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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.15

Der Bauer und seine Städter

Text: Susanne Tappe

Rund 180 Leute entscheiden mit, was auf dem Markushof passiert. Dafür finanzieren sie den gesamten Betrieb. Über eine Partnerschaft zwischen Stadt und Land – ein Modell mit Zukunft

Während Daniel Meier mit wenigen routinierten Mistgabel-Schwüngen das frische Heu aus der Mitte der Stallgasse vor die Mäuler der Milchkühe schaufelt, lässt Daniela Herting es der Ammenkuh am anderen Ende des Laufstalls eher zaghaft über den Kopf rieseln. Ein Kälbchen steht auf staksigen Beinen daneben und schaut ihr misstrauisch zu.

Daniel ist gelernter Landwirt, Daniela hingegen Arzthelferin. Sie hat vor den eindrucksvollen Hörnern der Kühe einen gesunden Respekt. Doch jetzt will sie helfen. Wohl auch, weil sie fürchtet, dass Daniels Stress nicht nur mit der Ernte zu tun hat, die in diesen sengend heißen Julitagen eingebracht werden muss, sondern auch mit den Städtern, die heute wieder über den Hof und die Felder streunen und mit ihren Fragen schon mal den Betrieb aufhalten.

Wie jeden Mittwoch, Donnerstag und Samstag ist eine Handvoll von ihnen aus dem zehn Kilometer nördlich gelegenen Heidelberg gekommen, um auf „ihrem“ Hof mit anzupacken. Denn der Markushof im kleinen Ort Nußloch funktioniert nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi): Rund 180 Menschen haben Anfang des Jahres zugesagt, ihn zu finanzieren und sämtliche Risiken mit-zutragen. Dafür bekommen sie die Milch und das Fleisch der Kühe, das Obst und Gemüse von den Feldern und dürfen über alles, was auf dem Hof passiert, mitbestimmen. Das ist der Grund, warum auf den rund 45 Hektar Land nicht nur Gras und Getreide, sondern auch jede Menge Biogemüse wächst.

Eigentlich wollte Bauer Markus Schmutz, der Besitzer des Hofes, keinen Gemüseanbau mehr – zu groß das Wetterrisiko, zu viel die Arbeit, zu gering der Lohn. Doch den Mitgliedern der Solawi sind Obst und Gemüse vom „eigenen“ Acker so wichtig, dass sie zusätzlich das Gehalt für Daniel Meier und zwei weitere angestellte Landwirte aufbringen. Und keiner meckert über verhagelten Blumenkohl oder gar über krumme Gurken.

Daniela Herting geht es nicht nur um gesunde Lebensmittel und mehr Nähe zur Natur. Für die sonst so stille Frau kocht im Essen das Politische hoch: „Wir wollen ein Ende der Ausbeutung von Mensch und Natur, dafür braucht es eine andere Wirtschaftsform. Mit der Solawi entreißen wir dem Neoliberalismus ein Stück seiner Macht.“ Die 46-Jährige gehört zu der kleinen engagierten Gruppe, die regelmäßig beim Pflanzen, Unkrautjäten, Ernten sowie beim Packen und Ausliefern der Lebensmittel an 13 Depots im Umland hilft.

Den ganzen Vormittag war Daniel Meier bei über 30 Grad Sommerhitze mit fünf Gastbauern auf den Feldern und hat Gemüse gepflanzt. „Klar muss ich viel erklären, alles dauert etwa doppelt so lange wie mit ausgebildeten Kräften“, sagt der 31-Jährige schmunzelnd. „Aber sie lernen schnell dazu, und an Tagen wie heute bin ich wirklich dankbar für die Hilfe.“ Vor allem sei er froh, nicht unter dem Druck arbeiten zu müssen, den der Handel mit seinen starren Kriterien und schlechten Preisen auf andere kleine Höfe ausübt.

Davon weiß auch Hofbesitzer Markus Schmutz zu erzählen. Schon 1989 gestaltete er den Hof nach Bioland-Kriterien um. Nur mit Hilfe seiner Eltern kümmerte er sich um die Kühe, bestellte die Felder und organisierte den Verkauf. In einem verregneten Sommer stand er morgens um vier Uhr auf und fiel nachts um eins todmüde ins Bett. „Nach der Arbeitszeit fragt in der Landwirtschaft keiner“, sagt der 50-Jährige. „Aber all der Stress lohnte sich nicht einmal.“

Als ihn im Frühjahr 2011 die E-Mail der Heidelberger Ortsgruppe des globalisierungskritischen Netzwerkes Attac erreichte – mit der erstmals nicht ein Bauer, sondern Städter die Initiative zur Gründung eines Solidarhofes ergriffen – baute er schon länger kein Gemüse mehr an. Das war aber nur einer der Gründe, warum er zunächst skeptisch war. Dem eher kontaktscheuen Bauern fiel es nicht leicht, sich von Fremden auf den Acker, in den Stall und in die Bücher schauen zu lassen. Doch das Interesse an seiner Arbeit freute ihn und die Aussicht auf Entlastung und finanzielle Sicherheit war so verlockend, dass er schließlich Vertrauen fasste.

Darauf beruht das ganze Modell. Einen schriftlichen Vertrag gibt es nicht, alles ist per Handschlag geregelt. Sowohl die Mitglieder als auch der Bauer können jederzeit aus der Solawi aussteigen. Jeder „Solawist“ zahlt, soviel er kann, der eine mehr, der andere weniger – im Schnitt 109 Euro pro Monat.

Mit zinslosen Darlehen haben die Mitglieder außerdem ein Kühlhaus für das Gemüse finanziert und überwiegend in Eigenarbeit den alten Kuhstall zur Packstation umgebaut. Einige wollen nun gern eine Käserei auf dem Hof einrichten, doch davon konnten sie den Bauern bislang nicht überzeugen. „Am Ende hat Markus das letzte Wort“, sagt Daniela Herting. „Er soll sich frei fühlen. Denn wir wollen ja alle als Gemeinschaft glücklich sein.“

Eine Idee trägt Früchte
Der Buschberghof in der Nähe von Hamburg war 1988 der erste, der nach dem Prinzip der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) wirtschaftete. Seit fünf Jahren steigt die Zahl der Solidarhöfe sprunghaft an, denn 2010 wurden die Globalisierungskritiker von Attac auf das Modell aufmerksam und verbreiteten das sehr praxistaugliche Konzept einer neuen Wirtschaftsweise in ihrem Netzwerk. Wolfgang Stränz, „Solawist“ der ersten Stunde, fasst die Idee zusammen: „Wir nehmen den Lebensmitteln ihren Preis und geben ihnen so ihren Wert zurück.“ Denn die Mitglieder zahlen nicht nur den (oft geringen) Marktpreis für ein einzelnes Produkt, sondern finanzieren die Landwirtschaft, die sie sich wünschen. Anfang des Jahres gab es bereits 77 Solawis in Deutschland, 91 weitere Gruppen wollen demnächst starten. Weltweit existieren solche Zusammenschlüsse von Erzeugern und Verbrauchern schon länger. In Japan enstanden die „Teikei“-Partnerschaften in den 60er-Jahren, sie versorgen inzwischen rund ein Viertel aller Haushalte. In den USA wirtschaften rund 13.000 Höfe nach dem Prinzip der gemeinschaftsunterstützten Landwirtschaft („Community Supported Agriculture“, CSA), hier werden allerdings auch Höfe mitgezählt, die nur ein Biokisten-Abonnement anbieten. Immer geht es darum, eine lokale Ernährungssouveränität „von unten“ zu erreichen.
solidarische-landwirtschaft.org