Greenpeace Magazin

Ausgabe 5.14

Barmherzige Birne

Barmherzige Birne

Heute würde man wohl das Jugendamt verständigen. Aber um 1750 war man noch ohne Argwohn gegen liebe Opas. Und so konnte Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland („Ein Birnbaum in seinem Garten stand“) unbehelligt am Zaun lehnen und halb verhungerte Bauernkinder beiderlei Geschlechts in Märkischem Platt anlabern: „Junge, wiste ‘ne Beer?“ Und: „Lütt Dirn, kumm man röwer, ick hebb ‘ne Birn.“

Die Birnen aus Theodor Fontanes Ballade gehören zu den haltbarsten der Literaturgeschichte: Obsternte für immer, in jedem Lesebuch. Es ist kaum zu glauben, aber passend, dass Birne auf Türkisch armut heißt. Aus dem anatolischen Kaukasus stammt das Rosengewächs. Seine wilden Früchte kannte man dort schon vor 5000 Jahren. In Babylon war der Birnbaum heilig. Und Homer hat angeblich gesagt: „Saftige Birnen in einem Gericht sind ein Geschenk Gottes.“

Man sollte Äpfel unbedingt mit Birnen vergleichen. Denn die Birne macht dabei keine schlechte Figur. Sie ist mehr als die pappig süße, etepetete  Kernobstschwester des Apfels. Während der seinen mit reichlich Fruchtsäure gedopten Geschmack forsch serviert, enthüllt die Birne ihre komplexen Anis, Muskat, Rosen, Nuss- und Honignoten subtiler. Sie ist nichts für auf die Hand. Man muss schon hinschmecken. Vor allem aber kann sie nichts dafür, dass man unter dem Nachtischklassiker Birne Helene (Poire Belle Hélène) heutzutage Dosenobst mit Schokosoße aus der Standtube versteht.

Es gibt um die 5000 Birnensorten, darunter so klangvolle wie Sommerzitrone, Großer Katzenkopf und Gute Luise. Die meistgepflanzte ist Williams Christ. Sie ist unter Schnapsbrennern beliebt und war 1922 eine der sechs „Reichsobstsorten“, die als robust, ertragreich und wohlschmeckend zum alleinigen Anbau in Deutschland empfohlen wurden – lange vor irgendeinem EU-Diktat. Später hatte der Reichsnährstand andere Sorgen.

Der britische Koch Nigel Slater vergleicht die reife Birne mit einer Schneeflocke, die man „erhascht, zärtlich hält und kurz bestaunt, bevor sie für immer verschwunden ist“. Man sollte das enge Zeitfenster zwischen hart und matschig nutzen, um die fragile Frucht einmal nicht mit Mandeln in einer Tarte zu versenken. Sie harmoniert auch mit bitteren Salaten, Walnüssen, Fenchel, Brunnenkresse und Spinat. Im Kontrast zu Roquefort, Parmesan sowie fast jedem anderen Käse entfaltet sich ihre Süße. Sie passt überdies zu salzigem Rohschinken und knusprigem Speck.

Die erste Frucht, die wir essen, ist oft eine Birne. Buttrig schmeichelt sie dem Babygaumen und löst im Gegensatz zum Apfel selten Allergien aus. Sie hat auch mehr Ballaststoffe als dieser. Und ihr hoher Gehalt an Kupfer, Selen, Kiesel und Phosphorsäure macht sie zur perfekten Nervennahrung für Schüler, die Fontane-Balladen pauken müssen: Da hat man was in der Birne. Es ist nicht nur eine Verdrehung botanischer Tatsachen, dass die Satirezeitschrift Titanic einen Kanzler namens Kohl zur „Birne“ erhob, es ist auch frech – der Birne gegenüber.

CHICORÉESALAT MIT BIRNE & ROQUEFORT VON ORATHAY SOUKSISAVANH VON VANIA NICOLCIC

ZUTATEN FÜR 4 PORTIONEN:
4 EL Walnussöl
3 EL Sherryessig
Salz und Pfeffer
120 g Roquefort
2 Chicorée
250 g Radicchio di Treviso
1 Birne (125 g)

ZUBEREITUNG:
1. Öl, Essig, Salz und Pfeffer zu einem Dressing mischen. Roquefort klein würfeln oder zerbröckeln
2. Chicorée und Radicchio waschen und längs vierteln. Die Viertel mit dem Gemüsehobel zu langen Streifen verarbeiten. Das Dressing mit Chicorée, Radicchio und Roquefort gründlich mischen
3. Die Birne waschen und mit einem extra Hobel oder einem scharfen Messer in feine Streifen („Juliennes“) schneiden. Chicoréesalat auf Tellern anrichten und mit Birnenstreifen garniert sofort servieren.