Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.15

Der Frieden wird im Hintertaunus verteidigt

Text: Kathrin Hartmann

Ukraine, Syrien, Irak, Gaza: Unsere Zeit ist voller Konflikte, doch die Straßen sind leer. Wo bleibt der Protest? Auf der Suche nach der Friedensbewegung an einem ihrer Ursprungsorte

An einem schrecklich kalten Tag im Kalten Krieg versammelten sich Gruppen in Braunschweig, Bremen, Hamburg, Hannover und Lüneburg. Es war Karfreitag 1960 und der erste deutsche Ostermarsch begann – im Schneeregen. Vier Tage liefen sie, schliefen in Turnhallen und Scheunen, immer mehr Menschen schlossen sich dem Sternmarsch an. Bei der Kundgebung am Ostermontag auf dem Truppenübungsplatz Bergen-Hohne, wo die US-Armee Träger für Atomwaffen testete, waren es mehr als tausend Menschen. 1968 kamen 300.000 Leute zu den Osterkundgebungen, um gegen Notstandsgesetze, Atomwaffen und den Vietnamkrieg zu protestieren. In den Achtzigerjahren demonstrierten Hunderttausende gegen den Nato-Doppelbeschluss, blockierten das Atomwaffendepot in Mutlangen, bildeten eine 108 Kilometer lange Menschenkette von Stuttgart nach Neu-Ulm gegen die Pershing-II-Raketen. Heute ist die Friedensbewegung unsichtbar. Und das, obwohl die Kriegs- und Krisenherde so präsent sind wie seit Jahrzehnten nicht. Ist die Bewegung verschwunden? Oder haben wir den Glauben an den Frieden verloren?

Grävenwiesbach, eine Kleinstadt im Hintertaunus. Hier, in der hessischen Provinz, liegen die Wurzeln der westdeutschen Friedensbewegung. In einem roten Bungalow inmitten eines wuchernden Gartens lebt Andreas Buro. Er hat den Ostermarsch in Deutschland mitbegründet und war schon in den Fünfzigerjahren bei den Protesten gegen die Wiederbewaffnung nach dem Zweiten Weltkrieg und in der Kampagne „Kampf dem Atomtod“ engagiert. Er lehrte an der Goethe-Universität in Frankfurt Internationale Politik mit dem Schwerpunkt Friedens- und Konfliktforschung. Er sagt: „Die Leute gehen auf die Straße, wenn sie sich bedroht fühlen. Diese Motivation ist heute nicht da. Die Konflikte sind schwer zu durchschauen, der Zusammenhang mit ihren Lebensverhältnissen kaum erkennbar.“

Buro sitzt vor der offenen Tür eines alten Bauernschranks. Darin lagern Zeitungen und Broschüren, Flugblätter, Aufkleber, Fotos. Historische Dokumente. Doch für Buro ist die Friedensbewegung noch lange nicht Geschichte: Der 87-Jährige will das Friedensnetz Hintertaunus wiederbeleben, das er in den Achtzigerjahren gegründet hat. Den Frieden vom Hintertaunus aus verteidigen – wirklich? „Wenn man Leute mobilisieren will, sind lokale Gruppen am wichtigsten.“ Sie seien vernetzt, langlebig und verbindlich. Man kennt und vertraut sich. „Dem Protest hier schloss sich damals eine breite Basis an.“

Im Wohnzimmer hängt eine Kinderzeichnung, ein Strichmännchen mit Peace-Zeichen auf dem Bauch. Zeitungen stapeln sich auf dem Tisch, daneben ein Buch über Bürgerproteste. „Wir können nicht einfach sagen: Wir machen jetzt großen Protest. Das interessiert keinen.“ Warum nicht? „Das haben wir beim Afghanistan-Einsatz versucht. Es ist aber leider nie gelungen, die breite Ablehnung des Bundeswehreinsatzes zur Mobilisierung großer Demonstrationen zu nutzen. Jetzt ist die Lage noch schwieriger: Gegen wen soll man auf die Straße gehen?“

Am Kaffeetisch sitzen auf rot lackierten Stühlen Hanne Budig und Sigrid Schießer. Beide wollen sich engagieren. Und es geht ihnen, wie Buro es beschreibt. „Es sind so viele Krisenherde, wo soll man anfangen? Man kann sich ja nicht, wie früher, auf eine Krise konzentrieren. Das überfordert viele“, sagt Budig. Die 71-Jährige hat deshalb mit Buro einen Diskussionsabend veranstaltet, sie koordiniert den Newsletter des Friedensnetzes. Buro erstellt mit anderen Experten Dossiers, verständlich und präzise. Nicht nur die Konflikte werden analysiert, sondern auch Strategien der zivilen Konfliktlösung. Das ist Buro wichtig: „Man kann nicht nur Nein sagen, man muss auch Alternativen aufzeigen.“ Sechzig Leute haben den Newsletter abonniert, ebenso viele Friedensorganisationen verbreiten die Texte in ihren Netzwerken.

Wenn man Buros Texte liest, die von „organisierter Friedlosigkeit“ handeln, der Ideologie des „gerechten Krieges“ und der Frage, ob man den IS zum Verhandlungspartner machen könnte, fällt auf, was in der Mainstream-Debatte fehlt: die Diskussion über friedliche Politik. „Wer ist daran interessiert, dass Probleme gelöst werden? Das ist doch die Frage.“ Die Friedensbewegung war immer auch eine Bildungsbewegung, die emanzipatorische Lernprozesse in Gang setzte. Sie war die erste unabhängige soziale Bewegung in Deutschland, die zeigte, wie man sich mit Protest und zivilem Ungehorsam gegen Missstände wehrt. In ihr haben auch Umwelt-, Anti-Atom- und die globalisierungskritische Bewegung ihre Wurzeln.

Eine anti-militaristische Haltung ist keiner Gesellschaft eingeimpft. Sie muss erlernt werden, sagt Buro – „wie man Kindern im Kindergarten beibringt, dass es eine Alternative dazu gibt, anderen auf die Schnauze zu hauen“. Es ist der jahrzehntelangen Arbeit der Friedensbewegung zu verdanken, dass die Deutschen zurückhaltend sind, wenn es um Militäreinsätze geht. Die Friedensbewegung stellt darüber hinaus grundsätzliche Fragen, etwa nach Macht und Gerechtigkeit. Frieden bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krieg.

Aber gibt es, jenseits der verworrenen Krisenlage, nicht auch heute genug Anlass, auf die Straße zu gehen? Etwa gegen die Flüchtlingspolitik der EU und Deutschlands? Auch dafür tritt Buro ein. Die gewalttätigen Übergriffe in Auffanglagern, die vielen Toten im Mittelmeer, die ignorante Bundespolitik haben die Opfer des Krieges – den Buro als „schlimmste Form des Terrors“ bezeichnet – sichtbar gemacht. Aus dem Mitgefühl und Engagement, das ihnen entgegengebracht wird, könnte auch Protest entstehen.

Und trotzdem – oder deshalb – werden Friedensbewegte als „Gutmenschen“ oder „naive Spinner“ diffamiert. Als die Theologin Margot Käßmann im Sommer Rüstungsexporte als Skandal bezeichnete, die Abschaffung der Bundeswehr forderte und Bundespräsident Joachim Gauck für seine Aufforderung zu mehr Auslandseinsätzen kritisierte, wurde sie mit Häme überschüttet. FAZ, Zeit und Spiegel warfen ihr vor, ihr Pazifismus sei „angestaubt“, „verantwortungslos“ und „selbstgerecht“. Es sind auch Grüne wie die Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt, die allzu schnell einen Militäreinsatz gegen den IS in Syrien fordern. Kippt da gerade die Stimmung? Buro, der lieber von „ziviler Konfliktlösung“ als von Pazifismus spricht, winkt ab. „Wir hatten immer mit Widerstand zu kämpfen. Bewegungen verlaufen in Wellen, da gibt es Rückschläge.“ Er sagt das gelassen. Denn Höhepunkte, die gibt es auch.

Als George W. Bush 2003 den Irakkrieg begann, hingen auf einmal die PACE-Fahnen aus den Fenstern und Tausende gingen auf die Straße. Nicht nur die üblichen Verdächtigen, sondern auch solche, die sonst eher nicht demonstrieren. Die angeblich so unpolitische Jugend war überproportional vertreten. Aber auch wenn es so wirkte: Die Massenbewegung entstand nicht über Nacht. „Die Infrastruktur der Friedensbewegung, die Netzwerke und auch die Expertise bleiben dauerhaft vorhanden. Ohne sie wäre der Irak-Protest nicht zustande gekommen. Wir sind der Organisator, der aus Empörung und Motivation etwas machen kann, zum Beispiel einen Protest organisieren. Dafür sind wir auch weiterhin gut aufgestellt“, sagt Buro. Vor ihm auf dem Tisch liegt eins seiner Bücher zur Friedensbewegung. Es heißt: „Totgesagte leben länger“.

Anmeldung zum Newsletter des Netzwerks unter netzwerk-hintertaunus@t-online.de
Andreas Buros Texte finden sich auch unter aixpaix.de