einem Jahr gibt es die satellitengestützte Schatzsuche an der Hufeland-Schule. „Die Schüler finden das GPS-Gerät cool und ich locke sie damit raus in die Realität“, sagt Malende. Auf der Busfahrt zum See gucken die Jungs abwechselnd auf ihre Smartphones und aus dem Fenster. Sie rätseln, was das wohl sei, das dort auf dem Feld wächst, und tauschen im nächsten Moment ihre neuesten Erfolge in einem Computerspiel aus.

Etwa einen Kilometer vor dem See hält der Bus in einer kleinen Ortschaft. Ab jetzt lassen sich die Schüler von Satelliten navigieren. Das handgroße GPS-Gerät, das die Positionssignale empfängt, zeigt auf einer digitalen Karte die Laufrichtung an. Bald führt der Weg von der Straße weg und hinein ins Unterholz. Die Schüler bewegen sich trittsicher und schnell durch den Wald. Auf einer Lichtung beginnt die Suche nach dem ersten Cache, also Versteck. Genauer als auf zehn Meter kann das GPS-Gerät die Position nicht bestimmen. Nun kommt es auf Entdeckergeist und Geocaching-Erfahrung an.

Gemeinsam erkunden sie den Platz, drehen jeden Stein um. Neben einer Holzbrücke kniet Eric sich hin und schiebt ein paar Blätter zur Seite. Tatsächlich, hier hat ein anderer Geocacher eine kleine Filmdose versteckt, eingefasst in ein Stück Holz. Der Cache ist gut getarnt und somit unsichtbar für Geomuggel – wie Nicht-Cacher genannt werden.

Die Freude über den Fund ist groß, wenn sie auch mit lässigen Kommentaren überspielt wird. In der Filmdose steckt eine winzige Papierrolle, auf der Usernamen mit Datum notiert wurden. Eric fügt seine Gruppe hinzu. Manche Caches werden so oft aufgesucht, dass die Verstecker, Owner genannt, schon mal ein volles Logbuch austauschen müssen.

In den letzten Jahren ist die nichtkommerzielle Schatzsuche immer beliebter geworden. Viele Familien haben Ausflüge in die Natur damit wieder zu einer regelmäßigen Wochenendaktivität gemacht. Und Naturschützer hegen die Hoffnung, dass dadurch das Naturbewusstsein gefördert wird.

„Geocaching birgt ein großes Potenzial für die Umweltbildung. Diese Freizeitaktivität könnte viel stärker eingesetzt werden, um Menschen anzusprechen, die ansonsten für Naturschutzthemen nicht zugänglich sind“, sagt Ralf Grunewald vom Bundesamt für Naturschutz (BfN). Menschen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen seien involviert.

Wer Geocaching mit Umweltbildung verbinden möchte, findet ein überwältigendes Angebot. In vielen Großschutzgebieten wie Nationalparks, Biosphärenreservaten oder Naturparks werden Lehrpfade mit GPS-Geräten angeboten, fast jede Woche kommen Geocacher irgendwo in Deutschland zu einem Cache-in-trash-out zusammen und sammeln während ihrer Tour Müll.

Eine Umfrage des BfN brachte aber auch Probleme zutage: Die Hälfte aller 173 befragten Behörden, Verbände und Einzelpersonen meldeten Caches in sensiblen Gebieten, in denen bedrohte Arten vorkommen. Da die Koordination des weltweiten Spiels über verschiedene Internetseiten stattfindet, gibt es keine allgemein verbindlichen Regeln zum Verhalten.

Die Deutsche Wanderjugend, die eine große Datenbank für Caches in Deutschland betreut, gibt eine Reihe von Empfehlungen für naturverträgliches Geocaching und weist auch auf gesetzliche Bestimmungen hin: In Naturschutzgebieten dürfen Caches nicht außerhalb der Wege verborgen werden, Verstecke in ungenutzten Gebäuden, Höhlen und Baumhöhlen sollen vermieden werden, da in ihnen häufig Fledermäuse, Spechte, Eulen und Siebenschläfer leben. Caches in Brutgebieten oder Winterschlafquartieren geschützter Arten sollen während dieser Zeiten deaktiviert werden. Dem steht der Trend gegenüber, immer ausgefallenere Verstecke zu finden. Für viele Cacher gehören Kletter- oder Tauchausrüstung genauso zum Spiel wie der GPS-Empfänger.

Die jungen Geocacher der Hufelandschule sind durch ihr neues Hobby jede Woche draußen, auch bei Regen. So erleben sie den Wechsel der Jahreszeiten und der Vegetation. Doch nach anderthalb Stunden und drei gefundenen Caches können die Jungs kaum den Döner erwarten, den sie sich in der Stadt kaufen wollen.

Was ist Geocaching?
Das Erste, was Dave Ulmer im Mai 2000 tat, als das US-Militär die Verschlüsselung von GPS-Signalen aufhob, war, einen schwarzen Plastikeimer zu vergraben. Im Internet gab der amerikanische IT-Experte die Koordinaten des Verstecks an und lud dazu ein, den mit CDs, einer Videokassette, Geld, einem Buch, einer Steinschleuder und einer Dose Bohnen gefüllten Eimer zu suchen. Inzwischen nutzen Millionen Menschen weltweit die Möglichkeit, Positionen per GPS-Signal auf bis zu zehn Meter genau zu bestimmen, zum Spielen. Ausgestattet mit GPS-Gerät oder Smartphone streifen die modernen Schatzsucher durch Felder und Wälder, spüren witterungsbeständige Dosen auf und tragen sich in kleine Logbücher ein. Im Internet veröffentlichen die stolzen Finder Fotos in verschiedenen Datenbanken. Die größte führt geocaching.com. Hier sind die GPS-Daten von weltweit über 2,5 Millionen aktiven Caches gespeichert; rund davon 340.000 sind in Deutschland versteckt. In der Stadt, auf dem Land, selbst im Vatikan – die meisten Menschen in Europa und Nordamerika leben nur einen kurzen Fußweg entfernt vom nächsten Cache. Viele Verstecker binden ihre Caches thematisch in die Umgebung ein. Besonders gefragt sind mittlerweile extravagante Verstecke in Höhlen, auf Bäumen und unter Wasser.

geocaching.de
Die Seite gibt Tipps für Geocaching im Einklang mit der Natur
bit.ly/gpm1502
Hier gibt es eine Deutschlandkarte mit naturfreundlichen Geocaches für Kinder