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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.15

„Das Dorf ist zerrissen“

Im März geriet der kleine Ort Tröglitz in die Schlagzeilen: Weil Bürgermeister Markus Nierth sich für die Unterbringung von Flüchtlingen eingesetzt hatte, wollten vor seinem Haus Rechtsextremisten aufmarschieren. Er trat zurück. Vier Wochen später brannte die geplante Flüchtlingsunterkunft

Nach außen hin ist die Stimmung in Tröglitz ruhig, aber unter der Oberfläche schwelt es. Die Dorfgemeinschaft ist zerrissen: Nach wie vor schürt die NPD Ängste und Hass. Einige finden es fürchterlich, was passiert ist, und sagen das auch, aber die große Mehrheit schweigt. Ich bin entsetzt, dass sich nicht mehr Tröglitzer den Neonazis laut entgegenstellten.

Enttäuscht bin ich auch von allen poltischen Institutionen, den sogenannten Säulen einer bürgerlichen Gesellschaft. Statt mich und meine Familie zu schützen, warfen uns manche vor, die Presse ins Dorf geholt zu haben. Bis heute werden wir als Nestbeschmutzer und Unruhestifter beschimpft und haben viele Drohungen erhalten. Das Ekligste waren Fäkalien, die per Post an meine Frau geschickt wurden. Sie war schon immer deutlich kompromissloser gegenüber Neonazis als ich. Lange Zeit hatte mein pastorales Herz Mitleid mit den Gebrochenen. Ich glaubte, sie durch liebevollen, väterlichen Umgang von dieser widerwärtigen Ideologie abbringen zu können. Ich musste schmerzlich erkennen, dass dies meist unmöglich ist.

Für manche Leute steht Tröglitz kurz vor der „Islamisierung“, denn unser 2700-Einwohner-Dorf hat inzwischen sechs erwachsene Flüchtlinge und drei Kinder aufgenommen. Für eine indische Familie haben zwei Senioren die Patenschaft übernommen. Wir kümmern uns um die beiden Familien aus Afghanistan. Die Flüchtlinge lernen fleißig Deutsch und gehen sehr offen und herzlich auf die Tröglitzer zu. Viele hilfsbereite Menschen bringen ihnen Kleider, besuchen sie auf einen Tee oder nehmen die Kinder mit ins Schwimmbad. Doch die Asylbewerber werden auch angefeindet. Sie verzichten auf Anzeigen, weil sie keinen Unfrieden stiften wollen.

Ich frage mich, wie weit diese Ausländerfeinde noch gehen dürfen, warum sie ihre Hasstiraden ungestraft im Internet verbreiten dürfen. Bis heute sind die Brandstifter nicht gefasst. Wir wünschen uns ein deutlich schärferes Vorgehen der Polizei gegen den pöbelnden Mob, der die Demokratie aushebelt. Wir werden mit weiteren Anschlägen wie in Freital, Neustadt oder Heidenau rechnen müssen. Das ist die Quittung für die verfehlte Politik der vergangenen Jahre und die mangelnde politische Aufklärung.

Jetzt endlich lassen sich Politiker in Flüchtlingsheimen blicken und finden deutliche Worte, Sigmar Gabriel etwa spricht von „Pack“. Solche klaren Botschaften hätten wir uns schon vor einem halben Jahr gewünscht. Aber das reicht nicht. Der Bund muss Länder und Kommunen dringend finanziell unterstützen. Rechte müssen aus dem Umfeld von Asylbewerberheimen verbannt werden. Ehrenamtliche Helfer brauchen Leitfäden, Aufwandsentschädigungen, Anerkennung und Wertschätzung. Und wir brauchen mehr Menschen mit Mut und Rückgrat, die sich einem Zeitgeist entgegenstellen, der alles toleriert und erlaubt, von Egoismus, Neid und Raffsucht bis Habgier.

So lange das nicht geschieht, kann in unserem Landstrich eine kleine bildungsferne und niveaulose Schicht die breite Masse der Gesellschaft terrorisieren. Diese steht wie gelähmt vor diesem asozialen Gebaren. Ob wir hierbleiben, hängt davon ab, ob die Menschenfreunde wieder die Oberhand gewinnen.