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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.15

„Beobachten Sie, was bei uns geschieht!“

Text: Saskia Guntermann und Michael Marek

Der ehemalige Präsident der Malediven sitzt in Haft. Dieses Interview gab Mohamed Nasheed, der als Kämpfer für den Klimaschutz weltbekannt wurde, Mitte Januar im Büro seiner Partei in Malé. Es war eines seiner letzten in Freiheit

Herr Nasheed, im neuen Nationalmuseum – geplant und finanziert von China – gibt es eine große Sonderausstellung zu den Sicherheitskräften der Malediven. Warum? Kurz nachdem ich 2012 aus dem Amt geputscht wurde, sagte der neue Polizeichef: Die Sicherheitskräfte der Malediven müssen eine Institution werden, die man fürchtet! Man versucht, ihnen ein neues Gesicht zu geben. Freiheits- und Menschenrechte werden außer Kraft gesetzt.

Wer war für den Putsch verantwortlich? Mein Vizepräsident hat diesen Machtwechsel mit Hilfe der Konservativen und einiger Geschäftsleute angezettelt. Ich hatte die Wahl, abzutreten oder getötet zu werden. Und kurz nach meinem Sturz wurde uns klar, dass noch eine dritte Kraft am Werke war. Es handelt sich um Extremisten, eine dem Islamischen Staat nahestehende Gruppierung. Innerhalb kürzester Zeit gelang es ihr, wichtige Positionen innerhalb der Polizei und des Militärs zu besetzen.

Was sind die Gründe für das Erstarken der Islamisten auf den Malediven? Es gibt die typischen Argumente: Arbeitslosigkeit, soziale Benachteiligung, mangelnde Bildung. Aber ich glaube, der Islamische Staat ist vor allem ein ideologisches Phänomen: Der Islamismus ist bei uns seit den 70er-Jahren auf dem Vormarsch. Konservative Imame aus Saudi-Arabien brachten damals die Lehren ins Land. Als Diktator Gayoom die Macht übernahm, unterdrückte er alle politischen Gegner. Religion wurde zur einzigen Möglichkeit, sich gegen das Regime zu stellen. Heute haben wir mehrere Gruppen, die sich zum Islamischen Staat bekennen. Wir schätzen, dass etwa 70 Malediver in Syrien und dem Irak für den IS kämpfen. Kürzlich übergab der Prinz von Saudi-Arabien unserem Islam-Minister 1,2 Millionen Dollar, um eine Moschee zu bauen – mit dem Ziel, den Wahhabismus zu propagieren. Als der Wahhabismus in den 70er-Jahren hier ankam, meinten unsere Eltern, das sei extrem. Heute sagen die Anhänger des Wahhabismus, die Salafisten seien extrem. Doch auch sie gehören nun schon zur Normalität, weil man den noch schlimmeren Islamischen Staat fürchtet. Dieser Extremismus ist hier jetzt Alltag.

Das Telefon klingelt, ein Anrufer bedroht Nasheed.

Kommen solche Anrufe oft vor? Wir bekommen jeden Tag Todesdrohungen. Unsere Büros hier in Malé und im Süden des Landes werden observiert, unsere Wahlhelfer von bezahlten Schlägertrupps angegriffen. Die Regierung duldet keine Partei außer der eigenen.

Ist der Prozess der Demokratisierung auf den Malediven beendet? Nein, denn wir konnten erstmals in der Geschichte unseres Landes politische Strukturen aufbauen. Warum können Sie mit mir ein Interview führen? Warum hat man mich noch nicht ermordet? Die Antwort ist: Wir haben es 2005 geschafft, eine politische Partei zu gründen. Unsere Gegner mussten uns nachahmen, und so entstand ein Parteiensystem. Diese Tatsache hilft uns heute, formell haben wir freie Meinungsäußerung. Aber immer noch werden Journalisten belästigt, verlieren ihre Jobs und verschwinden plötzlich. Daher trauen sich viele nicht mehr, etwas Kritisches über die Regierung zu schreiben. Ich danke all jenen jungen Leuten, die sich davon nicht einschüchtern lassen und weiterarbeiten.

Sie waren der erste demokratisch gewählte Präsident der Malediven. Was hat sich zwischen 2008 und 2012 geändert? In meiner Amtszeit haben wir Sozialprogramme zum Schutz der Arbeiternehmer durchgesetzt, eine Krankenversicherung eingeführt und Mutterschutzgesetze erlassen. Wir haben uns um die Wasserversorgung und -qualität in den Gemeinden gekümmert. Es gibt jetzt ein Impfprogramm, zum Beispiel gegen Malaria. In Malé verkehren Busse und es gibt Fährverbindungen zwischen den Inseln. Bis dahin existierten keine öffen-lichen Verkehrslinien. Und erstmals in der Geschichte des Landes gibt es ein funktionierendes Steuersystem.

Was sind Ihre Hauptanliegen für die Zukunft? Ich möchte die Gouverneure und Verwaltungsbeamten vor Ort stärken. Sie müssen sich selbst um Wasserversorgung, Müllentsorgung und Elektrizität kümmern. Unsere Regierung versucht, diese Probleme zentralistisch zu lösen. Ich halte das für falsch. Wenn wir alles zentralisieren und das Machtzentrum versagt, kollabiert ein ganzes Land. Während meiner Präsidentschaft wurde die lokale Mitbestimmung in die Verfassung aufgenommen.

Wie wollen Sie den Tourismus verändern? Wir wollen ihn ankurbeln, denn er bringt viel Geld ins Land. Aber bis heute kommt es nicht bei der Bevölkerung an, den Gemeinden bringt der Tourismus in den Luxusresorts kaum wirtschaftliche Vorteile. Deshalb wollen wir kleine Pensionen auf den Inseln unterstützen, wo die Bevölkerung wohnt. So wie auf Maafushi, dort gibt es mittlerweile zweihundert Betten, und die Gemeinde ist für unsere Verhältnisse wohlhabend. Dieses Modell fördert die touristische Erschließung. Und es gibt nicht diese Diskrepanz zwischen arm und reich.

Wenn es mit dem Luxustourismus so weitergeht, besteht dann nicht die Gefahr, dass es zu Übergriffen auf Touristen kommt? Es ist unsere Verpflichtung, Aufstände gegen Touristen zu verhindern. Es ist sehr wichtig, den Tourismus mit den örtlichen Gemeinden zu vernetzen. Private Gästehäuser auf den bewohnten Inseln können dazu beitragen, dass sich Touristen und Einheimische näherkommen. Wenn aber extreme Formen der Religionsausübung sich weiter verbreiten, ist auch der Tourismus gefährdet. Die Malediver sind friedfertig. Aber im Augenblick durchleben wir eine Phase politischer Veränderungen, viele Malediver leiden. Wir wollen, dass die Touristen wissen, was auf den Malediven los ist. Wir wollen nicht, dass sie selig an unseren Stränden liegen und nicht wissen, was hinter den Kulissen mit den Menschen unseres Landes geschieht.

Sie haben sich in ihrer Amtszeit auch um die Umwelt gekümmert. Ein wichtiger Punkt für uns war die Frage der Energieversorgung. Wir wollten eine CO2-neutrale Gesellschaft aufbauen und darauf verzichten, fossile Energieträger zu verbrennen. Öl ist für uns ohnehin sehr teuer. Wir dachten, dass Solar- und Windenergie für die Malediven gut machbar seien. Die deutsche Bundesregierung hat uns bei einigen Projekten unterstützt. Die laufen noch immer, das ist ermutigend. Leider sind wir noch sehr weit davon entfernt, klimaneutral zu sein. Der jetzige Präsident Yameen lässt nach Öl bohren. Doch das ist weder finanziell umsetzbar noch ökologisch ratsam.

Und wie soll es weitergehen? Was den Klimawandel betrifft, bin ich pessimistisch. Die Malediven werden im Ozean versinken. Denn der Kohlendioxidgehalt der Luft steigt weiter und damit auch die Welttemperatur und der Meeresspiegel. Wir brauchen Programme, um uns anzupassen: Welche Art von Wellenbrechern zum Schutz der Küsten ist sinnvoll für ein Land mit 1190 Inseln, die nur einen Meter über dem Meeresspiegel liegen? Derzeit verwenden wir jede Menge Beton, etwa für die Wellenbrecher hier vor Malé. Jeder Meter kostet 4000 Dollar. Wir müssen den Aufbau von Riffen vorantreiben, statt teuren und wenig wirkungsvollen Beton im Meer zu versenken. Den gibt’s hier schließlich gar nicht. Wir sollten Methoden entwickeln, die es ermöglichen, dass die Riffe wachsen. Vielleicht könnte die 3D-Druckertechnik helfen? Doch wir müssen achtsam vorgehen. Es darf nicht so etwas passieren wie in Indien, wo es mit genetisch veränderten Reissorten Missernten gab.

Welche Bedeutung hat Erziehung? Erziehung zur Demokratie ist wichtiger als der Einsatz von Wellenbrechern! Schulen haben dabei eine wichtige Aufgabe. Wir müssen unsere Kinder zum Nachdenken inspirieren. Unser Bildungssystem hat eine gute Grundlage. Jede der knapp 200 bewohnten Inseln verfügt über eine weiterführende Schule. Vor kurzem hat die Regierung die Kindergärten und Grundschulen verstaatlicht. Die Alphabetisierung liegt bei fast einhundert Prozent. Wenn wir diese Entwicklung nicht bremsen, sind wir auf einem guten Weg.

Sollte der Westen auf die Politik der Malediven Einfluss nehmen? Der Westen muss demokratische Politiker und Regierungen unterstützen. Wir sind sehr mutlos geworden angesichts der Tatsache, dass die westlichen Staaten die Veränderungen nicht wahrgenommen haben, die seit meiner Absetzung als Präsident auf den Malediven eingetreten sind. Wir sind geradezu geschockt darüber. Wir dachten, wir kämpfen auf der gleichen Seite. Wir brauchen Ihre Unterstützung – auch aus Deutschland. Alleine schaffen wir es nicht. Unsere Regierung kann mich heute oder morgen verhaften. Sie kann schalten und walten, wie sie will. Die demokratische Bewegung auf den Malediven ist massiv bedroht. Deshalb bitten wir Sie: Beobachten Sie so genau wie möglich, was bei uns geschieht!

Wenn Sie drei Wünsche hätten, welche wären das? Ich wünsche mir einen demokratischen Präsidenten, eine tolerante Gesellschaft und bessere Lebensbedingungen für unser Land. Das heißt nicht, nach den Sternen zu greifen. Wir wollen nur ein Auskommen für jeden. Wir haben die Ressourcen dafür. Die Malediven sind ein reiches Land, und wir wollen, dass die Leute ihren rechtmäßigen und fairen Anteil an diesem Reichtum erhalten.

Zur Person
Mohamed Nasheed
Der 48-jährige Meereswissenschaftler war von 2008 bis 2012 der erste frei gewählte Regierungschef der Malediven. Nach seiner Festnahme gab es Massenproteste. Mitte März wurde er zu 13 Jahren Haft verurteilt, weil er gegen Anti-Terror-Gesetze verstoßen haben soll – laut Amnesty International ein „Scheinprozess“. International bekannt geworden war Nasheed 2009 kurz vor dem Klimagipfel von Kopenhagen mit einer Kabinettssitzung auf dem Meeresgrund. Botschaft: Die Malediven drohen zu versinken. Manche sahen in ihm den ersten „Klimapräsidenten“ der UN.