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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.15

#bruzzel #mampf # knips

Text: Vito Avantario

Food Festivals, Foodies, Foodporn: In Großstädten erfinden kreative Zirkel immer wieder neue, abwegige Trends. Dabei möchte man ihnen zurufen: Besinnt Euch aufs Wesentliche! Anmerkungen zum großen Fressen, das allerorten stattfindet

Anfang des Jahres hat Berlin Tidbits, einer der vielen Blogs, in dem Essen nicht als Essen, sondern gern als Food bezeichnet wird, seine Trendprognosen für 2015 herausgegeben: Ingwer sei out, ist zu lesen. Min-ze und Kakaobohnen auch. Skandinavien sei als Trend fast durch. Der Hype um Vegan überschreite in diesem Jahr seinen Zenit. So viel zu den Abgesängen. Im Aufschwung dagegen: Rosenkohl, der angeblich der neue Grünkohl ist. Weiter im Trend sind Food Flash Mobs, Food Awards und Street Food Markets. Und, unfassbar, aber wahr: Das Schwein ist zurück.

Man könnte vor Freude grunzen, wäre der Zirkus um In und Out bei Nahrungsmitteln nicht dekadent: Wie Mode und Musik gehört inzwischen auch unser Essen zur verwertbaren Rohmasse der Lifestyleindustrie. In hoher Frequenz erfindet und verwirft sie Trends rund ums Kochen. Genährt durch das auf allen Fernsehkanälen übertragene große Fressen, hat die deutsche Mittelschicht in den letzten Jahren ihre Küchen mit Profi-Equipment aufgerüstet.

Was früher Zutaten waren, nennen diese Gastgeber heute gekünstelt Produkte, so wie ihre Vorbilder, die TV-Köche. Auch Kaffeetrinker sind affektierter geworden: Wer in den einschlägigen Kreisen Berlins etwas auf sich hält, trinkt keinen Industrieespresso mehr, sondern frönt dem Fetisch hausgerösteter Bohnen. Diese Kaffee-Avantgarde hält sich für progressiv, deshalb nennt sie den Barmann nicht mehr Barmann, sondern Barista, was auf Italienisch aber nichts weiter heißt als: Barmann.

Auf dem Food Truck Festival in Hamburg reiht sich – profilscharf durch das eigene Corporate Design von den Konkurrenten abgesetzt – Imbissbus an Imbissbus. Hier gibt es keine asoziale Schinkenwurst, dafür aber korrekte Burger. Vegan ist gut, gesund und lecker, das ist völlig klar. Natürlich gehören zu den angesagten Codes auf diesem Markt, dass Imbissverkäufer Hornbrille und Bart tragen und Unterarmtatoos haben, sonst wäre diese Meile auch nicht der zur Zeit neue Trend unter Foodies.

Was Foodies sind? Menschen, in deren Freizeit sich fast alles ums Essen dreht und für die Essengehen eine neue Form von Clubbing ist. Früher sagte man zu Clubbing übrigens Ausgehen, aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls, was einst Können hieß, nennen Foodies heute Skills. Food Skills zu haben erhöht das Ansehen. Deswegen stellen Foodies ihr Können auch in sozialen Netzwerken aus. Die Fotoschau nennt sich dann Foodporn und transportiert folgenden Subtext: Der Betrachter hat  es hier mit einem Kenner zu tun, der Geschmack und Stil hat und in der Küche ein Virtuose ist. Die letzte Eskalationsstufe in Sachen Foodporn kommt aus Südkorea und nennt sich Mok-Bang: Dabei werden Unmengen an Essen verzehrt und die Aufnahme vom Stopfen als Stream ins Netz gestellt.

Natürlich ist die Darstellung von Essen im Bild nicht neu. In der christlichen Mythologie stellen Nahrungsmittel wie Apfel (Sünde), Brot (Leib Christi) und Wein (Blut Jesu) zentrale Metaphern dar. Mit dem Stillleben wurde dem Essen vor allem im Barock sogar ein ganzes Genre gewidmet. Doch im Hinblick auf die anhaltende Hungerkrise erscheint der Exhibitionismus, welcher der fotografischen Leistungsschau zugrunde liegt, als obszön.

Wenn es stimmt, was Berlin Tidbits schreibt, werden zukünftig „Foodtrends zu Glaubensbekennt-nissen und Lebensweisheiten“. Das Leben als Gastgeber werde komplizierter. Mag sein. Vielleicht ist deshalb auch der Zeitpunkt gekommen, an dem der Normalesser seinem angespannten Gastgeber zurufen sollte: „Lieber Koch, danke für die Einladung, aber halte bitte keinen Vortrag über dein Olivenöl, nenne Food wieder Essen, verzichte auf Fotos, und, bitte, ich habe Appetit: Schmiere mir ein Brot mit gewöhnlicher Butter, schneide eine frische Tomate darauf und gib einfach eine Prise Salz und Pfeffer hinzu. Das genügt mir. Ich werde anderen von deiner Gastfreundschaft berichten.