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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.17

Chor der Aufmüpfigen

Text: Andrea Hösch

Selbstbewusste arabische Frauen wollen sich aus der Vormundschaft der Männer befreien

Junge, oft gut ausgebildete arabische Frauen wollen sich ihr Leben nicht länger von Männern diktieren lassen: In Somalia wagte es Fadumo Dayib als erste Frau, für das Präsidentenamt zu kandidieren. In jungen Jahren war sie vor dem Krieg nach Finnland geflüchtet. Nun kehrt sie in ihre Heimat zurück, um dort gegen den Machtmissbrauch der korrupten Eliten zu kämpfen. Derweil posten im Iran vermummte Frauen Fotos gegen das Radfahrverbot. In Marokko, Ägypten und Tunesien lehnen sich Frauen in Blogs oder mit Filmen gegen althergebrachte Geschlechterrollen auf. Und in Saudi-Arabien erreichen Frauen mit einem Clip ein Millionenpublikum: In „Hwages“ (Hindernis oder Bedenken) zeigen vollverschleierte Frauen, wie sie sich über Verbote hinwegsetzen – sie tanzen zu Hiphop, skaten, fahren Roller und Autoscooter, kegeln und spielen Basketball. „Mögen alle Männer verschwinden“, singen sie im Chor. Hinter dem Tabubruch steckt der saudische Videoproduzent Majed Alesa. Seine fröhlich-bunten Filmsequenzen tragen die Rebellion gegen die Unterdrückung in die Welt – binnen drei Wochen wurde der Kurzfilm mehr als fünf Millionen Mal aufgerufen.

In kaum einem anderen Land ist die Ungleichheit so groß wie in Saudi-Arabien: Beim „Gender Gap Index“ des Genfer Weltwirtschaftsforums landete das wahhabitische Königreich 2016 auf Rang 141 von 144 – dahinter rangieren nur noch Syrien, Pakistan und Jemen. Willkür und die Scharia bestimmen das Leben. Schon ein kritischer Tweet könne ausreichen, um im Gefängnis zu landen, sagt René Wildangel, Nahostreferent von Amnesty International.

„Wir warten auf Reformen“, sagt die frühere IT-Professorin Aziza al-Yussef, „man kann keine Entwicklung in einem Land organisieren, wenn die Hälfte der Gesellschaft gelähmt ist.“ Erst vor Kurzem hat sie eine Petition gegen die männliche Vorherrschaft eingereicht – 14.700 Menschen haben unterschrieben. Dass gesellschaftliche Veränderungen vor allem in Krisenzeiten unausweichlich sind, glaubt auch Thuraya al-Arrayed. Sie ist Mitglied der Beratenden Versammlung in Riad. Um den hohen Lebensstandard zu halten, reiche das Gehalt des Mannes nicht aus, erklärt sie. Bislang liegt die weibliche Beschäftigungsquote unter zwanzig Prozent – das ist weltweiter Negativrekord.

Kürzlich sorgte Vize-Kronprinz Mohammed bin Salman für einen Lichtblick: Er ließ eine Vergnügungsbehörde einrichten. Bei den ersten Shows war die strikte Trennung der Geschlechter im Auditorium aufgehoben. Die Bühne blieb aber den Männern vorbehalten.
youtube.com (Suchwort: Hwages)