Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.15

Balanceakt für die Umwelt

Text: Xifan Yang

Das junge Team von Greenpeace Peking arbeitet mit Sachverstand und Fingerspitzengefühl für die Energiewende – und hat sich damit Respekt verschafft

Freitagmorgen, 9.30 Uhr. Die Letzten schieben ihre Räder ins Büro, jemand steckt den Kopf zur Tür rein: „Achtung! Meeting in 15 Minuten, bringt eure Evernotes mit!“ Fast alle Büroplätze sind besetzt, dabei dürfen die Greenpeace-Mitarbeiter ab 200 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Homeoffice beantragen. Blick aus dem Fenster: Die Januarsonne versteckt sich hinter einem Schleier, auf den Straßen herrscht gespenstische Ruhe. Zhang Kai tippt auf seinem Handy die Smog-App an: 546 Mikrogramm. Warum bleibt niemand zu Hause? „Zu viel zu tun“, sagt der Senior Campaigner und seufzt. „Außerdem haben wir hier bessere Luftreiniger.“

Das Thema Smog beschäftigt Zhang rund um die Uhr. Der 31-Jährige ist verantwortlich für Klima- und Energiekampagnen, mit elf Kollegen ist seine Abteilung die größte im Pekinger Greenpeace-Büro. Und derzeit die wichtigste. Angesichts der katastrophalen Luftwerte erstaunt es, dass er sagt: „Wir sind auf dem richtigen Weg.“ Aber Zhang klingt überzeugt. Die Luftqualität in der Hauptstadt hat sich im Vergleich zum Vorjahr verbessert, um vier Prozent immerhin. Zum ersten Mal überhaupt ist der Kohleverbrauch zurückgegangen – das Resultat einer aktuellen Greenpeace-Studie, an der Zhang mitgearbeitet hat. 2011 startete seine Abteilung die Kampagne „Coal East“. Das Ziel: der Kohleverbrennung in den industrialisierten Küstenregionen den Kampf anzusagen. Zhangs Campaigner fuhren mit Messgeräten durch die Provinzen, übergaben den Laboren der Peking-Universität ihre Luftproben. Der Hauptverursacher des Smogs, kam dabei heraus, waren tatsächlich Kraftwerke, die Kohle verheizten.

Nachdem Greenpeace die Ergebnisse präsentiert hatte, liefen auf den sozialen Netzwerken Sina Weibo und WeChat die Diskussionen heiß. „Irgendwann rief jemand vom Umweltministerium bei uns an: ‚Danke für den Bericht‘, sagte er.“ Zhang lacht. Seit Jahren sei die Regierung intern uneinig gewesen: Das Umweltministerium sprach sich für die Kohlereduzierung aus, Provinzkader, die ihre Konjunktur gefährdet sahen, dagegen. „Wir brachten uns als unabhängige Stimme in die Debatte ein.“ Man hörte sie: 2013 verabschiedeten die Provinzregierungen im Osten neue Richtlinien zum Kohleverbrauch. Ein Jahr später verringerte er sich bereits. „Ein Meilenstein“, so Zhang. Kampagnenziel erreicht.

Erfolge wie diese sind alles andere als selbstverständlich. Die Geschichte von Greenpeace in China ist jung, das Pekinger Büro gibt es erst seit 2002. Nach mehreren Umzügen findet man es heute im dritten Stock eines unscheinbaren Wohnblocks unweit des Arbeiterstadions im Stadtteil Chaoyang. 82 Kollegen arbeiten hier, das Durchschnittsalter im Team liegt bei 30. Manche kommen frisch von der Uni, andere waren früher Anwälte, Journalisten, Ingenieure und Firmenmanager. Viele sind eigens nach Peking gezogen, um für Greenpeace zu arbeiten. „Trotzdem sind wir bei weitem nicht genug“, sagt Ma Tianjie, 32. Ma ist Programmdirektor und hat sämtliche Kampagnen in China im Blick. Das Arbeitspensum sei enorm, sagt er, während er schnellen Schrittes durch die Büroflure führt.

Nirgendwo leiden Mensch und Natur so sehr unter Umweltproblemen wie in China: vergiftete Luft, vergiftete Böden, vergiftete Lebensmittel, vergiftete Meere, knappe Ressourcen, Wüstenbildung, Waldsterben. Ma deutet auf Fotos an der Wand: das geschminkte Model vor dem trüben Meerwasser – die Kampagne gegen die laxen Umweltbestimmungen in der Textilindustrie. Die Männer in weißen Overalls, die auf einen gigantischen schwarzen Berg klettern – Greenpeace-Mitarbeiter, die giftigen Düngerabfall untersuchen. Die Gruppe, die in einem Ölteppich watet – Aufräumarbeiten nach einem folgenschweren Rohrbruch in Dalian 2010.

„Unsere Action Unit ist rund ums Jahr unterwegs“, sagt Ma. Neben der Teeküche zeigt er das provisorische Lager: Kisten über Kisten mit Schutzanzügen, Stativen, Messgeräten und allerlei Werkzeug, immer einsatzbereit.

Bevor Ma vor drei Jahren zu Greenpeace stieß, studierte er in Washington Umweltpolitik. Die Jahre in den USA haben ihn geprägt, er lässt gerne Begriffe wie „Verhaltenswandel“, „Interaktion“ und „psychologische Grenzen“ fallen. Mit Letzteren hatte Greenpeace in China gerade in seiner Anfangszeit zu kämpfen: „NGOs sind ein vergleichsweise neues Phänomen“, sagt Ma. „Oft wurden wir gefragt: ‚Warum sollten wir mit euch sprechen?’“ Es habe eine „Kennenlernphase“ gegeben, in der es vor allem darum ging, Vertrauen und Legitimation aufzubauen. Die gesellschaftlichen Voraussetzungen seien ganz andere als im Westen: „Es gibt keine eingespielte Interaktion zwischen Regierung, Unternehmen und Bürgern.“

Doch das Interesse in China an Umweltschutz wächst und wächst. „Die vielen Missstände sind eine Chance für uns“, sagt Programmdirektor Ma. Knapp die Hälfte des Pekinger Teams arbeitet in der Kommunikation: In einem bunt bemalten Raum sitzen drei Dutzend Kollegen an langen Tischen zusammen. Sie stellen Forschungsergebnisse und Verbrauchertipps ins Internet, kontaktieren Journalisten, werben bei sogenannten „Opinion Leaders“ in den sozialen Netzwerken um Unterstützung. Auf Sina Weibo, dem chinesischen Twitter, hat Greenpeace 120.000 Follower, die als liberal geltende Zeitung „Southern Weekend“ hat Greenpeace-Studien schon zweimal auf die Titelseite gehoben. Auch andere kommerzielle Medien lassen Greenpeace gerne zu Wort kommen. Viele Internetseiten haben mittlerweile eigene Umweltrubriken. Und staatliche Organe wie die China Daily? Ma macht eine Pause. Er schmunzelt: „Die natürlich nicht.“

Die Arbeit in China ist ein Balanceakt. Trotz aller Fortschritte sind Nichtregierungsorganisationen der Kommunistischen Partei grundsätzlich suspekt. Greenpeace-Demonstrationen in Peking oder anderen Großstädten zu organisieren sei undenkbar, sagt Ma. „Wir wollen zwar eine konfrontative Organisation bleiben und unsere DNA behalten. Ebenso müssen wir uns aber den politischen Gegebenheiten fügen.“ Wenn das investigative Team zu Einsätzen ausrückt, um etwa die Missachtung von Umweltschutzgesetzen in einer Fabrik zu ermitteln, werden zunächst alle Risiken abgewogen. Unsichtbar bleiben, auf keinen Fall Streit anzetteln, keine Provokationen, lautet die Devise. „Wenn du in Deutschland festgenommen wirst, bist du spätestens nach einigen Tagen wieder frei. In China weiß keiner, wie lange es dauert.“ Bislang wurde noch kein Greenpeace-Mitarbeiter verhaftet.

Auch bei öffentlichen Aktionen geht man in Peking mit besonderer Vorsicht vor: Da Banner als politisches Protestmittel gelten, werden allenfalls Dia-Projektionen an Wände geworfen – „das geht mehr oder weniger als Kunst durch“, sagt Ma. Allzu große Sorgen macht er sich nicht. Dass Umweltschutz nötig sei, gelte in der chinesischen Politik inzwischen als Konsens. Gelegentlich fragt die Regierung nun sogar Kooperationen an. Wie neulich, als das Forstministerium Greenpeace darum bat, Experten zu schicken, um seinen Beamten zu zeigen, wie man auf Satellitenbildern illegale Rodungen aufspürt.

Die „Kennenlernphase“ ist vorbei. Auch in Unternehmen wird jetzt nicht mehr aufgelegt, wenn jemand von Greenpeace anruft. Seit einem Jahr veranstaltet das Pekinger Büro regelmäßig Konferenzen für Greentech-Firmen, die in erneuerbare Energien investieren. Heute hat Greenpeace am Nachmittag in den Konferenzsaal des Asia Hotels zwei Straßen weiter eingeladen: Xu Man, 28, Klima-Campaignerin, steht am Eingang und begrüßt Solarproduzenten, Banker und Klimaexperten. 50 Gäste sind ihrem Aufruf gefolgt, sich „Zur Finanzierung von Solaranlagen in dörflichen Regionen“ auszutauschen. „Wir wollen nicht nur kritisieren“, sagt Xu, „sondern auch Plattformen schaffen und konstruktive Beiträge leisten.“

Nach der Veranstaltung zeigt sie sich zufrieden: Die Solarhersteller haben versprochen, mehr in der Provinz zu investieren, eine Bank hat neue Kreditmodelle angekündigt. Xu steckt ihre gesammelten Visitenkarten ein. Dann macht sie sich auf den Weg zurück ins Büro, tritt ins Freie und setzt ihren Mundschutz auf.