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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.16

Das Glück ist dort, wo wir uns Zeit nehmen es zu finden

Text: Andreas Weber

Wir reisen an ferne Orte, von denen wir uns die Erfüllung unbestimmter Sehnsüchte versprechen. Aber was suchen wir dort überhaupt? Etwas, das wir wirklich nicht in der Nähe finden können? Nicht das Wegsein, sondern der Weg öffnet uns die Augen

Was tut heutzutage jemand, der im Reisen das wahre Abenteuer sucht, zuerst? Er klickt sich durch die Angebote der Ware Abenteuer. Er scannt Webauftritte, Reiseforen und Bildergalerien. Pauschaltouren zu den „letzten Urvölkern“ Papua-Neuguineas, Trekking im international gemischten Gänsemarsch durch die sikkimischen Himalaja-Ausläufer, „guided tour“ mit Geländewagen und Getränkebox zu den Stämmen Südäthiopiens, deren Mitglieder sich extra für die Touristen die T-Shirts ausziehen und die nackte Haut bemalen.

So weit, so scheint es, ist es heute mit der edlen Bildungspraxis des Reisens gekommen – mit dem, was ein Engländer einst als die angenehmste, unpraktischste und kostspieligste Art der Belehrung beschrieb. Der Dichter Jean Paul beobachtete im frühen 19. Jahrhundert, wie die Epoche der Romantik die Reise in ferne Gegenden zu einer Erfahrung erhob, die kein wohl entwickelter Mensch verpassen dürfe, und sie damit populär machte: „Reisen ist Leben“.

Heute, im Zeitalter der Tourismusindustrie, gilt vielen kritischen Beobachtern eher: „Reisen ist Leere“. Wo auch immer wir hinkommen, jemand war schon vor uns da und hat zu allem Überfluss auch noch ein Preisschild angehängt. Für echte Abenteuer muss man sich schon solo in Gegenden aufmachen, die eine Sauerstoffmaske erfordern, und selbst dann steht man am Gipfel Schlange für das Selfie.

Die Erfahrung des Unbekannten: planbar, käuflich und mit Leistungspunkten versehen wie ein biografisch maßgeschneidertes Auslandssemester. Schon Mitte des 20. Jahrhunderts schrieb der französische Philosoph Albert Camus: „Früher zeichnete man auf Reisen, um sich erinnern zu können, wo man war. Heute filmt man auf Reisen, um zu erfahren, wo man gewesen ist.“ Und wie, bitte, lautet das WLAN-Passwort?

Doch das Jammern darüber, wie sehr der Globus sich inzwischen in den Shopping-Katalog seiner selbst verwandelt hat, trifft nur die halbe Wahrheit. Auch wenn es amüsant ist, dieselbe Geschichte der Entzauberung immer wieder zu erzählen: der Landsmann, der in einer Absteige im entlegenen Kambodscha umringt von Frauen die Sau rauslässt; die in krudem Deutsch verfasste Speisekarte eines Gasthofs in den Südabruzzen – und so weiter. Auch wenn es sich erhebend anfühlt, mit der Pikiertheit des wahren Kenners die Nase zu rümpfen: Solange wir am Konsum der Welt teilnehmen, kommen wir aus der prinzipiellen Fehlhaltung nicht heraus. Als Reisende suchen wir Ursprünglichkeit, um sie für uns zu nutzen.

Das ist das grundsätzliche Dilemma, welches das Reisen begleitet, seit es um 1800 in der Zeit der Romantiker und Naturschwärmer erstmals Massenpopularität erreichte. Menschen reisen, weil sie etwas suchen, was sie außerhalb ihrer selbst vermuten. Und sie beklagen sich empört, wenn sie es an der Destination nicht finden, für deren Erreichen sie viel Geld ausgegeben haben, sondern stattdessen anderen begegnen, die dasselbe suchen – womöglich auch noch die gleiche Sprache sprechend und mit Platin-Card.

Der Tourist, der pauschal ein Reiseziel bucht, und der Kulturkritiker, der ihm dies vorwirft, handeln in Wahrheit aus dem gleichen Motiv. Sie glauben beide an die Ursprünglichkeit als Ressource, die sich finden und dann gleichsam als Nahrungsergänzungsmittel konsumieren lässt, damit das Leben besser wird.

„Der Tourismus zerstört das, was er sucht, indem er es findet“, schrieb der Dichter Hans Magnus Enzensberger. Heute gilt das nicht nur für das unverbrauchte kulturelle Ambiente, sondern auch für die unversehrte Natur und letztlich für die Sehnsucht selbst. Der Pauschaltourist auf dem Kamelrücken, der dem Versprechen des Veranstalters auf Abenteuer glaubt, sitzt derselben Illusion auf wie der Rucksackreisende, vor dessen ranziger (aber authentischer) Unterkunft die Kamel-Safari vorbeizieht. Beide glauben, dass das Paradies irgendwo da draußen ist, dass man dafür weit fahren muss und dass es Geld kostet.

Diese Haltung ist kein Wunder – setzt doch unsere ganze Zivilisation darauf, dass „wahres Leben“, „wirkliche Erfüllung“, „echte Erlösung“, „wirtschaftliche Stabilität“ oder „die große Liebe“ durch das passende Verhalten, eine strategische Wahl oder viel Ausprobieren erreichbar ist. Irgendwann muss man es einfach geschafft haben. Etwas platter gesagt: Die Welt ist meine Auster, ich schlürfe sie, um mein Ich mit ihr zu päppeln. Psychologen nennen diese Haltung Narzissmus, Selbstverliebtheit. Soziologisch kann man sie als Tourismus bezeichnen.

Wer das Reisen lebendiger haben möchte und sich damit eine Welt wünscht, in der es überhaupt noch etwas zu erleben gibt, kann schwerlich nach mehr „Authentizität” rufen und damit bloß meinen, selbst bitte immer als Erster dagewesen zu sein. Wer „Reisen ist Leben“ sagt, aber meint, zu leben müsse heißen, mit einem ständig aktivierten Belohnungszentrum im Gehirn herumzulaufen, verpasst gerade das: sein eigenes Leben. Da ist es ganz gleich, ob die persönliche Vorliebe nun darin besteht, möglichst von einem Spa ins nächste geflogen zu werden oder im eisigen Biwak den Thrill der Angstlust zu genießen.

Wenn Reisen Leben sein soll, müssen wir uns interessanterweise erst einmal fragen, was denn Leben ist. Das ist jetzt nicht die einfachste aller Fragen. Aber vielleicht können wir Reisen nicht verstehen (und auch nicht wirklich genießen), wenn wir keine Ahnung vom Leben haben.

„Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben“, schrieb Kurt Tucholsky in den Zwanzigerjahren. Damit gab er dem ursprünglichen Aphorismus Jean Pauls einen ganz neuen Dreh: Wer unterwegs ist, lebt nicht etwa schon dadurch, dass er sich in Bewegung setzt, sondern tut vor allem kund, dass er sich danach sehnt, intensiv die Erfahrung seiner eigenen Existenz zu machen.

Eine Sehnsucht kann zum Ziel führen, oder aber sie kann scheitern. Wer über die Kastenskelette der Siebziger- und Achtzigerjahre-Bettenburgen blickt, die die mediterranen und subtropischen Küsten säumen, sieht die Zementierung dieses Scheiterns. Er sieht auch, dass verunglückter Narzissmus immer andere ins Verderben zieht – die Freiheit der anderen, der Tiere, Pflanzen, Felsen, Wellen und des einen oder anderen Einheimischen.

Man könnte, durch den Anblick philosophisch gestimmt, auch darüber sinnieren, dass noch keine Zivilisation so ausschließlich wie unsere auf dem Prinzip der Sehnsucht aufgebaut war und auf dem Drang, sie hier und jetzt zu befriedigen. Man könnte darauf kommen, dass unsere urbanisierte, verarmte und vereinheitlichte Erde das Scheitern dieser Sehnsuchtszivilisation veranschaulicht. Man könnte auf den Gedanken verfallen, dass der Tourismus heute eher eine Besichtigung der Spuren dieses Missglückens darstellt als irgendwelcher landschaftlichen Sehenswürdigkeiten oder historischen Baudenkmäler:  Fremdenverkehr als zu Fertigzement verhärtetes Begehren.

Vielleicht liegt ein Grundfehler darin, dass wir allem einen Zweck geben. Dem Reisen wie dem Leben. Existieren heißt in unserer Leistungsgesellschaft „um zu“: Ich tue etwas, um etwas zu erreichen. Schon das Kind kommt auf die (möglichst gute) Schule, um bessere Chancen zu haben. Es muss gute Noten haben, um seinen Eltern zu gefallen. Es muss lernen, um die richtigen Abschlüsse zu machen. Einen vielversprechenden Arbeitsplatz finden, um Karriere zu machen.

Statt in den Tag hinein leben wir nach Zweck. Wir sind unsere eigenen Mittel, um besser zu funktionieren, zu vielen Opfern bereite Werkzeuge des gesellschaftlichen Optimierungswahns, der so auch unser eigener wird. Und wenn wir uns daran erschöpfen, dann hauen wir ab. Dann reisen wir. Um uns zu erholen. Um Neues zu erfahren. Um die Batterien aufzuladen. Um lebendig zu sein. Für den Menschen als Mittel im Narzissmus der Leistungsgesellschaft ist Reisen Flucht. Man kann aber nicht lebendig sein, um lebendig zu sein. Entweder ist man lebendig oder eben nicht. Leben ist kein Mittel. Es ist schon das Ziel.

Vielleicht kommen wir auf dieser Spur dem näher, was wir auf den Billionen jährlich global abgehechelten Reisekilometern wirklich suchen. Denn auch wenn eine Sehnsucht scheitert, liegt ihr doch ein authentisches Bedürfnis zugrunde. Was alle Reisepläne eint, die des Hippies auf Selbsterfahrungstrip in Myanmar und die des gestressten Kundenberaters, der auf Malle am Pool röstet, ist nämlich das: hinauszutreten aus der Existenz als Mittel.

Auf Reisen muss man nur reisen, sonst nichts. So, als ob man plötzlich immer nur noch zu leben bräuchte und nicht mehr ständig gegen den drohenden Abstieg anstrampeln. Vielleicht lösen die schönen Landschaften, die Reisende suchen, nicht einmal dieses paradiesische Gefühl des Angekommenseins aus. Sondern sie werden erst dadurch bedeutungsvoll, dass sie geografische Szenerien zu persönlichen Erinnerungen an die wenigen Momente des Freigelassenseins kristallisieren lassen.

Insofern träumen wir alle in den Schablonen des kulturellen Unbewussten die Träume der Befreiung von Zwang und Bewertung. Das heißt aber auch: Die eigentliche Reise ist die dorthin, kein Mittel mehr zu sein. Und diese Reise hat kein räumliches Ziel. Es ist die Reise des Lebens. Betört von so vielen Urlaubszielen und Möglichkeiten, unsere unbestimmte Sehnsucht zu stillen, treten wir sie gleichwohl kaum je an. Dabei beginnt dieser Urlaub gleich um die Ecke. Kein Mittel mehr sein, nur noch mein eigener Zweck, das ist überall möglich. Dafür muss die Fahrt nicht weit gehen. Dafür muss ich nichts sein als willkommen, wie ich bin. Dafür muss ich paradoxerweise aufhören zu suchen.

Unter allen Reisebüchern des letzten Jahrzehnts hat sich eines in Deutschland verkauft wie kaum ein zweiter Titel. Und dieser Megaseller hat genau das zum Ziel: die unspektakuläre Ferne von jedem fremdbestimmten Zweck. Schon der Titel von Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ suggeriert den ankündigungslosen Ausstieg aus dem Verwertungszusammenhang – obwohl ironischerweise das, was daraus entstand, nämlich ein Bericht über diese Erfahrung, wieder millionenfach verkauft und somit verwertet werden konnte.

Dennoch ist das Protokoll von Kerkelings Wanderung zum nordspanischen Wallfahrtsort Santiago de Compostela weder Abenteuer noch Idyllenbericht. Wer die Strecke dorthin aus eigener leidvoller Erfahrung kennt, weiß, dass der Weg vor allem aus endlosen Fußmärschen auf den monotonen Randstreifen von Fernstraßen besteht, während die Autos an einem vorbeibrausen und die Regenbekleidung im Luftzug fauchen lassen.

Kerkelings Buch ist das Protokoll einer persönlichen Pilgerfahrt. Es beschwört auf lakonische Weise das, was keinen Zweck hat, sondern Zweck ist, als Kern der Existenz. Es ist nicht nur eine schöne Reiseerinnerung, sondern die Mitschrift einer Entwicklung, die mal mit Freude einhergeht und mal mit Verzweiflung. Hier ist Reisen wirklich Leben. Und vielleicht hat unsere westliche Art zu reisen in der Tat heute auf oft missverständliche Weise das ersetzt, was anderswo reale Pilgerfahrten versprechen (etwa nach Mekka in Saudi-Arabien oder zum Kailash-Berg in Tibet): Sie sind Versuche, dem, was wirklich ist, nahe zu sein.

Der französische Romancier Victor Hugo schrieb im 19. Jahrhundert: „Reisen ist, in jedem Augenblick geboren werden und sterben.“ Beim Reisen können wir also anfangen, Leben zu üben. Aber das funktioniert nur, wenn wir uns dem Glück genauso aussetzen wie dem Scheitern.

Dafür brauchen wir keine touristische Infrastruktur, ja, wir brauchen nicht einmal fremdes Terrain. Wir haben davon genug in unserem eigenen Herzen.