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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.15

Bill McKibben: „Leute, tut euch zusammen!“

Text: Luisa Neubauer

Ist der Klimawandel noch zu stoppen? Nein. Bill McKibben, Träger des Alternativen Nobelpreises, ruft dennoch dazu auf, für den Klimaschutz auf die Straße zu gehen.
Ein Gespräch

Mr. McKibben, Glückwunsch zur Verleihung des „Alternativen Nobelpreises“.
Vielen Dank. Aber der Preis gebührt der ganzen Bewegung 350.org. Bisher wurde er meist Leuten überreicht, die sich mit Menschenrechten beschäftigen. Die Verleihung an uns zeigt, dass der Kampf gegen den Klimawandel die Menschen immer stärker beschäftigt. Sie begreifen, dass Klimaschutz ein Menschenrecht ist.

Die Jury begründete die Wahl mit der „erfolgreichen Mobilisierung einer wachsenden zivilgesellschaftlichen Bewegung gegen den Klimawandel“. Im September demonstrierten beim Climate March in New York 400.000 Menschen, weltweit gab es mehr als 2000 Aktionen. Wie ist das gelungen? Um so etwas auf die Beine zu stellen, sind viele Menschen und Organisationen nötig. 350.org ist als Bindeglied konzipiert, das zahlreiche Gruppen zusammenbringt. Inzwischen wird der Klimawandel an immer mehr Orten zur spürbaren Wirklichkeit. In New York hat Hurrikan Sandy U-Bahnstationen mit Salzwasser gefüllt. Viele Menschen haben Fluten und Dürren erlebt und fangen an zu verstehen, was tatsächlich mit dem Klima passiert. Selbst dort, wo die Bewohner bisher nur wenig beeinträchtigt wurden, bleibt die simple Mathematik des Klimawandels: Es ist bereits jetzt zu viel Kohlendioxid in der Atmosphäre – der Name
350.org bringt das auf den Punkt.
 
Erklären Sie uns bitte diese Zahl.
Wissenschaftler sagen uns, dass wir den Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre wieder auf 350 ppm (parts per million) reduzieren müssen, damit der Planet bewohnbar bleibt. Wir sind aber schon bei 400 ppm. Um den Temperaturanstieg unter zwei Grad zu halten, hätten wir schon vor einigen Jahren aufhören sollen, CO2 in die Atmosphäre zu pumpen. Beim Klimaschutz ist die politische Realität von Bedeutung: Was können wir tun? Wie schnell können wir etwas erreichen? Aber noch wichtiger ist die tatsächliche Realität – und die wird durch die Physik definiert.

Das heißt, dass wir sozusagen wieder CO2 aus der Atmosphäre absaugen müssen? Definitiv. Die gute Nachricht ist, dass wir die dafür notwendigen Mechanismen haben: Wälder und Ozeane. Wenn wir ab 2030 kein CO2 mehr ausstoßen würden – was zwar möglich, aber nicht einfach wäre – würden wir noch vor Ende des Jahrhunderts zurück bei 350 ppm sein. Einige Umweltschäden sind natürlich nicht mehr aufzuhalten. Doch vielleicht bliebe ein Großteil der Menschen verschont.

Aber bisher steigen die Emissionen ungebremst. Frustriert Sie das? Es macht mich eher traurig, wenn ich sehe, mit welchem Tempo die Arktis und die Antarktis schmelzen, wie schnell die Ozeane saurer und Extremwetter zur Normalität werden. Das ist sehr beängstigend.

Was sind Ihre zentralen Strategien im Kampf für den Klimaschutz? Es gibt mindestens zwei Stränge, an denen wir tätig sind. Zunächst geht es darum, sich bei jedem Bauvorhaben für neue Öl-, Kohle- oder Gas-Infrastruktur einzumischen. Das können wir an vielen Orten tun, da weiterhin neue Projekte wie Pipelines, Ölfelder oder Kraftwerke geplant sind. Wir versuchen, diese Vorhaben zu verhindern. Da spielen wir in der Defensive und es klappt gut. Der zweite Strang ist die Divest-Kampagne, sozusagen unser Offensivspiel. Seit 2012 haben sich tausende Institutionen, Kommunen und Einzelpersonen dazu verpflichtet, ihre Gelder aus der fossilen Industrie abzuziehen. Sie repräsentieren gemeinsam ein Vermögen in Höhe von rund 50 Milliarden US-Dollar. Neben hochrangigen Persönlichkeiten wie Bischof Desmond Tutu und dem Weltbankpräsident Jim Yong Kim setzen sich beispielsweise auch die Rockefeller Brothers Stiftung und der Britische Ärzteverband für dieses Ziel ein. So sorgen wir für Unruhe in der Rohstoffindustrie.

Kann der Abzug von Kapital aus der Öl- und Kohlewirtschaft denn wirklich etwas verändern? Wir haben keine Illusionen, dass wir die Ölgiganten in den Konkurs treiben können. Aber wir können sie politisch bankrott machen. Unsere Strategie macht ihnen jetzt schon das Leben schwer. Inzwischen kommt jeder Analyst, etwa von der Weltbank oder von der US-Energiebehörde, zu dem Schluss, dass unsere Zahlen stimmen und dass sie die Folgen des Klimawandels in ihren Analysen berücksichtigen müssen. Es ist bekannt, dass die Konzerne einen Großteil der Rohstoffreserven unter der Erde lassen müssen. Und das ist genau das Gegenteil dessen, was sie bisher geplant haben. Zwar werden Firmen wie Exxon in den nächsten Jahren immer noch genug Geld haben. Aber ihre wirtschaftliche Situation ist nicht mehr so sicher wie noch vor ein paar Jahren.

US-Präsident Obama sagte kürzlich: „Investiert in das, was hilft, und zieht Investitionen ab, die schaden.“ Greift er tatsächlich – auch in der Wortwahl – Ihre Idee auf? Ja, genau das versucht er. Obama ist gut darin, die richtigen Worte zu finden, und er weiß, was Aktivisten hören wollen. Aber er war bisher weniger gut darin, die richtigen Dinge zu tun. Deshalb müssen wir ihn beim Wort nehmen, rund ums Weiße Haus demonstrieren – und uns festnehmen lassen.

Obama gilt nach dem Verlust der Senatsmehrheit als „lahme Ente“ im Präsidentenamt. Kann er den Klimaschutz noch voranbringen? Vermutlich mehr als je zuvor, schließlich  muss er jetzt keine Wahl mehr fürchten. Er kann vieles im Alleingang machen. Er kann den Bau der Keystone-Pipeline verhindern, und er kann viele Einschränkungen für die Kohlekraftwerke durchsetzen.

Die Keystone-Pipeline, über die aus Teersand gewonnenes Öl aus Kanada in den Süden der USA geleitet werden soll, ist zum Symbol im Streit um den Klimaschutz geworden. Warum? Es ist der erste große Kampf gegen die Infrastruktur der Industrie für fossile Brennstoffe. Unsere simple Botschaft ist: „Lasst die Rohstoffe unter der Erde“. Ähnliche Proteste gibt es inzwischen etwa gegen Kohleminen in Australien, Kohlehäfen entlang der nordamerikanischen Pazifikküste und auch Frackingprojekte.

Die USA und China – die beiden größten CO2-Emittenten – haben kürzlich ein bilaterales Klimaabkommen vereinbart. Die USA wollen ihre Emissionen bis 2025 um bis zu 28 Prozent reduzieren. Ist das ein Erfolg? Es ist nicht wirklich ein Abkommen, denn diese Vereinbarung ist in keiner Weise bindend. Eher ist es eine Erklärung, ein unzureichendes Versprechen, um welche Ziele sich die US-Regierung bemüht. Dennoch ist das Übereinkommen sehr wichtig, denn erstmals akzeptiert China, dass der Ausstoß von Treibhausgasen Grenzen haben muss. Allerdings ist auch das selbst gesteckte Ziel der Volksrepublik zu niedrig und zu langfristig.

In den USA ist die Frage, ob der Klimawandel von Menschen gemacht ist oder nicht, eine Art Glaubensfrage. Warum ist das so? Wenn man bedenkt, dass mehr als jeder zweite Amerikaner nicht an die Evolution glaubt, ist das nicht weiter verwunderlich. Aber es macht mir nicht zu schaffen. Die meisten Amerikaner verstehen durchaus, dass es einen Klimawandel gibt und Menschen dabei eine wichtige Rolle spielen. Ich zerbreche mir eher den Kopf darüber, wie man diese Leute dazu bringen kann, sich zu engagieren. Das scheint mir sinnvoller, als noch die letzten Amerikaner vom Klimawandel zu überzeugen.

Wenn jemand für das Klima aktiv werden möchte, was raten Sie ihm? Natürlich haben auch meine Frau und ich unsere Glühbirnen ausgetauscht. Aber das reicht natürlich nicht, um das Klima zu retten. Wir haben ein strukturelles und systematisches Problem, für dessen Lösung wir strukturelle und systematische Veränderungen brauchen. Emissionen müssen einen Preis bekommen, die Macht der Konzerne müssen aufgeweicht werden. Das ist die Aufgabe der Politik. Wir müssen sie dazu bringen, es zu tun. Und da reicht es nicht, als Individuum zu handeln. Also, Leute: Tut euch zusammen. Werdet Teil einer großen Bewegung. Lasst uns das machen!

In Deutschland geht für das Klima bisher kaum jemand auf die Straße, dennoch gilt es mit seiner Energiewende als Vorreiter. Zu Recht? Kein Land ist perfekt. Aber härter als jedes andere Land in der Welt hat Deutschland daran gearbeitet, eine Transformation in Richtung erneuerbarer Energien in Gang zu bringen. Und man muss sagen: Die Idee der Energiewende ist brillant. Es ist unbestreitbar eine gute Sache, wenn eine Nation, die im letzten Jahrhundert für ziemlich viele Probleme gesorgt hat, in diesem Jahrhundert Lösungen aufzeigt...

...allerdings wissen wir auch, dass in Deutschland zu viel Kohle gefördert und verbrannt wird. Ja. Natürlich, das wissen wir. Doch die bloße Existenz einer westlichen Industrienation, die in großem Stil in die Solarenergie investiert, ist ein Weckruf für alle anderen Länder, die nicht sicher sind, ob so eine Entwicklung noch möglich ist. Deutsche Investitionen waren ausschlaggebend dafür, dass der Preis für Solarmodule rasant gesunken ist – so weit, dass diese Technik auch für alle anderen auf der Welt bezahlbar geworden ist und nun zum Beispiel China massiv investiert. Dafür sind wir Deutschland sehr dankbar.

2014 war weltweit das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Können wir den Klimawandel wirklich noch stoppen? Ihn zu stoppen ist keine Option mehr. Das Klima heizt sich auf und es wird wohl weiterhin wärmer werden. Die Frage ist, wie sehr und wie schnell das passiert. Selbst die Zwei-Grad-Grenze, die bisher als rote Linie beschrieben wurde, ist viel zu hoch angesetzt. Schon bei einem Grad schmilzt die Arktis, und es ist eine schlichtweg idiotische Idee, noch darauf zu warten, was bei zwei Grad Erwärmung passiert.

Mr. McKibben, derzeit sind wir auf dem besten Wege, für einen Temperaturanstieg um vier oder sogar fünf Grad zu sorgen. Wenn wir an diesem Punkt ankommen, dann wird es wohl kaum noch eine Welt geben, die der ähnelt, wie wir sie kennen. Die Frage lautet also eher: Können wir eine Katastrophe noch verhindern? Und da muss ich Ihnen sagen: Ich weiß es nicht. Wir arbeiten hart daran, aber die Rohstoffbranche ist sehr reich und sehr groß und sie will die Dinge nicht gerne verändern.

Was macht Ihnen dennoch Hoffnung? An manchen Tagen weiß ich selbst nicht recht, was mir Hoffnung macht. Aber wir bei 350.org sind große Fans von Fotos. Wir haben Bilder von beinahe jeder der 20.000 Demonstrationen, die wir bisher auf die Beine gestellt haben. Wenn ich manchmal zweifle, dann sehe ich mir diese Bilder von den vielen Menschen an, die auf der ganzen Welt für das Klima demonstrieren. Viele von ihnen haben sich hinsichtlich des Klimas überhaupt nichts zuschulden kommen lassen. Wenn ich also diese Bilder sehe, dann denke ich: „Wenn selbst diese Menschen nicht aufgeben, muss ich weitermachen.“ An anderen Tagen motiviert mich aber auch schlicht der Gedanke, den Ölgiganten so viel Ärger zu bereiten wie nur möglich.

ZUR PERSON
Bill McKibben, 54, ist ein US-amerikanischer Autor und Aktivist. Mit „The End of Nature“ schrieb er 1989 einen Bestseller, der Laien den Klimawandel erklärte. Er gilt als einer der 100 wichtigsten Vordenker unserer Zeit