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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.16

Denn sie wollen nicht mehr zusehen

Text: Svenja Beller Fotos: Jan Wilken

Ein Abiturient und eine Studentin wollen Flüchtlinge vor dem Ertrinken im Mittelmeer retten. Das kostet Mut und sehr viel Geld. Abschrecken lassen sie sich davon nicht. Das Greenpeace Magazin begleitet / TEIL 1

Lena Waldhoff und Jakob Schoen wollen ein Schiff haben, unbedingt. Ein großes, ungefähr dreißig Meter lang, acht Meter breit. Eins, das sie mit Sicherheit nicht steuern können. Aber das ist nicht das Problem. Das sind eher die vielen Nullen, die an dem Kaufpreis hängen. Denn natürlich ist so ein Schiff teuer, viel zu teuer für einen 19-jährigen Abiturienten und eine 23-jährige Studentin.

Trotzdem fahren die beiden Berliner an diesem noch nachtschwarzen Montagmorgen im Oktober an die niederländische Küste, um sich ein paar Kutter anzusehen. Verrückt? Vielleicht, aber sie haben das drängende Gefühl, ihnen bleibe keine andere Wahl.

Mit ihrem Schiff wollen sie Leben retten, die sonst vielleicht das Mittelmeer verschluckt. Laut der Internationalen Organisation für Migration starben oder verschwanden 2015 bis Ende Oktober 3329 Menschen auf ihrer Flucht über das Mittelmeer nach Europa. Hinzu kommt eine ungewisse Zahl von nicht dokumentierten Todesfällen. Allein in der Nacht zum 19. April ertranken vermutlich mehr als 800 Menschen. Es war das bislang größte Flüchtlingsunglück auf dem Mittelmeer. Es war auch der Tag, an dem Jakob Schoen es nicht mehr aushielt, tatenlos auf das nächste zu warten.

Obwohl er sich auf seine Abiturprüfungen vorbereiten sollte, fing er an, Pläne zu schmieden. Während sich seine Mitschüler den Kopf über englische Literatur und Vektorrechnung zerbrachen, las er über Mare Nostrum, Triton, Sophia – und Schiffe. „Vom Bohrinselversorger bis zum Kriegsschiff war alles dabei“, erzählt Harald Zindler und lacht. Dass der 19-Jährige an ihn geriet, das war sein großes Glück. Jakob habe bei einer Werft angerufen und zufällig einen ehemaligen Greenpeace-Aktivisten am Telefon gehabt. Der habe gleich seine alten Kollegen Zindler und Gijs Thieme kontaktiert, um dem Jungen bei seinem Vorhaben zu helfen. Sie waren Greenpeacer der ersten Stunde und wissen, was für Schiffe man braucht, wie man sie umbaut und wen man fragt. Es ist, als hätten sie geradezu darauf gewartet, dass jemand wieder so loslegt, wie sie es in den alten Zeiten getan haben.

Jetzt, ein paar Monate später, kommt der Realitätsabgleich. Inzwischen ist Jakob nicht mehr allein. Lena Waldhoff, in deren WG er eine Weile gewohnt hat, schloss sich ihm an. Sie schreibt gerade ihre Bachelorarbeit in Philosophie und hilft in einem Flüchtlingsheim in ihrer Nachbarschaft. Erzählt sie den Bewohnern dort, was sie und Jakob vorhaben, bekommen die Angst um sie. Viel zu gefährlich sei das. Lena hört nicht darauf.

Stattdessen tun die beiden alles, um schnell dorthin zu kommen, in die Gefahr. Einen Namen haben sie schon: Jugend Rettet. Ihr Verein ist eingetragen, die Webseite online, erste Treffen mit Unterstützern gab es schon, zu zwölft sind sie jetzt. Sogar mit Vertretern des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr und des Verteidigungsministeriums haben sie sich getroffen. Viel Zeit hätten die für sie gehabt. Gerade sind die Flyer aus der Druckerei angekommen. „Europa tötet“ steht in weißen Großbuchstaben auf dunkelblauem Meer.

Hamburg, halb sieben morgens: Treffen der jungen und alten Aktivisten. Mit müden Augen fahren die vier durch die schlafende Stadt. Als sie den Hamburger Hafen durchqueren, geht blinzelnd die Sonne auf. Nach vier Stunden sammeln sie Albert Kuiken ein, einen ehemaligen Greenpeace-Kapitän, er wird die Vermittlung mit dem Schiffsmakler in IJmuiden in der Nähe von Amsterdam übernehmen.

In dem kleinen Hafen liegen drei Schiffe Seite an Seite an der Kaimauer vertäut. Ehemalige Fishtrawler, heute als Sicherheitsschiffe für Bohrinseln im Einsatz, niedrige Bordwand, großes Deck, sehr seegängig. Die fünf steigen aus und beachten weder die schreienden Möwen, den Gabelstapler, der rasselnd eine rostige Kette übers Pflaster zerrt, noch das Meer. Lena betrachtet die Schiffe: „Die habe ich mir kleiner vorgestellt.“ Jakob legt den Arm um sie. „Es wird gerade alles so realistisch. Das ist schon krass“, sagt er. Sie lächelt.

Auf einmal ist das alles kein Hirngespinst mehr, für das es so viele anfangs hielten, auch ihre Eltern. Auf einmal ist da dieser stählerne Kutter, mit dem sie entlang der europäischen Westküste durch die Meerenge von Gibraltar ins Mittelmeer fahren und auf dessen Deck sie gut hundert Menschen hieven könnten, die es sonst niemals an die Küste schaffen würden. Auf einmal ist das alles ein bisschen möglicher geworden.

Bevor sie das Büro des Schiffsmaklers betreten, dreht sich Albert Kuiken zu ihnen um: „Eine Sache: Redet nicht über Geld.“ Obwohl die Zeiten günstig sind, um ein solches Schiff zu kaufen – die Fischerei liegt am Boden, der Ölpreis auch – könnte ein falsches Wort den Preis in die Höhe treiben. Aber kaufen wollen Lena und Jakob heute ohnehin nichts. Dazu fehlt ihnen noch das Geld.

Bis Ende Februar wollen sie es zusammenhaben, für das Schiff brauchen sie 270.000 Euro. Bis Ende März wollen sie es in Hamburg umgebaut haben, Kostenpunkt: 240.000 Euro. Für das darauffolgende erste halbe Jahr im Einsatz planen sie 290.000 Euro für Dinge wie Treibstoff, medizinische Versorgung, Verpflegung und Versicherung ein. Zusammen macht das 800.000 Euro. Da reicht keine Spendenbüchse in der Fußgängerzone. Botschafter in möglichst vielen Städten sollen Spendenaktionen durchführen, die Schauspielerinnen Maria Furtwängler und Jasmin Gerat werden für sie werben. Und dann müssen sie auf Großspender hoffen. Die könnten zum Beispiel für 8437 Euro einen Längenmeter des Schiffs finanzieren. 7000 Euro haben sie bereits gesammelt, als Erster spendete Jakobs Vater, der nun doch ziemlich stolz auf seinen Sohn ist.

Der Makler ist von bulliger Statur und sagt zu ihrem Vorhaben „oh, ja ja ja“ und beim Verabschieden noch „good luck“. Dazwischen liegt die Schiffsbesichtigung. Zu sechst zwängen sie sich in die Bäuche dreier Schiffe hinunter, über enge Treppen, was Lena mit „mal gucken, wie oft ich da runterfalle“ kommentiert. Die jungen Aktivisten streifen durch Kabinen, Gänge und Lagerräume, spähen aus Bullaugen, fahren mit den Händen über das Holzfurnier an den Wänden. Als sie in einer engen Küche mit vier Kochplatten überlegen, wie sie da für vielleicht einhundert Flüchtlinge kochen könnten, wirft Harald Zindler knapp ein: „Das könnt ihr vergessen. Da gibt es dann Dosenfutter.“ Und als sie im Raum neben den Generatoren gedanklich schon dreißig bis fünfzig Menschen unterbringen, geben die erfahrenen Seemänner zu bedenken, dass das ganz schön laut werden könnte. Spätestens als sich Lena beim Aussteigen den Kopf stößt, wird klar, dass aus ihnen erst noch Seeleute werden müssen.

Sie und andere Freiwillige wollen als Matrosen bei den Einsätzen mitfahren. Die Crew aus Kapitän, Steuermann, Funker und zwei Maschinisten haben sie schon zusammen, einen Arzt und einen Rettungssanitäter suchen sie noch. Sie versuchen professionell mit dem umzugehen, was da auf sie zukommt, mit Verzweiflung, Not und Tod. Angst? Nein. Respekt, ja. „Das wird schon heftig. Wenn zum Beispiel jemand dehydriert ist, dann klingt das erst mal nicht so schlimm. Damit dann allerdings umzugehen ist schon schwer“, räumt Jakob ein. Ein Zurück gibt es für die beiden aber nicht mehr. „Wenn man auf die Wellen guckt, dann sieht es aus, als würden wir schon fahren“, sagt Lena und lacht. „Ich träume schon ein bisschen.“

Neben der Seenotrettung wollen sie mit Jugend Rettet eine Diskussionsplattform für junge Europäer aufbauen, um eine politische Forderung zum Mittelmeer zu erarbeiten. Das Ziel: sich selbst überflüssig zu machen. Es soll ein Druckmittel sein, dass Leute wie sie es schaffen, Menschen aus Seenot zu retten. Sie wollen die europäischen Regierungen dazu bringen, Verantwortung für das Sterben auf dem Mittelmeer zu übernehmen. Denn in der Verantwortung eines 19-Jährigen und einer 23-Jährigen liegt das mit Sicherheit nicht.
jugendrettet.org

Seenotrettung im Mittelmeer
Als im Oktober 2013 vor Lampedusa 366 Menschen ertrinken, startet Italien die Operation Mare Nostrum und rettet mehr als 130.000 Menschen. Nach einem Jahr endet sie aufgrund fehlender finanzieller Unterstützung anderer EU-Länder. An ihre Stelle tritt die Operation Triton der Grenzschutzagentur Frontex, die wie die Operation Poseidon im östlichen Mittelmeer vorrangig die EU-Außengrenzen „sichert“. Im April 2015 ertrinken mehr als 800 Menschen, Deutschland schickt zwei Marineschiffe zur Seenotrettung. Sie sind nun Teil der neuen EU-Mission Eunavfor Med, auch Sophia genannt. Deren Hauptziel ist es aber nicht, Menschen zu retten, sondern „den Schleusern das Handwerk zu legen“, wie die Bundeswehr es formuliert – auch mit Waffengewalt. Ehrenamtlich retten Ärzte ohne Grenzen und Sea-Watch Flüchtlinge aus Seenot, SOS Mediterranée will bald starten, Watch the Med unterstützt mit einem Notruftelefon von Land aus. Die Migrant Offshore Aid Station verlegte ihr Einsatzgebiet im September nach Südostasien.