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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.15

Chinas Smog und unser Beitrag

Text: Wolfgang Hassenstein

Was das Wirtschaftswunder der Fünfzigerjahre und die deutsche Aversion gegen die Atomkraft mit Chinas Klimapolitik zu tun haben

Der Blick nach China war lange Zeit nur lähmend. Gerade als es der Menschheit um die Jahrtausendwende zunehmend dämmerte, wie sehr die Erderwärmung ihre Zukunft bedroht, begannen in Fernost die Emissionen explosionsartig anzusteigen. Bereits 2006 – im Jahr, als der „Stern-Report“ der geschockten Weltöffentlichkeit die ökonomischen Folgen des Klimawandels vor Augen führte – überholte das kommunistische Riesenreich die USA als größten CO2-Emittenten. „Was sollen wir uns beim Klimaschutz anstrengen“, hieß es dann oft, „wenn in China ohnehin jede Woche ein neues Kohlekraftwerk ans Netz geht."

Bald war klar, dass das globale Projekt Klimarettung ohne China nicht klappen kann. Zugleich sprach sich aber herum, dass das, was am anderen Ende des eurasischen Kontinents passiert, viel mit uns selbst zu tun hat. Chinas Boom basierte von Beginn an darauf, dass es als „Fabrik der Welt“ massenweise Waren exportiert – Spielzeug und Kleidung, Fernseher, Smartphones und elektrische Zahnbürsten. Aufgrund des hohen Kohleanteils im Energiemix wird dort bei der Produktion besonders viel CO2 freigesetzt. Ein Laptop etwa – mit hoher Wahrscheinlichkeit ein chinesisches Produkt – trägt laut Umweltbundesamt einen CO2-Rucksack von gut 200 Kilogramm.

Weil von Jahr zu Jahr größere Mengen „versteckter Emissionen“ per Container um die Welt schippern, kam die Idee auf, jene Länder, in denen die Waren verkauft werden, dafür zur Verantwortung zu ziehen oder die Auslagerung klimaschädlicher Produktion irgendwie einzuschränken. Für die EU ist es ernüchternd, wenn man ihr die CO2-Last der eingeführten Waren zurechnet: Der gestiegene Konsum der letzten Jahre macht die mühsam erreichte Emissionsminderung komplett zunichte. China dagegen steht besser da, weil ein Viertel seiner Emissionen in den Export geht.

Solche Überlegungen mögen zur Berechnung nationaler Klimabilanzen und persönlicher CO2-Fußabdrücke interessant sein, viele Experten halten sie aber mit Blick auf die Klimaverhandlungen für wenig hilfreich. Schließlich werde für die gehandelte Ware Geld bezahlt, die Verantwortung für die Emissionen – und ihre Reduzierung – liege deshalb vor allem beim Exporteur. „Überdies führt China auch in großem Stil Produkte ein, etwa deutsche Autos und Maschinen, deren Herstellung besonders energieintensiv ist“, erklärt Michael Jakob vom Mercator-Institut MCC in Berlin. „Würde man den Handel etwa durch CO2-Zölle einschränken, würde es vermutlich mehr dieser Güter selbst erzeugen. Für den Klimaschutz wäre nichts gewonnen.“

Entscheidender ist eine andere Ungleichverteilung – die der „historischen Emissionen“. Addiert man nämlich den Treibhausgasausstoß der Länder seit Beginn der Industrialisierung, schrumpft Chinas Anteil, und Europa wird zum Riesen. Das ist in doppelter Hinsicht relevant: Erstens verbleibt einmal freigesetztes Kohlendioxid jahrzehntelang in der Atmosphäre – die Emissionen, die das deutsche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit befeuerten, tragen noch heute zur Erwärmung bei. Und zweitens bedingt die Menge der Treibhausgase, die ein Land in der Vergangenheit in der Atmosphäre deponiert hat, seinen heutigen Wohlstand.

China, das in jüngster Zeit hunderte Millionen Menschen aus der Armut holen konnte, hat also gute Gründe, sich auf seinen Status als „Entwicklungsland“ zu berufen – auch wenn uns das angesichts der futuristischen Skyline von Shanghai unpassend erscheint. „Es ist legitim, dass man erst den Westen am Zuge sieht“, sagt Niklas Höhne vom NewClimate Institute in Köln. „Umso positiver ist es zu werten, dass sich China als eines der ersten Länder zu konkreten Emissionszielen nach 2020 bekannt hat.“

Zwar sei die Ankündigung, den CO2-Ausstoß ab spätestens 2030 zu senken, nicht gerade ehrgeizig. Das von Höhne initiierte Projekt „Climate Action Tracker“, das die Klimaschutzzusagen aller Länder analysiert, hat aber ausgerechnet, dass damit das Ziel, den Anstieg der Erdtemperatur auf zwei Grad zu begrenzen, wieder in greifbare Nähe rückt. „Wenn die Emissionen nur fünf Jahre früher den Höhepunkt überschreiten, könnte das einen sehr großen Unterschied machen und China nahe an seinen Beitrag zum Erreichen des Zwei-Grad-Ziels heranbringen.“

Der globale Klimaschutz bekommt also noch einmal eine Chance – dank Sonne und Wind. Und hier kommt wieder Deutschland ins Spiel: Es war ebenfalls zur Jahrtausendwende, dass eine rot-grüne Bundesregierung das Erneuerbare-Energien-Einspeisegesetz aus der Taufe hob – vor allem, um von der verhassten Atomkraft wegzukommen. Wie erhofft wurden Wind- und Solarenergieanlagen durch die Förderung und Massenherstellung billiger – und zwar so schnell, dass auch China seine Ausbauziele mehrfach anheben konnte. „Das ist ein schönes Beispiel dafür“, findet Niklas Höhne, „dass es nicht aussichtslos ist, wenn kleine Nationen etwas verändern.“