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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.04

Der ferne Friede

Text: Florian Hassel

Im Oktober wählten die Tschetschenen auf Geheiß Moskaus einen Präsidenten. Doch die manipulierte Wahl brachte weder Ruhe noch Hoffnung, sondern neues Leid.

Seinen toten Sohn trifft Naip Chajauri jeden Abend beim Essen in der Garage. Seit eine Bombe sein Haus im Dorf Katajama im Westen der tschetschenischen Hauptstadt Grosny zerstört hat, dient die Garage Chajauri als Küche. Die Senke, in der er früher den Wagen reparierte, ist mit ein paar Brettern und einem zerrupften Teppich zugedeckt. Abends sitzt Chajauri an der Werkzeugbank, die den Esstisch ersetzt, und wartet darauf, dass seine Frau Raissa das selbst gebackene Brot aus dem Ofen holt und Eier in die Pfanne schlägt.

An der Scheibe des Küchenschranks klebt ein abgegriffenes Schwarzweißfoto mit Trauerflor. Es zeigt Bislan Chajauri, einen jungen Mann von 23 Jahren, mit glatten, braunen Haaren und kräftigen Schultern. Jeden Abend blickt Naip auf das Foto. Manchmal bittet er seinen Sohn in Gedanken um Verzeihung. Denn Bislan starb, weil sein Vater noch einmal an den Frieden glauben wollte.

Es war im Spätsommer, als der Kreml in Tschetschenien Wahlen ausrief. Am 5. Oktober 2003 sollten die Tschetschenen einen Präsidenten wählen. Chajauri, ein Mann mit leuchtend blauen Augen und grauem Haar, hofft, dass ein neuer Präsident den Krieg beenden wird, der seine Heimat seit Jahren zerreißt. Und zieht in den Wahlkampf für einen Kandidaten, der nicht der des Kreml ist.

Kurz zuvor, Mitte Mai 2003, hatte Wladimir Putin in einer Rede die Bilanz seiner ersten drei Jahre als russischer Präsident gezogen und seine Haltung zum Tschetschenien-Konflikt unmissverständlich klargestellt: „Ein Land wie Russland kann nur leben und sich entwickeln, wenn es eine starke Großmacht ist. In Schwächeperioden stand Russland immer vor der Gefahr des Zerfalls. Wir haben juristisch und faktisch die Einheit des Landes wieder hergestellt.“ Der Krieg im Kaukasus sei der Preis für diese „Wiederherstellung der territorialen Unversehrtheit Russlands“.

Ein hoher Preis: Zwischen 100.000 und 200.000 Menschen, die meisten davon Zivilisten, dürften im letzten Jahrzehnt in Tschetschenien ums Leben gekommen sein. Der erste Krieg, den die russische Armee Ende 1994 gegen die von der Idee der Unabhängigkeit besessenen Tschetschenen eröffnete, endete nach eineinhalb Jahren im Sommer 1996. Der zweite Krieg begann im Oktober 1999 und dauert bis heute an.

Nach wie vor attackieren tschetschenische Rebellen russische Soldaten und Polizisten, greifen die Besatzer aus dem Hinterhalt an, sprengen sie mit ferngesteuerten Minen oder mit sprengstoffgefüllten Lastwagen in die Luft. Und sie erschießen Landsleute, die mit den Russen und der moskautreuen Regierung in Grosny zusammenarbeiten.

Die Rebellen verstecken sich vor allem in den Wäldern und Bergen im Süden des Landes. Selbst moskautreue Offizielle wie der tschetschenische Vize-Innenminister Sultan Satujew schätzen ihre Zahl auf immer noch 2000 Mann. Ihre Reihen füllen sich ständig neu, weil Todesschwadronen echte oder vermeintliche Rebellen nachts entführen und ermorden – und so unaufhörlich Hass und Rachegefühle schüren.

Längst sind die Killertrupps nicht mehr nur Kommandos der russischen Geheimdienste. Oft gehören sie der bis zu 5000 Mann starken Leibwache des Republikchefs Achmad Kadyrow an. Der hatte zwar noch 1995 zum Heiligen Krieg gegen die Russen aufgerufen, 1999 aber so rechtzeitig die Seiten gewechselt, dass Moskau ihn im Sommer 2000 zum Oberhaupt Tschetscheniens ernannte.

Bei seinen Landsleuten ist Kadyrow unbeliebt, ja verhasst. Im Sommer 2003 wollen ihn Umfragen zufolge zwei Drittel der Tschetschenen auf keinen Fall zum Präsidenten. Naip Chajauri gehört zu ihnen – und schöpft Hoffnung. Denn eine Reihe prominenter Tschetschenen entschließt sich, gegen Kadyrow ins Rennen um die Präsidentschaft einzusteigen.

Der aussichtsreichste ist Malik Saidulajew, ein Tschetschene, der mit einer russlandweiten Lotterie zu einem Millionenvermögen gekommen ist. Ohne viel darüber zu reden, gibt Saidulajew etliche Millionen wieder aus. Seit Beginn des Kriegs lässt er in ganz Tschetschenien Mehl und Milch, Medizin und Kleidung verteilen.

Als Präsident will Saidulajew mit den Rebellen verhandeln „und sie aus den Bergen holen, weil der Krieg sonst nie ein Ende findet“. Was Naip Chajauri hört, gefällt ihm. Als Vize-Wahlkampfchef fährt er durch Tschetschenien und wirbt für den Kandidaten – in den Dörfern im flachen Norden ebenso wie in Grosny, der zerstörten Hauptstadt, und in den kargen Bergdörfern im Süden.

Chajauri weiß, dass dies ein gefährlicher Job ist. Er hat schon einiges hinter sich. Als junger Bauingenieur war er Ende der 60er Jahre wie Tausende anderer Tschetschenen nach Sibirien gegangen, weil er daheim keine Aufstiegschancen sah. Chajauri schuftete auf Baustellen in Nowosibirsk – und heiratete die Russin Raissa. Als nach dem Ende der Sowjetunion der Nationalismus im Kaukasus aufflammte, kehrte er zurück und kämpfte gegen die Russen.

1997 wählten die Tschetschenen den Rebellenkommandeur Aslan Maschadow zum Präsidenten, und Chajauri diente als Polizeichef eines Bezirks von Grosny. Grimmig verfolgte er, wie unter dem zaudernden Maschadow radikale Islamisten an Einfluss gewannen und Warlords, die sich statt für den Aufbau eines Staates für den Handel mit Waffen, Drogen und Geiseln interessierten.

Alle Tschetschenen gehören großen Clans an, den Teips. 1998 übernahm Chajauris Teip die Aufgabe, vier Telefoningenieure aus England und Neuseeland zu beschützen, die in Tschetschenien ein Mobilfunknetz installieren sollten. Eines Nachts wurde das Haus der Ausländer überfallen. Die Angreifer töteten die Wachen und entführten die Ingenieure.

Chajauri und seine Leute fanden schnell heraus, wer für den Überfall verantwortlich war: die Brüder Achmadow aus Urus-Martan – einem Städtchen, das sich zur Hochburg von Islamisten und Geiselnehmern entwickelt hatte. „Die Achmadows töteten vier unserer Leute. Also brachten wir vier der ihren um“, erzählt Chajauri unbewegt. Die entführten Ingenieure allerdings blieben verschwunden. Am 8. Dezember 1998 fand man ihre abgeschnittenen Köpfe am Straßenrand. Die Bilder gingen um die Welt und festigten das Klischee der Tschetschenen als eines Volks von Verbrechern.

Dieses Zerrbild macht es Präsident Putin leicht, seinen Feldzug gegen das tschetschenische Volk als „Krieg gegen den Terror“ auszugeben. Die zunehmende Islamisierung des tschetschenischen Widerstands, die Selbstmordattentate nach palästinensischem Vorbild und vor allem die Geiselnahme im Moskauer Musicaltheater „Nordost“ kosteten die Tschetschenen weitere Sympathien auf internationalem Parkett. „Russland kämpft in Tschetschenien gegen Terroristen, das ist überhaupt keine Frage, und wir verstehen das“, erklärte US-Außenminister Colin Powell im Mai 2002. Die Europäische Union kritisiert Putins Krieg zwar gelegentlich, verzichtet aber auf handfeste Sanktionen gegenüber Moskau.

In Russland selbst ist Tschetschenien weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Nur wenige Menschenrechtler, etwa Mitglieder der Organisation „Memorial“, berichten noch beständig über den Krieg. Journalisten dagegen unterwerfen sich fast vollständig der Zensur, die Putin in Sachen Tschetschenien einführen ließ.

Der eingeschränkten Berichterstattung zum Trotz weiß die Bevölkerung, dass der Krieg weitergeht. Umfragen zufolge befürworten fast zwei Drittel der Russen Verhandlungen mit den Rebellen. Zu aktivem politischem Engagement oder Antikriegsdemonstrationen aber reicht die Energie der meisten Menschen nicht aus. Mehr als ein paar tausend Menschen finden sich nicht ein, wenn die Soldatenmütter in Moskau zu einer Demo aufrufen.

Dabei fordert der Krieg nach wie vor auch auf russischer Seite massenhaft Opfer. Das Londoner Institut für Strategische Studien kalkulierte jüngst, die Russen hätten von August 2002 bis August 2003 insgesamt 4749 Tote und Verletzte zu beklagen gehabt – der höchste Blutzoll innerhalb eines Jahr seit Kriegsbeginn.

Chaujauris Bruder Ramsan hatte geahnt, dass sich die Dinge so entwickeln würden. Als die russische Armee im Herbst 1999 abermals in Tschetschenien einmarschierte, kehrte er seiner Heimat den Rücken: „Die Russen werden sich für ihre Niederlage im ersten Krieg rächen. Ich will leben.“ Er floh nach Kasachstan. Dorthin hatte bereits Stalin die Tschetschenen deportieren lassen, als er sie im Zweiten Weltkrieg der Kollaboration mit den Nazis verdächtigte.

Naip Chajauri blieb. Als Anhänger Maschadows verlor er seinen Job bei der Polizei. Seitdem schlägt sich die Familie durch wie Tausende anderer Tschetschenen auch: Naip führt einen Imbiss auf einem Markt in Grosny, Raissa hat ein paar alte Regale in den Keller hinter dem Hühnerstall gestellt und verkauft ihren Nachbarinnen Salz und Zucker, Margarine und billige Kekse. Zu essen gibt es Eier der eigenen Hühner und Würstchen aus der Dose.

Dann, nach fast vier Kriegsjahren, kommt der Sommer 2003, die Zeit der Hoffnung. Doch als Wahlkämpfer für Malik Saidulajew merkt Naip Chajauri schnell, dass Kreml-Favorit Kadyrow die Macht nicht freiwillig abgeben wird. Als er mit Helfern die Wählerlisten überprüft, stellt er Erstaunlichliches fest. „Da, wo angeblich 7000 Wähler lebten, zählten wir nur 2000“, so Chajauri. „Kadyrows Leute hatten in die Listen so ziemlich alle Tschetschenen eingetragen, die jemals dort geboren, gestorben oder vor Jahren weggezogen waren.“ Das Saidulajew-Team kommt auf höchstens 300.000 Wahlberechtigte – nicht auf die offiziell angegebenen 562.000.

Vor Saidulajews Wahlkampfstab in Grosny explodiert eine Bombe. Wenn Naip Chajauri vom Wahlkampf nach Hause kommt, fährt er mit seiner Frau, der Tochter und den beiden Söhnen zu Freunden oder Verwandten: „Um den Todesschwadronen zu entkommen, haben wir nie zu Hause übernachtet.“

Doch alle Vorsicht ist vergebens. Einen Monat vor dem Wahltag passen maskierte Bewaffnete Chajauris Sohn Bislan an einem Kontrollpunkt ab – und erschießen den jungen Mann. Dann kommen die Mörder zum Haus Chajauris. Sein älterer Sohn entkommt mit knapper Not, als die Vermummten das Türschloss zerschießen und statt des flüchtenden Ramsan nur die Garage und den großen Baum im Garten treffen. Chajauris Nachbarn berichten, die Wagen der Attentäter seien mit Wahlplakaten Kadyrows beklebt gewesen. „Kadyrows Leute wollten klarmachen, dass sie auf keinen Fall bereit waren, sich von der Macht zu trennen“, sagt Vater Chajauri. Als er beim Staatsanwalt Wochen später nachfragt, warum nach den Mördern seines Sohnes nicht gesucht werde, antwortet der Mann: „Du weißt genau, wer deinen Sohn getötet hat. Dann weiß du auch, dass ich nichts für dich tun kann.“

Selbst nach der Ermordung seines Sohnes glaubt Naip Chajauri noch daran, „dass Saidulajew gewinnen wird und Bislan wenigstens nicht umsonst gestorben ist“. Die Hoffnung zerstiebt. Noch vor dem Wahltag zwingt der Kreml alle aussichtsreichen Konkurrenten Kadyrows zum Rückzug. Malik Saidulajew wird wegen angeblicher Formfehler durch Gerichtsbeschluss vom Wahlzettel gestrichen. Am Tag der Entscheidung bleiben die meisten Tschetschenen den Urnen aus Protest fern. Offiziell freilich wird eine Wahlbeteiligung von 85 Prozent bekannt gegeben und Kadyrow zum Sieger erklärt.

Wenn Naip Chajauri könnte, sagt er, würde er mit seiner Familie auswandern, „nach England, nach Deutschland, egal wohin“. Vielleicht wird er sich trotzdem noch einmal aufraffen und ein neues Haus bauen. In seinem Hof liegen, säuberlich aufgestapelt, Hunderte von Ziegelsteinen. Die Hoffnung aber, die kurz aufgeflackert war, ist dahin. „Wir haben den Frieden verspielt“, sagt er.

Gewonnen hat Präsident Putin, der sich geschickt aus der Schusslinie manövriert hat. Schließlich, so kann er Kritikern entgegenhalten, haben sich die Tschetschenen jetzt selbst einen Präsidenten gewählt.


Unser Autor Florian Hassel lebt seit sieben Jahren in Moskau und berichtet für deutschsprachige Tageszeitungen und für das Greenpeace Magazin. Kürzlich ist sein Buch über den Tschetschenien-Konflikt erschienen.

Florian Hassel: Der Krieg im Schatten – Russland und Tschetschenien.
Suhrkamp Verlag 2003, 256 Seiten, 11 Euro.