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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.05

Das Kreuz mit Bayer

Text: Knut Henkel

24 peruanische Kinder starben durch ein Bayer-Pestizid, wie eine Parlamentskommission ermittelte. Doch der Konzern will sich seiner Mitverantwortung nicht stellen.

Auf dem Schulhof von Tauccamarca durchfährt José Manottupac der Schmerz wie ein Schlag, so frisch ist die Erinnerung auch nach fünf Jahren noch: „Ich kam vom Feld, weil ich Schreie hörte. Überall lagen Kinder, mein Sohn Teófilo kniete spuckend auf der Erde und hielt sich den Bauch.“ Wenig später war Teófilo tot, und auch dem neunjährigen Nestor, seinem zweiten Sohn, konnte der Vater nicht helfen. Er starb auf dem Weg zum nächsten Arzt. 24 Kinder kamen an diesem 22. Oktober 1999 in dem peruanischen Andendorf ums Leben. Vater Manottupac, 47, hat bei der Autopsie geholfen. „Die Ärzte sagten, sie starben an vergifteter Schulmilch“, erinnert sich der Bauer. „Unter den Milchpulverbeuteln war einer, der mit einem Pestizid vergiftet war.“ Aufklärung der Ursachen will er – und eine Entschädigung für den Tod seiner Kinder: „Wir kämpfen seit Jahren dafür.“ Viel Hoffnung scheint er nicht mehr zu haben, dass die aus seiner Sicht Verantwortlichen zahlen müssen, „die Behörden und Bayer als Hersteller des Giftes“. Der deutsche Chemieriese trägt auch für Alcides Llique Ventura einen erheblichen Teil der Schuld, weil er auf der Packung nicht deutlich genug auf die Gefährlichkeit des Insektengifts hingewiesen habe. Der Parlamentarier leitete in Lima die Kommission, die den Fall im März 2002, nach dem Ende der Fujimori-Diktatur, neu aufrollte. „Hauptverantwortlich war eine Frau aus dem Dorf. Sie hatte mit einem Pestizid versetztes Milchpulver als Köder für streunende Hunde ausgelegt“, erklärt Alcides Llique. Die Plastiktüte mit dem Aufdruck des staatlichen Schulspeisungsprogramms platzierte sie vor der Haustür. Ein Schulmädchen übergab den Beutel dem Dorflehrer, dessen Frau ihn und drei weitere Milchpulverbeutel für die Schulmilch nahm, wie eine Rekonstruktion des Unglücks ergab. „Den Tod der Kinder verursachte Methyl-Parathion, wie die Analyse von Gewebeproben ergab. Dies deckt sich mit dem Polizeibericht und Zeugenaussagen. Wir gehen davon aus, dass die Vergiftung auf dieses Insektizid zurückzuführen ist“, sagt der Parlamentarier. Von der Weltgesundheitsbehörde WHO wird das Organophosphat in der Gefahrenklasse 1a (extrem gefährlich) geführt. Den Obduktionsberichten zufolge rief es bei den Kindern Krämpfe, Hirnblutungen, Lungenödeme und Atemlähmungen hervor. Sie starben qualvoll. Methyl-Parathion wurde in Peru nur von Bayer vertrieben – unter dem Handelsnamen „Folidol 2,5%“. Trotz der Gefährlichkeit hatte Bayer Methyl-Parathion in Peru nicht mit einem stechenden Geruchszusatz vergällt, wie er zum Beispiel in den USA seit 1997 zwingend vorgeschrieben war. Den Tod der Schüler hätte dies verhindern können, ist Luis Gomero vom Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) in Peru überzeugt: „Dann hätten die Kinder die vergiftete Schulmilch wohl kaum getrunken.“ Für den Parlamentarier Alcides Llique ist dies nicht das einzige Versäumnis des deutschen Chemieriesen: So prangte auf den Ein-Kilo-Plastikbeuteln, in denen Folidol in den Handel kam, ein harmlos wirkender Gemüse-Aufdruck. Die Gefahrenhinweise hingegen, deutlich kleiner, waren an den unteren Rand der Tüten verbannt, wie alles andere überdies auf Spanisch. Und das, obwohl die meisten Kleinbauern nur Quechua sprechen und oft Analphabeten sind. „Zudem werden solche Pestizide frei gehandelt, die Käufer werden kaum je auf die Gefahren hingewiesen“, hat Alcides Llique auf einer Recherchetour festgestellt. Die Folge: Mindestens 6500 schwere Vergiftungsfälle mit Pestiziden jährlich allein in Peru. Bayer bestreitet die Verantwortung für das Unglück und beruft sich dabei auf ein zweites Gutachten: Auch die Gesundheitsbehörde Digesa ließ Reste der Schulmilch untersuchen. Darin fanden Toxikologen nicht Methyl-Parathion, sondern Ethyl-Parathion, ein anderes Gift. Der Gesundheitsminister der Fujimori-Regierung erklärte daraufhin, dieses seit 1998 in Peru verbotene Insektizid sei für den Tod der Kinder verantwortlich. Darauf stützt sich auch Bayer-Pressesprecher Norbert Lemken: Der Leverkusener Chemiemulti habe den Vertrieb von Ethyl-Parathion bereits 1992 eingestellt. „An diesem Unfall war kein Bayer-Produkt beteiligt, und es liegt kein Fehlverhalten der Bayer CropScience vor“, teilte Lemken auf Anfrage mit. Alcides Llique bezweifelt die Analyse der Digesa. Wie die Kommission in ihrem detaillierten Bericht nachwies, kam die Gesundheitsbehörde ihrer Aufgabe – der Aufklärung und Prävention bei Pestiziden – nicht nach. Demnach, befanden die Parlamentarier, hätten die Angehörigen der verstorbenen Kinder ein Recht auf Entschädigung von den staatlichen Stellen – und vom Hersteller. Auf die Frage, warum Methyl-Parathion vom deutschen Chemiekonzern in Peru weiter verkauft und offensiv beworben wurde, obwohl es in Deutschland seit 1989 verboten war, hat die Kommission nie eine Antwort erhalten. „Von Bayer gab es keine Bereitschaft, die Untersuchung zu unterstützen“, moniert Llique. Bayer-Pressesprecher Norbert Lemken gab darauf auch auf Anfrage des Greenpeace Magazins keine Antwort. In Nicaragua nahm der dänische Hersteller Cheminova Methyl-Parathion 1997 nach zahlreichen Vergiftungsfällen vom Markt. In den USA wurde das Insektizid 1999 endgültig verboten. Im Hafen von Lima gingen die letzten aus Hamburg verschifften 1,5 Tonnen Methyl-Parathion nach Angaben der Zollbehörde am 18. November 1999 ein, vier Wochen nach dem Tod der Kinder. Erst im Oktober 2000 wurde das Pestizid verboten. Eine „direkte Folge der Tragödie von Tauccamarca“, glaubt Luis Gomero von PAN-Peru. Er hofft, dass der Bericht der Untersuchungskommission bald vom Parlament angenommen wird – fast drei Jahre nach seiner Fertigstellung. Das könnte endlich den Weg für Straf- und Zivilprozesse bahnen, die bisher blockiert wurden. „Zwar macht Schadenersatz unsere Kinder nicht wieder lebendig“, sagt Bauer José Manottupac, „aber er gibt uns ein Gefühl von Gerechtigkeit.“