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In Deckung

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.04

In Deckung

Text: Johannes Schweikle Fotos: André Lützen

Seit 1811 baut Oberndorf Waffen. Heckler & Kochs Gewehre finden sich auf den Schlachtfeldern der Welt. Wie lebt die Kleinstadt mit ihrer Rüstungsindustrie?

Das Schwäbisch von Otto Kenntner kann täuschen. Seine Sätze nehmen gemächlich Anlauf, gelangen aber pfeilgrad ans Ziel. Etwa bei der Geschichte von der Frau aus Oberndorf, die nach dem Krieg mit dem Zug nach Stuttgart fuhr. Dort kam sie mit einem Mädchen ins Gespräch und erzählte, woher sie komme. Da grauste sich das Kind: „Von da, wo man die Leute erschießt?“

Otto Kenntner dachte so ähnlich, als er 1946 Bürgermeister dieser württembergischen Kleinstadt wurde: „Wegen seiner Waffen ist Oberndorf in der ganzen Welt verrufen.“ Er habe dieses Amt nur widerstrebend angetreten, sagt er, „auch ein KPDler hat mich gebeten“. Die französische Besatzungsmacht hatte die Waffenfabriken gesprengt, für die Zukunft jegliche Metallverarbeitung verboten, „und das Trinkwasser war hundsmiserabel“. Auch mit 90 Jahren lässt Kenntner noch ahnen, wie er zum Beinamen „Otto der Starke“ kam. Sein Gesicht ist straff geblieben, seine Sinne fassen schnell auf, seine Rede entspringt entschlussfreudigem Denken. „Ich habe es kategorisch abgelehnt, dass hier je wieder Waffen gebaut würden. Und die Bevölkerung hatte es auch satt.“

Der König von Württemberg ließ 1811 in Oberndorf eine Gewehrfabrik errichten. Der Neckar lieferte Wasserkraft, der Schwarzwald Holz und Erz. Hier lernten die Brüder Wilhelm und Paul Mauser ihr Handwerk. Doch Vorderlader und Zündnadelgewehr waren ihnen zu primitiv. Sie tüftelten, bis sie eine revolutionäre Waffe entwickelt hatten: einen Hinterlader mit Schlagbolzenzündung und Metallpatronen. 1871 führte das preußische Kriegsministerium diese Waffe als Standardgewehr ein. Drei Jahre später übernahm Mauser die königliche Waffenfabrik, von Südamerika bis Asien wurde der Name zum Synonym für Gewehr. In Südafrika kämpften die Buren unter dem Motto: „Mit Gott und Mauser.“

Das Zauberwort von Otto Kenntner heißt Präzision. „Die Leute können ja mit Maschinen umgehen“, darauf ist er genauso stolz wie Generationen von Feinmechanikern aus „dem Städtle“. Kenntner holte die Textilindustrie in die Waffenstadt. 1949 gründeten ehemalige Mauser-Ingenieure die Firma Heckler & Koch. Sie produzierte Teile für Nähmaschinen und Fahrräder. Als die Bundeswehr mit dem Segen der Besatzungsmächte aufgebaut wurde, sahen die gelernten Waffenkonstrukteure ihre Chance: Sie entwickelten das G3, das Standardgewehr der neuen Truppe. Als Kenntner 1975 das Amt des Bürgermeisters abgab, war Oberndorf schon wieder weltbekannt für seine Waffen.

In den Glasvitrinen des Waffenmuseums präsentiert die Stadt stolz ihre Produkte. Pistolen und Gewehre werden hier auf ihre technischen Aspekte reduziert. Sobald einer moralische Fragen anspricht, greifen in Oberndorf soldatische Reflexe: Man geht in Deckung. Der amtierende Bürgermeister Hermann Acker lässt durch seine Vorzimmerdame ausrichten, Fragen des GREENPEACE MAGAZINS beantworte er nur schriftlich.

Der Lindenhof. Oberndorf hat 14.700 Einwohner und liegt geografisch auf drei Ebenen. Die Talstadt ist eingekeilt zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb. Eine Etage höher quetscht sich die Oberstadt auf eine schmale Tuffsteinterrasse. Auf der Hochfläche des Schwarzwalds, im Ortsteil Lindenhof, steht der Zaun von Heckler & Koch. Gut zwei Meter hoch, nicht eine rostige Schraube. „Seit 1996 gibt es keinen Stacheldraht mehr“, betont Unternehmenssprecherin Andrea Franke. Stattdessen Videokameras in Dreierbatterien. Der gläserne Empfangspavillon könnte auch zu einer Designerfirma gehören, nur hätte die wohl echtes Ahorn statt des Holzimitats genommen. Der Rasen ist sauber gemäht, das Rot der Corporate Identity zieht sich durch bis aufs Klo.

„Ja, ich bin stolz auf unsere Firma“, sagt Andrea Franke. „Es ist ein gutes Gefühl, dass unsere Soldaten sich auf ihre Waffen verlassen können – in vielen Armeen ist das nicht so.“ Sie ist 39 Jahre alt und blickt mit flinken Augen aus einem frischen Gesicht, das im Gespräch nachdenkliche Züge annimmt. Sie war Lokalredakteurin beim „Schwarzwälder Boten“ in Oberndorf. Vor 14 Jahren wechselte sie als Sprecherin zur Waffenfabrik. „Ich fand das interessanter, als über den Kleintierzüchterverein zu berichten.“ Damals habe sie sich die Gewissensfrage gestellt und mit einem Blick aufs Grundgesetz beantwortet: „Langfristig sehe ich das Recht auf Freiheit ohne Feuerwaffen nicht gewährleistet.“ Im Gegensatz zu vielen Oberndorfern fängt sie erst gar nicht an mit der ethischen Augenwischerei,
wonach eine Waffe als solche neutral sei. Sie flüchtet sich auch nicht in das beliebte: „Wenn wir die Gewehre nicht bauen, dann machen es andere“. Sie sagt geradeheraus: „Sinn und Zweck einer Waffe ist es, Menschen zu erschießen.“

Mit eigenen Augen hat Andrea Franke noch nie einen Erschossenen gesehen. Im USA-Urlaub hat sie einmal die amerikanische „gun culture“ erlebt und schüttelt noch immer den Kopf: „Ich kann diesen sorglosen Umgang nicht akzeptieren. Eine Waffe muss gesichert weggeschlossen werden.“

Der Rüstungsgegner Jürgen Grässlin hat vorgerechnet*, dass zwischen 1961 und 2000 mindestens 1,51 Millionen Menschen durch HK-Waffen starben. „Zu Grässlin sage ich gar nichts mehr“, entgegnet Franke, „ich weiß nicht, woher er diese Zahlen hat.“ Sie empfängt auch nur handverlesene Journalisten. „Wir suchen uns aus, mit wem wir reden wollen – das ist das Recht einer Firma.“ Wer nicht für den Wirtschaftsteil schreibt, hat keine Chance auf ein Gespräch mit der Geschäftsleitung oder einem Ingenieur: „Es bringt uns nichts, wenn wir Journalisten reinlassen – wir können sie doch nicht überzeugen.“

Derzeit beschäftigt HK 650 Mitarbeiter, 80 Mann entwickeln neue Waffen. Vergangenes Jahr machte die Firma 120 Millionen Euro Umsatz. Davon entfielen 80 Prozent auf Waffen für Militär und Polizei. 60 Millionen erlöste HK nach eigenen Angaben mit Exportgeschäften. Derzeit liefert die Firma 25.000 Pistolen an die Polizei Baden-Württembergs, der Auftrag hat einen Wert von acht Millionen Euro. Das künftige Gewehr der US-Army wird in Oberndorf entwickelt. Das passt zum Unternehmensziel, welches klipp und klar lautet: Weltmarktführerschaft.

„Eine Welt ohne Krieg wäre für uns ideal“, sagt Franke, „dann könnten wir in alle Länder exportieren.“ Die Firma ist einer UN-Initiative gegen den illegalen Verkauf von ausgemusterten Waffen beigetreten. „HK-Waffen in den Händen von Kindersoldaten gefallen uns gar nicht.“ Den sensibleren Umgang mit ausgemusterten Gewehren begrüßt sie aus ethischen und wirtschaftlichen Gründen: „Es gibt für uns nichts Besseres, als eine Armee mit neuen Waffen auszurüsten, und die alten werden verschrottet.“

Derzeit lässt die Bundeswehr 400.000 G3-Gewehre zerhacken. „Von denen waren manche noch nicht einmal ausgepackt“, sagt Andrea Franke.

Die Stadtkirche. Oberndorf lebt antizyklisch zur Geschichte. Mitten im Ersten Weltkrieg wurde hier eine evangelische Kirche gebaut. Mauser beteiligte sich mit 100.000 Mark an dem Bauwerk, das heute unter Denkmalschutz steht. Stilistisch ist es zwischen Jugendstil und neuer Sachlichkeit anzusiedeln, und doch gibt der viereckige Turm mit seiner runden Kuppel dem diffusen Stadtbild Kontur.

„Wir können uns nicht dahinter verstecken, dass wir nichts mit der Rüstungsindustrie zu tun hätten“, sagt Pfarrer Gerd Scheerer, 58. Sein weiches Gesicht strahlt Verständnis aus, und in kaum zu überbietender Redlichkeit erzählt er von seiner eigenen Geschichte: Sein Vater arbeitete als Ingenieur bei Mauser, im Krieg zerfetzte ihm eine Granate das Gesicht, trotz dieses traumatischen Erlebnisses baute er anschließend Waffen für Heckler & Koch. „Mit diesem Geld hat er mein Theologiestudium bezahlt.“

Die evangelische Kirche hat in Oberndorf 2700 Mitglieder und zwei Pfarrer. Auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung in den 80er Jahren setzte sich die Gemeinde kritisch mit den Rüstungsbetrieben auseinander. Das führte zu Austritten. „Neue Pfarrer versuchen, viel anzuregen“, sagt Kirchengemeinderat Gerhard Bruns, 53, „aber sie finden nicht immer die richtigen Worte und Wege.“

Pfarrer Thomas Elser, 51, hat vor 20 Jahren in Mutlangen mit Sitzblockaden gegen Nato-Raketen protestiert. In Oberndorf hält er Demonstrationen für das falsche Mittel: „In der Stadt herrscht ein latentes Schuldgefühl. Da bringen uns solche Aktionen nicht weiter: Sie schaffen böses Blut und führen in eine Abwehrhaltung.“

Sein Kollege Scheerer schildert die Haltung, mit der Facharbeiter in Oberndorf täglich zu Heckler oder Mauser gehen: „Die Leute sehen sich vorrangig als Feinmechaniker, die stolz sind auf ihre guten Produkte – das zerreißt einen schier.“ In der Gemeinde wird jedoch kaum über Rüstung diskutiert: „Es fällt uns schwer, etwas dagegen zu tun, weil wir uns damit das Wasser abgraben. Aber innerlich beschäftigt das Thema uns schon.“

Das Kino. In Oberndorf gibt es 5,3 Prozent Arbeitslose. In Baden-Württemberg liegt die Quote bei sechs, im Bundesschnitt bei 10,1 Prozent. Rund um den Talplatz freilich deutet wenig auf eine prosperierende Stadt. Am Gasthaus „Waldhorn“ bröckelt der Putz, ein großer Laden steht leer, ein Balken stützt den Giebel der spanischen Kneipe „El Toro“. Mittendrin das Kino der Stadt. 1984 wurde hier ein Film uraufgeführt, der bis heute das Oberndorfer Gewissen quält: „Fern vom Krieg“. Der Regisseur schnitt das beschauliche
Provinzstädtchen gegen die brutale Wirkung seiner Waffen: In Südamerika erschießen Soldaten Zivilisten, in der nächsten Einstellung klappen die Oberndorfer Bürger ihre Fensterläden zu. Die suggestive Botschaft kam an: Oberndorf verdrängt.

„Die Leute fühlen sich an den Pranger gestellt“, sagt Pfarrer Scheerer. „Und wenn ein Bild gezeichnet wird, in dem man sich nicht wiederfinden will, reagieren auch die allergisch, die nicht in den Waffenfabriken arbeiten.“

Vor dem Kino sind die einzigen Waffen im ganzen Stadtbild zu sehen: auf dem Filmplakat von „Bad Boys II“. Die Werbung im Schaukasten verspricht: „Violent Fun ist die Message und Kopfschuss die Antwort“. Andrea Franke von Heckler & Koch hat nicht ohne Stolz erklärt: „Die schießen mit Waffen von uns.“ Die US-Tochter von HK kooperiere eng mit den Hollywood-Ausrüstern: „Angelina Jolie schießt als Lara Croft mit unserer Pistole USP Match, und Arnold Schwarzenegger greift in ‚Terminator III’ zum modifizierten Sturmgewehr der Bundeswehr.“ Im deutschen Fernsehen ballern die Autobahnpolizisten von „Cobra 11“ mit Originalwaffen, die HK zur Verfügung stellt. Lediglich ein rüstungstechnischer Fortschritt wurde wieder rückgängig gemacht: „Wir bauen den Mündungsfeuerdämpfer ab. Denn optisch ist der Gag weg, wenn Sie eine Waffe nur hören und kein Mündungsfeuer sehen.“

Ein Mitarbeiter der Firma, der namentlich nicht genannt werden will, erzählt, mit welchen Augen sein Sohn Kriegsberichte in den Fernsehnachrichten anschaut: „Papa, ist das eine von euch?“

Das Rathaus. Im Barockhimmel der Klosterkirche schwebt ein Engel mit der Weihnachtsbotschaft: „Friede auf Erden“. Im säkularisierten Augustinerkloster richtete der König von Württemberg seine Gewehrfabrik ein. Mauser nutzte den Klosterbau bis 1945. In den 60er Jahren sollte die Kirche abgerissen werden, weil sie dem Autoverkehr im Weg war. Widerstand der Bürger führte dazu, dass Bürgermeister Kenntner schließlich den Gebäudekomplex für eine Mark von den Mauser-Werken kaufte und zum Rathaus machte.

Unterm Dach haben die Stadträte ihre Fraktionszimmer. Die SPD ist mit sechs von 22 Sitzen die dritte Kraft nach CDU und Freier Wählervereinigung. „Als Student habe ich auch diesen naiven Pazifismus vertreten“, sagt Fraktionsvorsitzender Günter Danner, Jahrgang 52. Er unterrichtet Deutsch und Geschichte am Gymnasium, eine gesetzte Erscheinung mit meliertem Bart. Heute kann er ziemlich kiebig werden, wenn einer „den moralischen Würgegriff ansetzt: ‚Ihr seid schuld, wenn Menschen erschossen werden‘“. Diese ethische Frage akzeptiert er nur „als Gewissensfrage, die der einzelne sich stellen muss. Keiner hat das Recht, von außen zu kommen und einen Mauser-Arbeiter zu verurteilen“.

Sein Gesellschaftsmodell sieht ein arbeitsteiliges Gewissen vor: „Es ist Aufgabe der Politik, Rahmenbedingungen zu schaffen, wie Waffen vertrieben werden. Der Arbeiter muss sich darauf verlassen können, dass die Entwicklungsländer ihr Geld nicht unsinnig für Waffen ausgeben.“

Neben ihm sitzt Genosse Horst Schwegler, 62, der seit 33 Jahren bei Mauser arbeitet. Vorsichtig merkt er an, wie wenig die Geschäftsleitung von den deutschen Exportbestimmungen hält: „Sie klagt immer wieder über die strengen Gesetze. In dieser Hinsicht wäre ihr eine konservative Regierung lieber.“

Als Schröder sich mit seinem Nein zum Irak-Krieg exponierte, gab es kritische Stimmen in der Gewerkschaftsversammlung: „Heckler-Mitarbeiter haben Befürchtungen geäußert, dass die Geschäfte mit Amerika leiden“, erzählt Schwegler. Der SPD-Ortsverein folgte aber geschlossen dem Kurs des Kanzlers. Schwegler erinnert sich an Stimmen von Genossen: „Wenn der Schröder hier umfällt, trete ich aus.“ Die SPD hat sich auch am Schweigemarsch beteiligt, den die Kirchen kurz vor Kriegsausbruch im März organisiert hatten: 300 Oberndorfer zogen mit Kerzen durch die Oberstadt, anschließend versammelte man sich zum Friedensgebet.

Die Siedlung. Gleich hinter dem Zaun von Heckler & Koch stehen Einfamilienhäuschen in Reih und Glied. Überkragende Dächer, Fassaden mit Schwarzwälder Holzschindeln, von den Nazis als Adolf-Hitler-Siedlung gebaut. Eine Frau poliert ihr Auto, die Nachbarin mit Kittelschürze macht Kehrwoche. Einen Tag vor dem Friedensgebet marschierte eine Friedensdemonstration rund um das Heckler-Gelände durch die Siedlung. Mehr als zweihundert Auswärtige protestierten gegen die Waffenfabrik und den Irak-Krieg, aus Oberndorf kam weniger als eine Handvoll Aktivisten.

„Ich bin hier der letzte Mohikaner“, sagt der Organisator. Er möchte nicht namentlich genannt werden. Der Mann ist 53 Jahre alt, arbeitet seit 25 Jahren in Oberndorf und scheut die „unterschwelligen Sanktionen“. Diese Demo war wie ein spätes Nachbeben der Ostermärsche. Die Oberndorfer Friedensgruppe hat sich längst aufgelöst. „Es war leichter, gegen Raketen auf die Straße zu gehen als gegen Kleinwaffen.“

Der Pazifist von Oberndorf „will nicht gegen Windmühlen kämpfen“. Die Rolle des Märtyrers liegt ihm nicht. Er fand ein neues Ziel für sein gesellschaftliches Engagement: „Als meine beiden Jungs mit dem Fußballspielen angefangen haben“, sagt er lächelnd, „bin ich im Verein Jugendleiter geworden.“

* Jürgen Grässlin: Versteck dich, wenn sie schießen; Droemer, 2003, 480 S., 19,90 Euro