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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.10

Der Ermittler

Text: Andrea Hösch

Winzige Partikel aus Laserdruckern rauben Achim Stelting die Luft zum Atmen. Deshalb warnt der Ehemalige Kriminalbeamte die Öffentlichkeit vor den Feinstaub-Gefahren am Arbeitsplatz

Achim Stelting nimmt es gern mit großen Fischen auf: Verbrecherkartelle, Intensivtäter, Einbrecherbanden. Je komplexer die Fälle, desto besser. Akribisch verfolgt er jede heiße Spur – bis heute. Inzwischen ermittelt er aber nicht mehr als Kriminalbeamter, sondern als Betroffener.

Stelting sitzt am Esstisch und atmet schwer. „Früher hab ich Tennis gespielt und bin gejoggt. Ich hatte eine Lunge wie ein Leistungssportler. Jetzt schaffe ich an manchen Tagen nicht mal die fünf Stufen ins Badezimmer“, sagt der 55-jährige Hamburger. Seine Bronchien sind irreparabel geschädigt und arbeiten nur noch zu 15 bis 20 Prozent. Aus diesem Grund musste er im Alter von 43 Jahren den Dienst beim Landeskriminalamt quittieren – seit 13 Jahren ist er berufsunfähig. 

Mit leichten Halsschmerzen, Dauerschnupfen, geschwollenen Lymphknoten und entzündeten Atemwegen fing im Jahr 1990 alles an. „Innerhalb von fünf Monaten hatte ich chronisches Asthma“, erzählt er und erinnert sich, dass viele Kollegen – auch in anderen Dienststellen – über ähnliche Beschwerden klagten. „Der Kollege, der zum Quartal den dicken Kriminalitätslagebericht ausdrucken musste, war danach jedes Mal krank.“ So geriet der Laserdrucker unter Verdacht, obwohl dieser einen Stock tiefer in einem separaten Raum stand. Wie er es in jungen Jahren auf der Polizeischule gelernt hat, machte sich Stelting nun daran, am Tatort Spuren zu sichern: Er nahm Staub-Proben, schickte diese ins Labor und ließ sich von Fachärzten durchchecken. Diese bescheinigten ihm schließlich, dass ihn die Emissionen des Laserdruckers krank machen – bundesweit wurde Stelting als erster anerkannt, der durch Tonerstäube berufsunfähig wurde. Seine Diagnose: obstruktive Atemwegserkrankung durch allergisierende Stäube. Bisherige Kosten für Behandlung und Frührente: insgesamt rund eine Million Euro.

Um anderen dasselbe Schicksal zu ersparen, schrieb Stelting die Hersteller an: „Ich dachte allen Ernstes, dass die das Problem aus der Welt schaffen, wenn ich sie aufkläre. Das war aber völlig naiv.“ Weil die Firmen sein Anliegen ignorierten, wandte er sich an Ministerien, Bundesbehörden, Parteien und Berufsgenossenschaften. Doch von allen Seiten wurden Risiken abgestritten und Zuständigkeiten negiert. „Mit meinen Briefwechseln könnte ich alle meine Wände tapezieren“, sagt der Ermittler. Stelting lässt nicht locker: Der Hamburger ruft eine Selbsthilfegruppe für Laserdrucker-Opfer ins Leben, sammelt Fälle von Leidensgenossen und warnt vor den unterschätzten Gefahren.

„Da tickt eine Zeitbombe, und die Menschen sind ahnungslos“, sagt Stelting. In der Tat stehen die Laserdrucker überall – in Büros, Schulen, Hotels, Arztpraxen, Apotheken, Krankenhäusern. Allein in Deutschland wurden im vergangenen Jahr rund zwei Millionen Laserdrucker verkauft. 

Der frühpensionierte Kriminalbeamte weiß, wie schwierig es ist, die Geräte zu meiden. In seinem Haus am Stadtrand von Hamburg ist er sicher. Hier surren Luftwäscher, und Gedrucktes kommt via Tintenstrahl aufs Papier. Sobald er aber die eigenen vier Wände verlässt, muss er sich vorab versichern, dass sein Ziel frei von Laserdruckern ist. „Dass wir nirgends spontan hingehen können, beeinträchtigt unsere Lebensqualität schon sehr“, sagt seine Frau Karin. Denn kommt Stelting trotz aller Vorsichtsmaßnahmen einem Laserdrucker zu nahe, rebelliert sein Körper wie auf Knopfdruck. Er bekommt starken Reizhusten bis hin zu Atemnot. Was genau diese heftigen Reaktionen auslöst, ist noch völlig unklar.

Die Debatte, ob Laserdrucker oder -kopierer gesundheitsschädlich sind, erinnert bisweilen an den Handy-Streit. In beiden Fällen fehlt es an gesicherten Fakten. Die sogenannte Tonerstudie, eine Pilotstudie im Auftrag des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), stellte Anfang 2008 fest, dass es sich bei den Emissionen überwiegend nicht um Tonermaterial handelt (Toner bestehen zum großen Teil aus Harzpartikeln, Farbpigmenten und magnetisierbaren Metall-oxiden), sondern um flüchtige Verbindungen sowie feine und ultrafeine Staubpartikel. Ein Grund zur Entwarnung ist das aber nicht: Das BfR schließt nicht aus, dass „es durch die Exposition gegenüber Emissionen aus Büromaschinen zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen kommen kann“ und mahnt dringend weitere Studien an. Doch passiert ist nicht viel. 

Zurzeit gibt es in Deutschland zwei Forschungsprojekte: Zum einen legt die Bundesanstalt für Materialforschung neue Kriterien für die Vergabe des Blauen Engels an Laserdrucker fest. Zwar tragen viele Drucker schon heute dieses Umweltzeichen, doch werden nur die Emissionen von Staub, Ozon sowie flüchtigen organischen Verbindungen wie Benzol berücksichtigt. Emissionen von Feinstäuben und Nanopartikeln spielen bei der Siegelvergabe bisher keine Rolle. Zum anderen untersucht das Fraunhofer-Institut für Holzforschung (WKI) die austretenden Nanopartikel, um deren chemische Zusammensetzung zu klären und Prüfmethoden zu erarbeiten. Denn allein die Anzahl der Staubpartikel – pro Kubikzentimeter können es bis zu 300.000 sein – ist wenig aussagekräftig. Entscheidend ist auch, welche Schwermetalle sowie allergen und hormonell wirkende Giftstoffe die feinen und ultrafeinen Stäube transportieren. Dass diese Untersuchung vom IT-Branchenverband Bitkom, in dem die meisten Druckerhersteller organisiert sind, finanziert wird, macht Stelting misstrauisch: „Das ist ungefähr so, als wenn man Marlboro bittet, den Tabakrauch auf Schädlichkeit hin zu untersuchen.“

2000 potenzielle Verdachtsfälle hat der Frühpensionierte mittlerweile dokumentiert und mit 100 Leidensgenossen die Stiftung „nano-Control“ ins Leben gerufen. Diese berät Betroffene, klärt die Öffentlichkeit auf und vergibt kleine Forschungsaufträge. Um nachzuweisen, dass Tonerpartikel doch in die Raumluft gelangen, schickte die Stiftung 2008 Tumorgewebe eines an Lungenkrebs gestorbenen Servicetechnikers für Laserdrucker und -kopierer an Ludwig Jonas vom Institut für Pathologie der Universität Rostock. Tatsächlich fand der Wissenschaftler Tonerpartikel in den Lungenzellen.

Was die freigesetzten Partikel im Körper anrichten, ist weitgehend unerforscht. Das wird vorerst auch so bleiben. Denn nach der Tonerstudie seien keine weiteren Wirkungsstudien geplant, lautete die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen vom Januar 2009. Die halten auch Bitkom und die Berufsgenossenschaften für unnötig, denn bei fachgerechtem Umgang seien „keine Gesundheitsrisiken zu erwarten“. Wer allerdings beim Hersteller das Sicherheitsdatenblatt zu seinem Drucker anfordert, erfährt doch etwas über mögliche Gefahren.

HP räumt beispielsweise ein, dass es zu Reizungen der Atemwege kommen kann und warnt sogar: „Längere Exposition durch Einatmen großer Mengen von Staub kann Lungenschäden verursachen.“

Doch solange eine Gesundheitsgefahr im alltäglichen Umgang nicht wissenschaftlich erwiesen ist, warten die Behörden ab. „Was meinen Sie, was ein Staubsauger alles in die Luft pufft? Das misst bloß keiner!“, wehrt sich Axel Hahn, Mitglied der BfR-Kommission zur Bewertung von Vergiftungen, und zählt auch gleich noch weitere Emissionsquellen auf: Raucher, Kerzen, Gasflammen, Feuerwerke.

Stelting erbost diese Argumentation: „Beim vergleichsweise harmlosen Zimt gibt das BfR Warnmeldungen raus, da ist man nicht so zimperlich“. Auch Hermann Kruse, Toxikologe an der Universität Kiel, kritisiert das Zögern der Behörden: „Wenn es genügend Hinweise auf Risiken gibt, und das ist bei Laserdruckern der Fall, hat man zu handeln, sonst kann es für viele Menschen zu spät sein.“

Aufgeschreckt von wissenschaftlichen Messungen in den Amtsstuben, bestellte die Stadt Freiburg im vergangenen Jahr präventiv 800 Partikelfilter für sämtliche Laserdrucker und -kopierer in den städtischen Behörden und Einrichtungen. Schon nach einem Jahr ist der Erfolg spürbar: „Unsere Mitarbeiter, die viel ausdrucken müssen, fühlen sich seither wesentlich wohler“, sagt Dietmar Kraske, IT-Experte der Stadt Freiburg.

Doch Filter sind kein Allheilmittel, warnt der Toxikologe Kruse. Sie können nicht an jeden Drucker montiert werden. Außerdem fangen sie zwar einen Großteil der Feinstäube, aber nur einen Bruchteil der ultrafeinen Nanopartikel ein. Dennoch freut sich Stelting über die Freiburger Vorlage, weil so der Vorsorgepflicht genüge getan und Druck auf Politik und Industrie erzeugt wird. Denn: „Solange die Hersteller nicht gezwungen werden, saubere Drucker zu liefern, müssen unsere Bronchien als Filter herhalten.“

„Das Ganze ist langsam ein Fall für den Staatsanwalt“, sagt Achim Stelting, dem man ansieht, wie viel Kraft ihn dieser dicke Fisch kostet. Um neue zu tanken, fährt der 55-Jährige immer mal wieder nach Borkum. Dort inhaliert er die saubere Nordseeluft bis tief in die Bronchien und spürt, was er zum Motto seiner Stiftung gemacht hat: Atmen heißt Leben.

Mehr Infos:
www.nano-control.de


Der Prüfer
Manfred Santen,

Chemie-Experte bei Greenpeace, ist Mitbegründer der „Arbeitsgemeinschaft Feinstaub Hamburg Berlin“ (ARGE Feinstaub), die seit 2006 die Feinstaubbelastung in Wohnräumen und Ultrafeinstaub-Emissionen aus Laserdruckern erforscht. Santen fordert: „Hersteller in die Pflicht nehmen“

Sind Laserdrucker und -kopierer eine Gefahr für die Gesundheit? Unstrittig ist, dass sie Feinstaub- und Ultrafeinstaubpartikel ausstoßen, das können wir messen. Aber von da an wird es schwierig, denn selbst baugleiche Modelle können unterschiedlich viele Partikel ausstoßen. Ziemlich sicher spielt eine Rolle, wie gut das Gerät gewartet ist. Zudem ändern sich die Messwerte je nachdem, welches Papier benutzt wird. Wir wissen immer noch nicht, woraus die gesundheitlich bedenklichen Nanopartikel bestehen, welche gasförmigen Stoffe beim Auftragen des Toners während des Druckprozesses frei werden und was die eingeatmeten Partikel im Körper anrichten. Das müsste dringend erforscht werden.

Etliche Drucker tragen das Umweltzeichen „Blauer Engel“ – sind diese also weniger schädlich? Nein, der Kriterienkatalog für Drucker ist so alt, damals war von Laserdruckern als Quelle für Nanopartikel noch gar keine Rede. Erst jetzt erarbeitet die
Bundesanstalt für Materialforschung dafür Vergabekriterien.

Was müsste passieren, um ein Gesundheitsrisiko auszuschließen? Ganz einfach: Ohne effizienten Filter sollte kein Laserdrucker mehr auf den Markt gelangen, auch wenn diese längst nicht alle ultrafeinen Partikel einfangen können. Beim Verkehr haben wir die Gefahr des Feinstaubs erkannt – der Rußfilter ist für Dieselautos obligatorisch. Jetzt gilt es, auch die Hersteller von Lasergeräten in die Pflicht zu nehmen. Und es ist höchste Zeit, die Menschen aufzuklären.