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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.15

Den Armen gestohlen

Text: Toni Keppeler

Wie Bill Clinton nach dem Erdbeben in Haiti einem zweifelhaften Textilkonzern mit Hilfsgeldern eine neue Fabrik schenkte

Den Slogan „Build back better“ wiederholte Bill Clinton bei jeder Gelegenheit: „Bau’ Haiti besser auf, als es vorher war.“ Der frühere US-Präsident hatte höchstselbst die Chance, dies zu tun. Nachdem am 12. Januar 2010 ein Erdbeben die Hauptstadt Port-au-Prince zerstört, rund 300.000 Menschen getötet und fast zwei Millionen Haitianer obdachlos gemacht hatte, war er schon ein halbes Jahr lang Sondergesandter der UN für Haiti. Im April nach dem Beben wurde er zudem einer der beiden Vorsitzenden der „Interim Haiti Recovery Commission“. Das Gremium sollte die rund zehn Milliarden US-Dollar verteilen, die von der internationalen Gemeinschaft als Not- und Aufbauhilfe zugesagt worden waren.

Die Kommission war wenig erfolgreich: Bis heute leben viele Betroffene in Zelten oder Ruinen, bei ihnen sind keine Hilfsgelder angekommen. Dafür hat Clinton ein Projekt durchgeboxt, das ihm schon vor dem Beben am Herzen gelegen hatte: ein Industriegebiet, in dem Tausende von Frauen T-Shirts, Unterwäsche und Pullover für den Weltmarkt nähen – das Billiglohnland Haiti als Konkurrenz für das Billiglohnland Bangladesch.

Clinton hatte bereits vor der Naturkatastrophe versucht, die Pläne an den Mann zu bringen, beispielsweise im Oktober 2009 bei einer Konferenz mit Unternehmern in Port-au-Prince, zu der er als UN-Sondergesandter geladen hatte. Aber niemand biss damals an. Zu teuer. Nach dem Beben wurde die Fabrik mit Hilfsgeldern finanziert und dann einem südkoreanischen Konzern zur Verfügung gestellt.

Sie liegt ganz im Norden von Haiti, gleich neben dem 10.000-Einwohner-Städtchen Caracol. Von dem Erdbeben im Süden der Insel haben die Menschen damals aus den Radionachrichten erfahren. Gespürt habe man nichts, erinnert sich Bürgermeister Colas Laundry. „Wirklich, rein gar nichts.“ Die meisten Männer waren an diesem Tag zum Fischen auf dem Meer, die Frauen schöpften Meersalz aus Gruben am Strand. Die Bauern waren auf ihren Feldern.

„Wenn man mich gefragt hätte, ich hätte den Investoren ein anderes Areal gegeben“, sagt Laundry. „Dieses Gebiet war bestes Ackerland.“ Hier lohnte sich Landwirtschaft noch, eine Seltenheit auf Haiti. Denn in keinem anderen Land der westlichen Hemisphäre leiden die Bauern so unter Erosion. Noch dazu machen ihnen die aus den USA importierten, subventionierten Lebensmittel zu schaffen.

Doch im Rathaus von Caracol erfuhr man nichts von der Vergabe. Ein Jahr nach dem Beben wurden die Bauern mit dicken Geldbündeln, die aber nur wenig wert waren, über den Tisch gezogen. Wo damals 366 Kleinbauern Kartoffeln, Yuca, Mais und Bohnen anbauten, liegt heute das eingezäunte Sae-A-Industriegebiet.

Die Vorarbeit dazu hatte Clintons Ehefrau Hillary erledigt, damals Außenministerin der USA. Bei einem Staatsbesuch in Südkorea im Juli 2010 knüpfte sie Kontakte zu Managern des Textilkonzerns Sae-A, der nach eigenen Angaben jeden Tag mehr als eine Million Kleidungsstücke in zehn Ländern produzieren lässt. Schon zwei Monate später wurde in Washington ein „Memorandum of Understanding“ mit der US-Regierung und der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB) unterzeichnet: Sae-A versprach, in Caracol mindestens 20.000 Arbeitsplätze zu schaffen – wenn im Gegenzug die Regierung von Haiti das Land zur Verfügung stelle, die IDB für 100 Millionen Dollar die nötige Infrastruktur samt der Fabrikhallen schaffe und die staatliche Entwicklungsagentur USAID für weitere 124 Millionen Dollar ein Kraftwerk, einen Hafen und eine Wohnanlage für die koreanischen Manager baue. Das alles sollte mit Geldern der Wiederaufbauhilfe bezahlt werden.

Arbeitsrechtler waren entsetzt. Sae-A sei ein bedeutender Akteur in einer schmutzigen Industrie, der durch viele Skandale aufgefallen sei, sagt Scott Nova vom Workers Rights Consortium, einer Monitoring-Gruppe, die von über 200 Universitäten in den USA, Kanada und Großbritannien getragen wird. Der US-Gewerkschaftsverband AFL-CIO veröffentlichte im Dezember 2010 eine Studie, in der „schlimmste kriminelle Vergehen“ in einer Sae-A-Fabrik in Guatemala aufgelistet werden. Sie reichen von Bestechung über Freiheitsberaubung und Todesdrohungen bis hin zur Vergewaltigung einer Arbeiterführerin – das alles mit dem Ziel, „die lokale Gewerkschaft zu zerstören“.

Obwohl die Bucht von Caracol Mangrovenwälder, Korallenriffe und seltene Tierarten wie Lederschildkröten und Judenfische beherbergt, wurde das Industriegebiet ohne ein vorheriges Umweltgutachten gebaut, das diesen Namen verdient. Das monierte das US-Finanzministerium. Kurz vor dem Erdbeben 2010  war die Gegend zum Meeresschutzgebiet erklärt worden. Nun soll dort der Hafen für den Export der Sae-A-Produktion entstehen.

Nicht 20.000, sondern knapp 4000 Frauen werden heute von der Sae-A-Tochter S&H Global S.A. in drei Fabrikhallen beschäftigt. Eine der Arbeiterinnen ist Rose Nardel Bazil, eine 26-jährige alleinerziehende Mutter. Seit zwei Jahren näht sie Etiketten an T-Shirts. „6000 in der Stunde sind die Norm”, sagt sie. „Ich schaffe 7500.” Dafür bekommt Bazil  200 Gourde am Tag, knapp 3,50 Euro. Das ist der gesetzliche Mindestlohn für Lehrlinge. Angelernte Arbeiterinnen müssten eigentlich 300 Gourde bekommen, im Akkord sogar noch ein bisschen mehr. Das Workers Rights Consortium nennt das „Diebstahl an den Armen“. In einer Umfrage stellten die Arbeitsrechtler 2013 fest, dass Sae-A im Schnitt ein Drittel weniger als das im Gesetz vorgesehene Minimum bezahlt. Doch Karen Seo, PR-Managerin der Konzernzentrale, sagt: „Sae-A erfüllt peinlich genau, was die Regierung von Haiti verlangt.“ Angestellte des Arbeitsministeriums bestätigen, dass ihre Behörde die dauerhafte Bezahlung des Lehrlingslohns akzeptiert hat.

Bill Clinton ist zufrieden. „Wir haben uns für Programme eingesetzt, die den Haitianern gehören und von ihnen geleitet werden”, schreibt er im Abschlussbericht. 224 Millionen Dollar Hilfsgelder wurden ausgegeben, um einem zweifelhaften Konzern eine Fabrik zu schenken. Über die Herkunft des Geldes steht nichts in dem Dokument.