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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.14

Beliebter „Veggie Day“

Text: Oliver Eberhardt

In Deutschland ein Flop, in Israel top: In vielen Mensen und Kantinen wird montags fleischlose Kost serviert

Alle Gerichte in der Auslage dampfen und sehen lecker aus. „Also, ich würde das hier empfehlen“, ruft Rina Gal-On von der anderen Seite der Glastheke und deutet auf den Teller mit den Schnitzeln. Sie lacht. „Keine Sorge, da ist kein Fleisch drin, probieren Sie es aus.“ Die Leiterin der Kantine im Jerusalemer Hadassah-Krankenhaus ist an die Reaktionen ihrer Kundschaft gewöhnt: Denn hier, so kündigt ein Schild am Eingang an, wird der „Montag ohne Fleisch“ eingehalten. Und heute ist Montag.

„Meatless Monday“ ist eine Initiative des Ex-Beatles Paul McCartney, die dazu aufruft, an einem Tag in der Woche kein Fleisch zu essen. International funktioniert das mal mehr, mal weniger gut. In Belgien setzt die Stadt Gent das Konzept erfolgreich um. In Großbritannien machten einige Gewerkschaften dagegen mobil. Und in Deutschland schlug den Grünen eine Welle der Entrüstung entgegen, als sie vor der Bundestagswahl 2013 einen „Veggie Day“ vorschlugen.

In Israel dagegen wurde daraus eine Massenbewegung, zu der sich laut einer Umfrage 20,8 Prozent der Bevölkerung bekennen. Die Zahl derjenigen, die tatsächlich mitmachen, dürfte sehr viel höher sein. Denn mittlerweile haben so gut wie alle Regierungsbehörden, die Kantinen von mehr als 150 Unternehmen, die größten Krankenhäuser des Landes und ein großer Teil des Militärs den fleischlosen Wochentag eingeführt. Bei der Armee habe vor allem das zunehmende Übergewicht der Soldaten im Verwaltungsdienst den Ausschlag gegeben, heißt es.

Bei der Umstellung hilft die Organisation „Scheni lelo besar“ (auf Deutsch: „Montag ohne Fleisch“) mit Rezeptvorschlägen und Argumenten. Die Gruppe leistet seit 2012 auf Initiative der Fernsehmoderatorin Miki Chaimowitsch Überzeugungsarbeit bei Unternehmen, Politikern und in der Öffentlichkeit. Meist müsse man nicht lange reden, um Skeptiker zu überzeugen, sagt Liat Zwi, eine der Mitbegründerinnen der Initiative: „Viele Menschen machen sich ohne hin schon Gedanken über die Verschwendung von Ressourcen und ihre eigene Gesundheit.“ Vor allem Gefäßerkrankungen nehmen in Israel zu. Das Schicksal des stark übergewichtigen ehemaligen Ministerpräsidenten Ariel Scharon, der Anfang 2014 nach acht Jahren im Koma starb, hat zu Gesundheitsdebatten in der Öffentlichkeit geführt.

Förderlich ist auch eine Besonderheit Israels: Religiöse Juden dürfen Produkte aus Milch und Fleisch nur streng getrennt zu sich nehmen. Deshalb servieren alle öffentlichen Kantinen und die meisten Restaurants entweder Fleisch oder nur vegetarische Gerichte. Auch sind die beiden bei Juden und Arabern gleichermaßen beliebten Nationalgerichte Hummus und Falafel vegetarisch.

Hinzu kommt, dass viele Israelis mit ihrem monatlichen Einkommen nicht auskommen. Fleisch ist für sie Luxus, denn vor allem Rind und Lamm sind teuer: Beides wird so gut wie ausschließlich importiert, unterliegt einem Zoll von 190 und einer Mehrwertsteuer von 16 Prozent. Geflügelfleisch ist zwar günstiger, weil es im Land erzeugt wird. Doch die Regierung muss den Betrieb von Meerwasserentsalzungsanlagen bezuschussen, die einen erheblichen Teil des für die Mast notwendigen Wassers liefern. Subventioniert werden auch die Mahlzeiten in den Behördenkantinen. Nach Ansicht des Umweltministeriums wird also viel Geld gespart, wenn der Fleischkonsum sinkt.

Auch im Hadassah-Krankenhaus hatte die Einführung des fleischlosen Montags vor allem finanzielle Gründe: Vor wenigen Monaten ist die Einrichtung nur knapp an der Pleite vorbeigeschrammt, nun muss sie sparen, wo sie kann. „Anfangs waren die Gäste oft skeptisch“, berichtet Kantinenchefin Gal-On: „Die Kunst ist, Obst und Gemüse mit den Essgewohnheiten zu verbinden.“ Es gibt zum Beispiel Kohlrabi- statt Wiener Schnitzel.