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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.15

Biokunststoff: Tüten mit Tücken

Text: Susanne Donner

Plastik aus Pflanzen, biologisch abbaubar und CO2-neutral – das klingt nachhaltig und wird von Lebensmittelkonzernen gern als neues Verkaufsargument genutzt. Kritiker warnen dagegen vor Greenwashing und fürchten negative Folgen für Mensch und Umwelt. Was denn nun: Ist Biokunststoff gut oder böse?

Die Geräusche in der Fabrikhalle der Ruppiner Papier- und Folienwerke erinnern an riesige Bürotacker. Es sind Industrieroboter, die an einer Fertigungsstraße Tragetaschen für Supermärkte herstellen: Einer prägt den Bodenfalz, ein anderer schweißt den Griff an, wieder ein anderer greift ein paar Dutzend und bündelt sie. 145.000 Tüten entstehen so pro Tag.

Menschen arbeiten hier kaum, das senkt die Kosten. Und man versucht noch auf andere Art, sich dem globalen Wettbewerb zu stellen: Mit einem Kunststoff, der zur Hälfte aus Maisstärke besteht. Die Tüte ist matter und fühlt sich weicher an als das Pendant aus reinem Erdöl, das hier ebenfalls hergestellt wird. Beutel aus Bioplastik gelten laut EU-Norm DIN EN 13432 als „kompostierbar“. Händler wie Aldi, Lidl und Rewe gaben sie ihren Kunden schon in die Hand. „Gaben“ wohlgemerkt, denn das ist Geschichte.

2012 kam es zu einem Skandal. Losgetreten hat ihn Jürgen Resch, Gründer der Deutschen Umwelthilfe, stets den Greenwashing-Tricks der Industrie auf der Spur. Er ließ bei den Kompostierwerken nachforschen und erfuhr, dass die Taschen gar nicht verrotten. Dort herrschen im Kompost andere Bedingungen als in der Norm beschrieben – die Tüten müssen aus dem Biomüll ausgesiebt und verbrannt werden. „Verbrennen ist die unökologischste Form der Entsorgung“, kritisiert Resch, die „Bio“-Tragetasche sei Verbrauchertäuschung. Aldi, Lidl und Rewe zogen sie prompt zurück. Die Victor Group, zu der das Ruppiner Werk gehört, verlor in Deutschland fast alle Kunden der Bio-Tüte. Für Resch ist es ein Präzedenzfall. Auf die Frage, ob es einen ökologisch vorzeigbaren Biokunststoff gebe, poltert er: „Keinen einzigen. Die werden alle mit irreführenden Umweltversprechen und zu überhöhten Preisen in den Markt gedrückt.“ Aber ist Bioplastik wirklich das schlechtere Plastik?

Die Frage ist so leicht nicht zu beantworten. Denn als Bio-Kunststoff verstehen sich viele Materialien. Alte wie Kautschuk zählen dazu, das umstrittene „kompostierbare“ Plastik, aber auch Werkstoffe, die zwar nicht schnell verrotten, aber teilweise oder ganz aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen – Mais, Zuckerrohr, Getreide, Kartoffeln, sogar Milch.

Zweistellige Wachstumsraten legte die Branche in den letzten Jahren jedoch vor allem hin, weil Bio-Plastik angeblich keinen Müll in der Landschaft hinterlässt. Konzerne wie Danone, Coca-Cola, Ford, Nokia und Toyota bewarben ihre Produkte schon so. Das Problem ist nur: Die Aussage zur Abbaubarkeit beruht eben auf jener fragwürdigen Norm.

Aber: „Bioabbaubare Kunststoffe zerfallen immer noch weit schneller als die meisten fossil basierten Materialien“, erklärt Hans-Josef Endres, Leiter des Instituts für Biokunststoffe der Hochschule Hannover. Sein Team hat zum Mauerfall-Jubiläum 20.000 Verschlussclips aus Polymilchsäure für die leuchtenden Ballons hergestellt, die, ebenfalls aus Bioplastik, beim Festakt in den Himmel stiegen. „Die Überreste des Spektakels werden in einigen Jahren nicht mehr zu finden sein“, versichert er.

An saubere Landschaften denkt auch der Chef der Ruppiner Fabrik, Arndt Heymann, wenn er seine Bio-Tasche für Schwellenländer wie Ägypten anpreist. Kaum ein Strauch am Nil, in dem nicht Plastikfetzen hängen. Zweifellos wäre es gut, wenn der Unrat von selbst verschwinden und sich auch in den Meeren einfach zersetzen würde.

Doch Wunsch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Schon der Rohstoff ist zwei- bis dreimal teurer als Plastik aus Erdöl, sagt Thomas Buchelt, Technikmanager der Ruppiner Fabrik. In Ägypten kosten Tüten keinen Piaster. Verbreitet sind schwarze, aus Abfällen zusammengeschmolzene Beutel – die deutsche Edeltüte hat da keine Chance.

Überhaupt ist nur ein Drittel aller Biokunststoffe auf Abbaubarkeit ausgerichtet. Der größere Teil der jährlich weltweit erzeugten knapp fünf Millionen Tonnen soll vielmehr langlebig sein – etwa in Skistiefeln und Autoteilen, die nicht spröde werden sollen.

Doch auch diese haltbaren Materialien stehen in der Kritik. Resch sieht die Hersteller in einer Reihe mit Biospriterzeugern und wirft ihnen vor, landwirtschaftliche Nutzflächen zu besetzen, die für die Nahrungsmittelproduktion nötig wären. Für eine Tonne bio-basiertes PET braucht man sechs Tonnen Zuckerrohr, für eine Tonne Polymilchsäure zweieinhalb Tonnen Mais. „Auch deshalb haben wir immer weniger Ökolandbau in Deutschland“, sagt Resch.

Weltweit liegt der Anteil der für die Bioplastikproduktion genutzten Flächen noch bei unter einem Prozent. Würde alles Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen erzeugt, wären es fünf Prozent. Man kann darüber streiten, ob das viel oder wenig ist.

„Auch die Erdölproduktion geht mit massivem Landverbrauch einher, etwa bei Katastrophen oder beim Fracking“, sagt Biokunststoffforscher Endres. In die Ökobilanzen für konventionelle Kunststoffe wird zwar etwa der Ausstoß von Kohlendioxid und Schadstoffen aus Raffinerien eingerechnet. Katastrophen aber lassen sich prinzipiell nicht erfassen.

So ist die Frage noch offen, ob Bioplastik besser oder schlechter ist. Je nach Auftraggeber fallen die Ökobilanzen sehr unterschiedlich aus. Auf jeden Fall aber zeigen sie ökologische Schwachpunkte und damit Stellschrauben zur Verbesserung.

Zwei gute Gründe gibt es ohne Zweifel, zumindest die Forschung und Entwicklung von Biokunststoffen voranzutreiben. Erdöl ist unstrittig ein endlicher Rohstoff, daran ändert auch der Frackingboom nichts. Es ist nur vorausschauend, Alternativen zu suchen. Und was auf dem Acker wächst, nimmt Kohlendioxid auf, der im Kunststoff erst einmal gebunden ist. Bioplastik kann also theoretisch wie ein Wald eine CO2-Senke sein – solange es nicht verbrannt wird und Emissionen beim Anbau die Vorteile nicht aufzehren.

Wohl deshalb räumt selbst ihr ärgster Kritiker Jürgen Resch ein: „Wenn man einen Biokunststoff entwickelt, der wirklich ökologisch ist und der per Pfandsystem zurückgenommen wird, bin ich der Letzte, der etwas dagegen hat.“