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Bleib auf dem Lande und wehre dich redlich

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.18

Bleib auf dem Lande und wehre dich redlich

Text: Dirk Gieselmann Foto: Mario Wezel

Andreas Pawelzik sitzt seit zwanzig Jahren als grüner Einzelkämpfer im Rat einer norddeutschen Kleinstadt. Was treibt ihn an? Und wie hält er das aus?

In seinem letzten Wahlkampf ließ Hans-Christian Ströbele, das Urgestein der Grünen, Plakate von sich aufhängen, die zeigten ihn auf einem Hollandrad sitzend, inmitten seines zum Paradiesgarten erblühten Wahlbezirks Kreuzberg-Friedrichshain. Ihm folgte eine entrückt lächelnde Menschenmenge, als wäre er ein Heiliger, der sie zum Baum der Erkenntnis führt. Wenn sein Parteikollege Andreas Pawelzik mit dem Rad durch Diepholz fährt, auf dem Weg zu einer Ratssitzung, blüht nichts, und es grüßt ihn keine Sau.

Das markiert einen Unterschied zwischen grüner Politik in der Hauptstadt Berlin und auf dem flachen Land, und auch zwischen den Menschen, die sie betreiben: Der eine steigt zum Gandhi der Umweltbewegung auf, der andere hat den Ruf eines Miesepeters weg und muss sich fragen lassen, ob er eigentlich auch etwas anderes könne, als immer nur dagegen zu sein.

Diepholz kann mit Heiligen nicht viel anfangen, und Pawelzik hat auch nie versucht, einer zu werden. Aber ein Urgestein ist auch er. Er war lange Bürgervertreter, Mitglied des kommunalpolitischen Arbeitskreises und sitzt seit bald zwanzig Jahren für die Grünen im Stadtrat, die meiste Zeit als Einmannfraktion und sein eigener Referent. Er hat sich dabei nicht viele Freunde gemacht, eher welche verloren. Das liegt an der Radikalität, mit der er Politik macht, und auch daran, dass jemand, der wirklich etwas verändern will, eigentlich nicht in Diepholz bleibt. Viele seiner früheren Mitstreiter sind in die größeren Städte gezogen, worunter, von hier aus betrachtet, schon Osnabrück fällt. Pawelzik ist geblieben, irgendwie hier hängengeblieben, wie er selbst sagt, denn: „Einer muss ja die Stellung halten. Also hab ich mir gedacht: Bleib auf dem Lande und wehre dich redlich.“ Dann lächelt er bitter.

Dass es ohne ihn die Grünen in Diepholz gar nicht mehr gäbe, sagen selbst seine politischen Gegner. Wobei unklar ist, ob sie das nun als Kompliment meinen oder als Vorwurf.

Die Sitzung, zu der Andreas Pawelzik um kurz vor 18 Uhr an diesem Donnerstag im beginnenden Herbst fährt, durch die Wiesen hinter seinem Haus, vorbei am Bahnhof und dann die Mühlenstraße hinunter, ist seine fünfhundertste oder sechshundertste, er kann das nur noch schätzen. Die alte Ledertasche, in der er seine Unterlagen transportiert, hängt am Gepäckträger wie ein ausgelaugtes Gürteltier.

Im großen Saal des Rathauses schütteln sich die Damen und Herren die Hände, als hätten sie alle heute Geburtstag. Man kennt sich, vom Jahrmarkt, vom Schützenfest, aus den Vereinen, vom Gespräch über den Gartenzaun. Der Fraktionsvorsitzende der CDU ist der große Bruder des Fraktionsvorsitzenden der SPD. Nur Andreas Pawelzik grüßt bei der heutigen Sitzung niemand, abgesehen von seinen beiden scheuen Fraktionskollegen, die nach der Kommunalwahl 2011 in den Rat eingezogen sind. Sie hat den Diepholzer Grünen ein Rekordergebnis beschert, wegen des Fukushima-Schocks, der selbst in der Norddeutschen Tiefebene noch zu spüren war. Bei der letzten Kommunalwahl im September 2016 konnte die Partei ihre Sitze verteidigen. Pawelzik ist nun etwas weniger allein.

Trotzdem wirkt er inmitten der plauschenden Honoratioren so verloren wie ein ungebetener Gast. Es ist, als wäre er, der Veteran, zum ersten Mal überhaupt hier, ein Eindringling immer noch.

Vor einer halben Ewigkeit, Anfang der Achtzigerjahre, kippten hier im großen Saal ein paar nachlässig gekleidete Jugendliche dem Bürgermeister, einem korpulenten Herrn von der SPD, der bei Sitzungen seine Amtskette zu tragen pflegte, einen Eimer toter Muscheln auf den Tisch. Sie wollten ihn mit der Aktion auf das Artensterben in den Gewässern der Gegend aufmerksam machen, im Dümmersee, in den Flüssen Hunte, Lohne und Grawiede, die wegen der Überdüngung der Felder umzukippen drohten. Ihn dazu drängen, endlich etwas zu unternehmen gegen die Zerstörung der Natur in der Region. Sie wurden wegen Hausfriedensbruchs angezeigt.

Ein paar dieser renitenten Jugendlichen gründeten 1982 gemeinsam mit Leuten aus der Friedensbewegung den Ortsverband der Grünen. Andreas Pawelzik, damals 19, hatte den Eimer mit den Muscheln getragen. „In der Kleinstadt“, sagt er, „geschieht alles mit Verzögerung. Also trugen wir hier den Generationenkonflikt von 1968 fünfzehn Jahre später aus.“

Jetzt ist er zwar selbst schon Mitte fünfzig. Aber da die Jugend, die etwas auf sich hält, den hiesigen Verhältnissen lieber entflieht, als sie zu verändern, trägt er den Kampf eben immer noch aus. Er sitzt an der Stirnseite einer hufeisenförmigen Tischreihe, die Unterlagen vor sich ausgebreitet, der einzige Ratsherr, der keinen Anzug trägt, dem Bürgermeister gegenüber, einem Verwaltungsjuristen von der FDP mit gelber Krawatte und funktionaler Frisur, und sitzt und sitzt und sitzt. Als wäre allein dieses Sitzen, seine reine Anwesenheit als Grüner unter Schwarzen, Roten, Gelben, die parlamentarische Fortsetzung der Aktion mit den toten Muscheln.

Diepholz ist eine Kreisstadt in Niedersachsen, sechzig Kilometer von Bremen entfernt. Wie eine im vorletzten Herbst vom Ast gefallene Buchecker liegt sie verloren unter den großen Fernstraßen. Die 17.000 Menschen, die hier angeblich leben, verstecken sich hinter Ligusterhecken und heruntergelassenen Rollläden. Jedes dritte Ladengeschäft steht leer oder beherbergt einen schlecht besuchten Imbiss. In einem Haus, in dessen Schaufenster jetzt Rollatoren ausgestellt sind, hat 1907 der Franzose Louis-Ferdinand Céline, Autor des Jahrhundertromans „Reise ans Ende der Nacht“, als dreizehnjähriger Schüler ein Austauschjahr verbracht, beim Lehrerehepaar Schmidt. Aber wenn man heute „Céline“ und „Diepholz“ googelt, stößt man nur noch auf einen Bericht über die Gewinnerin des Lesewettbewerbs in der achten Klasse der örtlichen Realschule.

In der Peripherie dominiert die konventionelle Landwirtschaft. Im Stadtgebiet gibt es noch zahlreiche Bauernhöfe, aber nur einen Biolandwirt – und der hängt sein Handwerk nicht an die große Glocke, weil er befürchtet, sonst angefeindet zu werden. Dass Diepholz gemeinsam mit Cloppenburg und Vechta eine der Metropolen des Güllegürtels sei, jenes Landstrichs im südwestlichen Niedersachsen also, der für die hohe Dichte an Schweinemastställen berüchtigt ist, sagen manche hier mit einem Stolz, den man nur verstehen kann, wenn man weiß, dass ihnen die Natur seit je als Gegner gilt. Dem sie das, was sie zum Leben brauchen, abtrotzen müssen: dem Moor den Acker und dem Acker die Ernte. Noch in den Zwanzigerjahren wurde auf riesigen Flächen das Buchweizenstroh angezündet, um den kargen Boden durch die Asche etwas fruchtbarer zu machen. Nicht selten verdunkelte sich an solchen Tagen der Himmel über Bremen vom Rauch, und die feinen Leute befiel die Angst vor der Apokalypse. Dann kam die Massentierhaltung und mit ihr die Gülle, ein Fortschritt, finden viele noch heute.

Man muss nur lang genug auf die Uhr schauen, an diesem Donnerstagabend im großen Saal der Stadt Diepholz, dann kann man den Minutenzeiger dabei erwischen, wie er rückwärts tickt. Bald drei Stunden dauert die Ratssitzung an, die auch ein Kammerspiel sein könnte über die bräsige Zähigkeit von Lokalpolitik.

Der Reporter der Kreiszeitung sitzt zusehends schlaffer an seinem Katzentisch, vor ihm ein Schild mit der Aufschrift „Presse“, das ihn als vierte Gewalt ausweist, und eine angebrochene Flasche Apfelschorle. Er streichelt sein Mobiltelefon und sieht ein bisschen traurig aus. Was auf der Tagesordnung steht, worüber abgestimmt wird, darüber haben sich Rat und Verwaltung größtenteils schon zuvor verständigt, in den Fachausschüssen, in den Fraktionen, aber auch informell. Man kennt sich ja. Die Beschlüsse werden nun getragen von einer stabilen Mehrheit von CDU und FDP, wacker durchmoderiert von einem jungen, alerten Ratsvorsitzenden, der wie ein Kind spricht, das einen Roboter imitiert, der einen Politiker imitiert. Im Stadtwappen gähnt der Löwe, obwohl er doch eigentlich brüllen wollte. Die Stuhlreihen für interessierte Bürger sind verwaist.

Andreas Pawelzik und seine Freunde waren hier früher Stammgäste. Andere mochten in der Eisdiele Tomasella sitzen und ihre neuen Popperklamotten zur Schau stellen, sie saßen im Ratssaal und fragten den Bürgermeister, was er denn zu tun gedenke gegen das Nitrat im Grundwasser, das den Grenzwert um ein Vielfaches überschreite. Gegen die Überdüngung der Felder, die Abtorfung der Moore und die Zerstörung der Wälder. Wie er dazu stehe, dass die US-Armee in der Region Hercules-Raketen mit Atomsprengköpfen stationiert habe. Wie er es überhaupt halte mit dem Frieden für Mensch und Natur.

Eine Zeit lang lebten diese jungen Leute, die den Bürgermeister und ganz Diepholz in Aufregung versetzten mit ihren irrwitzigen Utopien von einer anderen Gesellschaft und einer anderen Zukunft, in einer alten Buchhandlung, die sie besetzt hatten, um das Haus vor dem Abriss zu bewahren. „Man nannte uns Bombenleger“, sagt Andreas Pawelzik. „Die Leute haben gedacht, wir hätten was mit der RAF zu tun.“

Fragen stellt er immer noch, Fragen über Fragen. Warum denn die Stadtwerke weiterhin Atomstrom vertreiben müssten, wollte er in einer der letzten Sitzungen wissen, sie könnten doch auf Ökostrom umstellen. Wann denn endlich ein Klimaschutzmanager eingestellt werde. Wie es sein könne, dass das natürliche Überschwemmungsgebiet im Süden der Stadt als Baugebiet ausgewiesen worden sei.

Man begegne ihm als Ratsherrn auch nach all den Jahren noch mit einer Mischung aus Unverständnis und Hass, sagt Pawelzik. Unlängst suchte ihn der Bürgermeister im Büro des Ortsverbandes auf und bat darum, weniger zu fragen, das lähme die Entscheidungsprozesse im Rat. Pawelzik denkt nicht daran, dieser Bitte nachzukommen.

Im großen Saal der Stadt Diepholz geht es nun schon auf 21 Uhr zu. Es riecht nach Heizung, Stufe 3, und noch immer nach dem Parfüm der Dame, die in Anerkennung ihrer kommunalen Verdienste einen Blumenstrauß vom Bürgermeister bekommen hat und längst wieder gegangen ist. Ein Ratsherr der CDU hat die Augen geschlossen, und es ist schwer zu sagen, ob er noch über die „Änderung des Flächennutzungsplans Willenberger Masch“ grübelt oder ob ihn irgendwann zwischen Tagesordnungspunkt 11 und 12 der Schlaf übermannt hat. Je länger er in dieser Haltung verharrt, desto wahrscheinlicher wird Letzteres. Von draußen kratzen die Zweige einer Linde am Fensterglas, wie die Pfoten eines riesigen Haustiers, das hineinwill, ins Warme.

Der Minutenzeiger nimmt jetzt Anlauf und springt auf fünf nach neun, als die „2. Änderung des Bebauungsplanes Nr. 1, Verfahren nach §13a BauGB, Vorlage SV/FD3/060/2017“ verhandelt wird. Es geht um die Errichtung einer Mensa für die Grundschule am Mühlenkamp. Der vorliegende Gebäudeentwurf sei zwar nicht besonders schön, sagt der Fraktionsvorsitzende der SPD, aber immerhin zweckmäßig, und es werde höchste Zeit, den Prozess in Gang zu setzen, um endlich ganztägigen Unterricht gewährleisten zu können. Für seine bündige Rede erhält er Zustimmung von CDU und FDP, auch der Bürgermeister nickt von seinem holzthronartigen Stuhl aus bejahend in die Runde. Die Verabschiedung des Bebauungsplans Nr. 1 und der Feierabend rücken nun endlich in greifbare Nähe, vielleicht erreicht der Rat beide sogar, ohne dass der Pawelzik
wieder dazwischenfragt.

Dann aber hebt sich der Arm des Grünen doch noch, mit aufreizender Langsamkeit. Die Ratsmitglieder scheinen zu sagen, ohne zu sprechen: „Der schon wieder.“ Ein paar betagtere Herren sind lange genug dabei, um zu wissen, dass er es war, der hier damals die Muscheln auskippte.

Vor dem Ratsvorsitzenden steht eine goldene Bimmel, die ihm die Autorität eines Karnevalsprinzen verleiht. „Andreas Pawelzik von den Grünen, bitte“, ruft er, „Sie haben das Wort.“ Statt es zu ergreifen, schnauft Pawelzik erst mal in sein Mikrofon, dann schweigt er für Sekunden. Man weiß nicht genau, ob das schon Teil seiner Rede ist, es wirkt ein bisschen theatralisch, wie das Stilmittel eines routinierten Widerborstes. Er nimmt die Brille ab und knetet sich die Augen, als wäre er ein Nachhilfelehrer, der immer wieder das Gleiche erklärt, ohne dass es je zum Erfolg führen würde. Er könnte jetzt genauso gut sagen: „Also noch mal ganz von vorne.“

Aber er sagt: „Es besteht bekanntlich ein Zusammenhang zwischen Architektur und Bildung. Deswegen ist eben nicht egal, wie diese Schulmensa aussieht. Sie sollte schön sein, nicht bloß zweckmäßig. Dann fällt es den Kindern auch leichter zu lernen. Das möchte ich zu bedenken geben und werde gegen diese Antrag stimmen. Vielen Dank.“

Früher, sagt Pawelzik, habe er noch daran geglaubt, die anderen im Rat mit Argumenten überzeugen zu können. „Heute weiß ich, dass in solchen Gremien alles auf Verhaltensbiologie beruht. Was das Alphamännchen sagt, wird gemacht. Um wirklich etwas bewirken zu können, müsste ich schon in die CDU eintreten und Fraktionsvorsitzender werden.“ Ein Karriereweg, der ihm verbaut sein dürfte. Es bleibt ihm das Argument, auch wenn es nicht verfängt. Er bringt es als provokante Frage verkleidet, nicht selten auch als unverhohlenen Angriff, es ist nicht gerade so, dass er über die Jahre weniger bockig geworden wäre.

Selbst als er zwischen 1998 und 2006 in einer Koalition mit SPD und FDP die Stadt mitregierte, blieb er innerlich in der Opposition. Zwar räumt der Fraktionsvorsitzende der SPD auf Anfrage ein, Pawelzik habe seine Partei „gezwungen, sich mit Fragen zu beschäftigen, die sonst weniger Beachtung gefunden hätten“. Er beklagt jedoch die „Alleingänge“ des Grünen und seinen Hang, „ideologisch zu polarisieren“. 2006 endete das Bündnis und damit Pawelziks Zeit als Regierender.

Doch ohnehin bewirkt er lieber Dinge außerhalb der Gremien und an ihnen vorbei. Mit einem ehemaligen Bauamtsleiter verstand er sich so gut, dass er ihn in informellen Gesprächen dazu bewegen konnte, dem Stadtrat eine Verwaltungsvorlage für die Unterschutzstellung einer Moorfläche zu präsentieren, die dieser tatsächlich verabschiedete. Ein Trick, wie er selbst zugibt. „Wenn ich das beantragt hätte, wäre es nicht zustande gekommen“, sagt er. „Schon allein, weil der Antrag von mir gekommen wäre.“ Er wird wohl niemals einen Blumenstrauß vom Bürgermeister bekommen, es sei denn vor Erleichterung, wenn er endlich den Rat verlässt. Er erfährt auch kaum Anerkennung aus der Bevölkerung, die Zahl der Menschen, die ihn per Direktwahl in den Rat gewählt haben, stagniert bei knapp 200.

Und trotzdem bereitet er sich ganze Abende lang auf die Sitzungen vor, um der politischen Konkurrenz haarklein erklären zu können, was sie seiner Ansicht nach ohnehin nicht verstehen wird. In seinem Arbeitszimmer sind Akten, Kladden, Bücher, Regale, Lampen und seltsame Gegenstände eine organische Verbindung eingegangen, die einer verwunschenen Waldlichtung ähnelt, von hier aus nimmt er immer wieder Anlauf und rennt gegen Mauern. Das mag einem so tragisch wie heldenhaft vorkommen, es macht betroffen und zugleich Hoffnung. Man muss sich Sisyphos als Andreas Pawelzik vorstellen.

Wenn man ihn fragt, warum er es auf sich nimmt, immer wieder für etwas zu sein, das keine Mehrheit findet, und deswegen geradezu zwangsläufig gegen alles andere zu sein, schaut er einen an, als hätte man ihn gefragt, warum er denn bitteschön atmet.

Dann schüttelt er sich und beginnt, in seinen Gedanken zu kramen wie in einer großen Kiste. Er erzählt von seinen Eltern, die Selbstversorger gewesen seien mit einem großen Gemüsegarten hinterm Haus, dass er von ihnen, die aus Ostpreußen stammten und hatten fliehen müssen, die Beharrlichkeit geerbt habe, dass er als Kind oft als „Polacke“ beschimpft worden sei und sich irgendwann daran gewöhnt habe, ein Außenseiter zu sein. Dass er dennoch immer wieder Gleichgesinnte finde, mit denen er den Glauben teile, dass eine andere Gesellschaft möglich sei, eine Gesellschaft, die im Frieden lebe, mit sich und der Natur. Und, ach ja, überdies sei er auch noch Widder, von Geburt an stur.

Für seine politische Arbeit bekommt er nur eine geringe Aufwandsentschädigung von etwa 200 Euro im Monat, pro Sitzung kommen zwanzig Euro hinzu. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Krankenpfleger im Schichtdienst. Vor Jahren schon hat er sich von Diepholz in die Nachbarstadt Sulingen versetzen lassen, er fährt nun jeden Tage dreißig Kilometer zur Arbeit. Er wollte vermeiden, dass er auf seiner Station einen Widersacher aus dem Stadtrat betreuen muss.

Nach Pawelziks Wortmeldung über den Zusammenhang zwischen Architektur und Bildung blicken einige Ratsmitglieder an die getäfelte Decke des großen Saals, als stünde dort oben das, was sie jetzt dazu sagen könnten. Aber da sind nur Bretter. In dem Artikel über die Ratssitzung, der zwei Tage später in der Kreiszeitung erscheinen wird, lässt der Reporter den Beitrag einfach aus. Er erwähnt nur, dass die Änderung des Bebauungsplans angenommen worden sei, es die Mensa an der Grundschule am Mühlenkamp nun bald geben werde – und: „Andreas Pawelzik (Grüne) stimmte dagegen.“ Der Satz liegt womöglich in der Zwischenablage und wird nur noch in den Bericht kopiert, der Vollständigkeit halber.

Den Lesern des Blattes muss Pawelzik als notorischer Querulant erscheinen. Dass er auf den abgedruckten Fotos, auf denen er immer etwas abseits steht, einem schlecht gelaunten Dachs nicht ganz unähnlich ist, tut sein Übriges: Ein typischer Grüner sei er, sagen nicht wenige Diepholzer über ihn, immer dagegen, nie dafür.

Beim einzigen Italiener am Platz trifft sich nach der Sitzung der harte Kern der SPD-Fraktion zu Pizza und Bier. Sie verstehe den Pawelzik nicht, sagt eine Ratsfrau, alles, was er tue, sei so vergeblich. Ein Autist sei er, sagt ein anderer. Er gefalle sich in der Rolle des Märtyrers, sagt ein Dritter. Er sei zwar fleißig, aber auch rechthaberisch und penetrant. Die CDU-Fraktion möchte sich gar nicht zum grünen Ratsherrn äußern.

Pawelziks Ehefrau Martina Gottwald ist eine herzliche Frau, so herzlich, dass sie sogar herzlich wütend werden kann. „Was mein Mann in all den Jahren als Ratsherr hat aushalten müssen an Beleidigungen und Anfeindungen“, sagt sie, „das geht auf keine Kuhhaut.“ Ein Würdenträger einer anderen Partei sei einmal bei einem öffentlichen Empfang an sie herangetreten und habe ihr ins Ohr geraunt, seiner Meinung nach habe ihr Mann keinen Sack. Aber kein Problem, er selbst habe noch einen zweiten im Schrank. Da sei ihr übel geworden vor Ekel und Zorn. „Wie Andreas das wegsteckt, ist mir ein Rätsel.“

Pawelzik blickt, während er seiner Frau zuhört, mit einem etwas gequälten Lächeln auf die Tischplatte in seiner Küche, rührt im Kaffee und findet auch keine Antwort. „Es wäre leichter“, sagt er schließlich, „wenn ich mit den anderen einfach mal einen saufen gehen würde. Aber ich bin nun mal kein Vereinsmensch.“ Er trommelt eine Weile auf dem Holz herum. „Naja, vielleicht mache ich es demnächst einfach mal, aber dann lasse ich die ersten und die letzten zehn Bier aus.“

Er bekommt jetzt manchmal Anrufe von Leuten aus dem niedersächsischen Umweltministerium. Seine Frau Martina wird ganz feierlich, wenn sie davon erzählt, als wollte sie das Gefühl unterstreichen, das Signal von hoher Stelle bedeute so etwas wie Wertschätzung nach all den harten Jahren im Stadtrat. Es geht in diesen Telefonaten um die Wolfsrudel der Gegend, die immer öfter in Gehege eindringen und Vieh reißen. Man fragt ihn nach seiner Einschätzung als Mann vor Ort.

„Manche hier wollen die Wölfe abknallen lassen“, sagt Andreas Pawelzik. „Aber ich bin natürlich dagegen.“

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