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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.14

Das Märchen vom Paradies

Text: Andreas Weber

Die Rote Liste wird 50 Jahre alt. Doch der verengte Blick auf den Schutz einiger populärer Arten kann das große Sterben nicht stoppen. Unser Autor würdigt die Rolle der grünen Pflanzen, der Basis allen Lebens, und plädiert für eine neue Sicht auf die Natur, die das Ideal der unberührten Wildnis hinterfragt

In der Sonne des Frühsommerabends zerfließen die Blätter zu grünem Licht. Das Laub des Buchenwaldes, vor Wochen erst aus den Knospen gedrungen, erscheint fast durchsichtig – als würden die ausgreifenden Kronen nicht aus Stoff bestehen, sondern aus Strahlen. Helligkeit und Schatten mäandern über den Waldboden. Sie zittern auf den Stängeln des Waldmeisters, übergießen die Blätter der Maiglöckchen, marmorieren die Laubfiedern des Lerchensporns. Und sie werfen Reflexe auf die Blütenstände einiger aus der Streu strebender Orchideen.

Kräftig, kniehoch, bis zur Spitze besetzt mit Reihen von weißen Kelchen – das Langblättrige Waldvögelein ist eine der eindrucksvollsten Blumenarten Deutschlands. Rar an den wenigen Standorten, an denen sie noch unter der Laubdecke wächst, verschollen an vielen Stellen, wo sie einst vorkam. Die Orchideenart steht auf der Roten Liste der in Deutschland gefährdeten Arten – unter dem Vermerk „Vorwarnstufe“. Doch diese Auflistung ändert nichts daran, dass die Biotope, in denen das Waldvögelein seine Heimat findet, wo es Teil einer speziellen, innig verbundenen Pflanzengemeinschaft ist, beständig seltener werden; bedroht von Holzeinschlag, Aufforstung, Wildfraß.

Selbst in Deutschland, wo Ökologen seit mehr als einem Jahrzehnt versuchen, die Bedrohungslage nicht nur einzelner Spezies zu ermitteln, sondern auch jener Standorte, an denen noch Vielfalt gedeihen kann, ist das Dilemma des Artenschutzes längst nicht aufgelöst, im Gegenteil. Abseits der Schutzräume frisst Intensiv-Agrarwirtschaft das Land, badet die leergeräumten Fluren in Giften und Kunstdünger. Allerorten ist das Gewebe des Lebens fadenscheinig bis zum Zerreißen geworden, besteht die Landschaft im Frühsommer aus kaum mehr als Farbflächen: dem monochromen Gelb von Rapsfeldern, dem Grün artenarmer Futterwiesen. Trotz Ausweisung hunderter Lebensräume im Rahmen der Natura-2000- und Flora-Fauna-Habitat-Programme der EU ist weiter der Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Einzelelemente erhalten Aufmerksamkeit. Das große Ganze kollabiert.

Im Mittelpunkt dieses Dilemmas steht die Rote Liste. 1964 von der UN-Naturschutzunion IUCN eingeführt, kann sie 2014 auf ihr 50-jähriges Bestehen zurückblicken. Das Schutzinstrument, vorgestellt kurz nach dem Erscheinen von Rachel Carsons Buch „Der stumme Frühling“ 1962 und einige Jahre vor dem Club-of-Rome-Report über „Die Grenzen des Wachstums“ 1972, ist ein Meilenstein des ökologischen Bewusstseins. Die Nomenklatur der IUCN-Bedrohungskategorien wurde von vielen Ländern übernommen. „Endangered“ (gefährdet), „critically endangered“ (vom Aussterben bedroht), „extinct in the wild“ (in freier Wildbahn ausgestorben) – eine Einstufung auf der Roten Liste zeigte der Öffentlichkeit, wie ernst es um Tiger und Gepard, Waldrapp und Karpatenfrosch wirklich bestellt ist. Die Terminologie machte klar, dass das Schwinden kein vages Bauchgefühl der Naturromantiker war, sondern Realität.

Aber die Rote Liste verzerrt diese Realität auch – bis heute. Das erste „Rote Datenbuch“, entworfen vom späteren Gründer des World Wide Fund for Nature (WWF), dem Briten Peter Scott, listete allein Vögel und Säugetiere Säugetiere auf. Auch die aktuelle Fassung vermerkt bloß ein Zehntel der Wirbellosen – zu denen etwa die Schmetterlinge zählen, die sich in Europa von den Sommerwiesen weitgehend zurückgezogen haben. Und überhaupt nur fünf Prozent der Pflanzen stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit der UN-Spezialisten weltweit. Pflanzen sind im Artenschutz immer noch eher Hintergrundrauschen. Auch das ist ein Grund dafür, dass die lebendigen Winkel der Wildnis weiter verlöschen, ohne dass wir es wirklich wahrnehmen.

Zum Geburtstag der Roten Liste ist Ökologen klar: Um die Situation der Natur realistisch abzubilden, muss ein neues Instrument her. Artenaufstellungen sind einseitig – und abgedroschen. Nach fünf Jahrzehnten hat sich die Öffentlichkeit daran gewöhnt, dass bestimmte Tiere dauerhaft einen Ehrenplatz einnehmen. Die Dringlichkeit ihrer Not dringt nicht mehr durch. Die Rote Liste steckt somit in einem doppelten Dilemma. Weltweit behandelt sie jene Wesen stiefmütterlich, die das Rückgrat aller Ökosysteme bilden: die grünen Gewächse. Und sie hat jahrzehntelang den Irrtum befördert, dass sich eine Spezies isoliert retten lässt.

Was aber, wenn es ein Alarmsystem gäbe, welches das Abhandenkommen ganzer ökologischer Kosmen abbilden würde? Ein Schutzinstrument, das nicht Einzelfälle auflistete, sondern das Dahinsiechen der einst alltäglichen Lebensräume  dokumentierte, wie es noch in den Sechziger- und Siebzigerjahren der Bodenwuchs in lichten Buchenwäldern, die Trockenrasen, Feuchtwiesen und Offenlandschaften allerorten waren?

Deutschland führt schon seit 2005 eine Bedrohungsstatistik der Biotoptypen. Nun will auch die IUCN diesen Weg gehen. Die UN-Organisation hat angekündigt, bis 2025 eine „Rote Liste der Ökosysteme“ aufzustellen, die jeden Lebensraum des Planeten und seinen Erhaltungszustand erfassen soll. Das „Red Data Book of Ecosystems“ wird sich explizit an Pflanzengesellschaften orientieren: an den für Klimazonen, Bodentypen und Höhenlagen typischen Zusammensetzungen von Bäumen, Büschen und Blumen.

In ihrer Vorstudie ordnete eine Gruppe von Ökologen zwanzig Ökosysteme beispielhaft den Rote-Liste-Kategorien zu. Als „ausgestorben“ – oder vernichtet – beurteilten sie die Landschaften des einstigen Aralsees in Zentralasien, der heute ausgetrocknet ist. Als „stark gefährdet“ stuften die Forscher die Seetangwälder vor der amerikanischen Pazifikküste ein. Aber auch die deutschen Hochmoore, die bis auf ein Prozent ihrer ursprünglichen Ausdehnung abgetorft sind, einschließlich rarer Arten wie Zwergweiden oder Sonnentau, fielen in diese Kategorie.

Uwe Riecken, Leiter der Abteilung Biotopschutz und Landschaftsökologie beim Bundesamt für Naturschutz (BfN), ist über den Vorstoß der IUCN erfreut. „Irgendwann lässt sich vielleicht jeder Quadratmeter Landschaft einem Ökosystem-Typ und entsprechend einem Gefährdungsgrad zuordnen“, hofft er – sobald bekannt sei, um welches Habitat oder welche Pflanzengesellschaft es sich bei einem Stück Natur handelt, stehe auch die Bedrohungslage fest, ganz ohne dass der Lebensraum extra auf seltene Arten untersucht werden müsse.

Deutschland hat schon heute neben der Roten Liste der Pflanzen – von denen 40 Prozent gefährdet sind – in seiner „Roten Liste der Pflanzengesellschaften“ fast tausend verschiedene Botanik-Biotoptypen verzeichnet: von der „Gesellschaft des Flutenden Sternlebermoses“ (gefährdet) bis zur „Schafschwingel-Frühlingsehrenpreis-Gesellschaft“ (stark gefährdet). Bis 2015, so der Auftrag der EU an die IUCN und die holländische Monitoring-Firma Alterra, soll über diese Vielfalt ein europaweites Raster von Ökosystemklassen gebreitet sein.

Aber wird das reichen?

Einige von Rieckens internationalen Kollegen entwickeln heute radikalere Ansichten, was die Menschheit für die Bewahrung der Vielfalt tun müsste. Sie meinen, bislang verwendeten Ökologen ihre Kräfte und Gelder auf zwei Ziele: Arten zu retten und Lebensräume wieder in einen jungfräulichen Zustand zu versetzen. Doch beide Strategien seien in Wahrheit längst gescheitert.

Der britische Zoologe Matt Ridley etwa führt ins Feld, dass wir längst in der Epoche des „Anthropozäns“ lebten – in einer vom Menschen dominierten Welt. Wildnis war gestern. Darum könne es nicht um das krampfhafte Festhalten an ursprünglichen Lebensräumen gehen, sondern nur darum, dass Ökosysteme ihre Funktionen im Zusammenleben aller Organismen weiter ausüben: Sauerstoff und Grundwasser liefern, Nahrung und klimatische Stabilität bereitstellen. Wer diese Funktion bereitstellt – Bestäubung etwa, die Verbreitung von Samen –, sei letztlich egal. Ob Grauhörnchen oder Rote Eichhörnchen die Schalenfrüchte vergraben und so den Wald verjüngen, ist für die Verfechter einer solchen Idee zweitrangig. Das klingt nach sehr viel Realismus, aber auch nach der bitteren Wehmut des Abschieds – und nach einer carte blanche für unbegrenzte Eingriffe.

Aber die Natur zu ihrem Schutz vom Menschen zu isolieren sei immer schon ein Irrweg gewesen, meint der Biologe Peter Kareiva. Für ihn ist die Idee, dass die Natur ohne Menschen besser dran wäre, des Umweltschutzes größter Feind. Kareiva leitet die Nature Conservancy, die größte Naturschutzorganisation der USA. „Seit es Menschen gibt, haben diese in die Natur eingegriffen“, meint er. Die Indianer Nordamerikas etwa stürzten durch ihre Jagd auf die Megafauna des Kontinents dessen ökologisches Gefüge um. „Die Ökosysteme, die wir heute zu schützen versuchen, sind größtenteils nicht älter als 12.000 Jahre“, sagt Kareiva. Auf seinem Siegeszug um den Globus hat Homo sapiens die prähistorischen  Riesensäuger längst ausgerottet und damit das Bild der Erde ein für allemal verändert.

Das zeigt für Kareiva: Die Natur, in der Menschen leben, ist stets ein Mosaik aus Zerstörung und Aufbau. Die Diversität der bäuerlichen Kulturlandschaft war ein Arrangement ökologischer Selbstorganisation mit der mächtigen neuen Art Mensch. Dieser vernichtete Lebensentwürfe – schuf aber zugleich neue Chancen. Die Huteweide. Die Knicklandschaft. Die Streuobstwiese. Biotope in Viehtränken des amerikanischen Westens, die ein ansonsten ausgestorbener Molch besiedelt. Man bedenke, dass Städte mit ihren alten Gärten und wilden Brachen vielerorts mehr Arten beherbergen als die sie umgebende Agrarsteppe.

Natur, so folgert der Nature Conservancy-Chef, geht zwar leicht kaputt – aber sie regeneriert sich. Kareiva zitiert Studien, nach denen Regenwald, der auf Rodungsflächen wächst, schnell wieder auf zwei Drittel seines Arteninventars vor der Zerstörung kommt. Naturschutz sollte daher einem Leitbild folgen, in dem Wälder, Feuchtgebiete und andere alte Ökosysteme inmitten einer Vielfalt menschengemachter Landschaften existieren können. Dazu könnten wuchernde Blühstreifen um Mais- und Kornfelder gehören oder artenreiche Energiepflanzenmischungen.

Geschickte Nutzung – aber kein Museum – ist die Devise ähnlich denkender Ökologen. Gemeinschaft, nicht Ausschluss. Der Mensch müsse sich als ein Teil der natürlichen schöpferischen Kraft auffassen und nicht als Sünder, der seine Verbannung aus dem Garten Eden verschuldet hat. „Umweltkatastrophen sind ein Teil des Lebens auf der Erde, auch ohne den Menschen“, erklären die US-amerikanischen Ökophilosophen Michael Shellenberger und Ted Nordhaus.

Für sie geht es darum, den Traum vom Paradies zu verabschieden – den der Erlösung durch die Marktwirtschaft ebenso wie den vom Idyll der mütterlichen Wildnis. „Post-Environmentalism“ nennen sie ihre Haltung: eine Ökologie nach dem ökologischen Zeitalter.

In dieser Epoche des „Post-Naturschutzes“ wäre der Begriff „eingeschleppte Arten“ ähnlich absurd wie das Wort „Ausländer“ im Londoner Stadtteil Brixton. „Es wird für Naturschützer Zeit“, meint der amerikanische Ökologe Mark Davis, „zu schauen, ob eingewanderte Arten eine produktive Rolle spielen“ – und sich nicht an ihrer Fremdheit festzubeißen. „Dass Fremdarten heimische vernichten, ist ein Mythos“, sagt Davis. Meist, abgesehen von Inseln, trete das Gegenteil ein: Neuzugänge machten einen Lebensraum vielfältiger. Zuviel des Optimismus?

Im Westen Berlins, auf den Gehölzflächen des Grunewaldes mit seinen Kiefern, Birken und alten Eichen, hat die Berliner Forstverwaltung ein Programm aufgelegt, mit dem eine eingeschleppte Art in Schach gehalten werden soll. Die Waldarbeiter versuchen, die aus Amerika stammende „Spätblühende Traubenkirsche“ loszuwerden – durch wiederholtes Abhacken, Ausgraben, Abzäunen. Etwas weiter nordwestlich, zur Havel hin, liegt der Schanzenwald. Unangetastet seit dem Krieg, durfte hier die Natur ein Experiment veranstalten. Sie richtete eine botanische Multi-Kulti-Gesellschaft ein. Im Frühsommer leuchten die Dolden der  nordamerikanischen Robinien, glitzert der Blütenschnee der ebenfalls  transatlantischen Traubenkirschen zwischen den stiernackigen Eichen und den schlanken Kiefern. Nachtigallen schlagen, Baumläufer huschen an den Bäumen aus der Neuen Welt empor, Ringelnattern sonnen sich auf Asthaufen.

Die Atmosphäre verkörpert das Potenzial der Natur, welche nie politisch korrekt ist, aber immer kreativ. Wird es bald ein ökologisches Inventar für Neu-Biotope geben? Einen Best-Practice-Katalog für schöpferische Freiheit? Nicht eine Rote, sondern eine Grüne Liste der Eisenbahnbrachen, Sekundärwälder, Dachmatten, Kleingärten, der Parks mit ihren Hasenglöckchen (eingeschleppt) und Anemonen (heimisch), ihren Hyazinthen (zugewandert) und Salomonssiegeln (ansässig)?

Es ist eine der großen Fragen künftiger Ökologie, inwieweit das Loslassen des historischen Ideals eine Haltung sein kann, die auf lange Sicht mehr Lebendigkeit, mehr Wildnis, mehr Stabilität auf diesem Planeten ermöglicht – und wie man diese lebensoffene Haltung gegen die Gefahr der Gleichgültigkeit und der endgültigen Zerstörung verteidigt.

Es ist eine schwierige Frage.

„Die Natur selbst fürchtet das Aussterben nicht, im Gegenteil“, schreibt der amerikanische Romanautor Richard Powers. „Aussterben ist ihr Gestaltungsmittel.“

Hier lesen Sie einen Essay von Andreas Weber zur neuen Roten Liste der bedrohten Tiere