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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.05

Der Geldvernichtungs-Reaktor

Text: Claus-Peter Sesín

Die Kernfusionsanlage ITER wird gebaut – ein teures Experiment von zweifelhaftem Nutzen.

Die atomvernarrten Franzosen jubeln. Nach jahrelangem Ringen erhielten sie Ende Juni den Zuschlag für ITER – das Kernfusionsforschungsprojekt der führenden Industriestaaten. Der „Internationale Thermische Experimental-Reaktor“ soll ab 2007 in Cadarache nahe Marseille errichtet werden – und dort den vermeintlichen Menschheitstraum verwirklichen, das Feuer der Sonne, „gezähmt“ von Physikern, auf der Erde zu entfachen. ITER sei „die Technologie der Zukunft, die für unbegrenzte Zeiten billigste Energie liefert“, frohlockt der Bezirksrat in Bouches-du-Rhone – ähnlich vollmundig wie in den 50er Jahren Franz-Josef Strauß: Der damalige Atomminister behauptete, Atomkraft könne als nahezu kostenfreie Energiequelle der Zukunft Stromzähler in Wohnungen überflüssig machen.

Doch schon heute steht fest, dass ITER selbst niemals Strom produziert. Dafür aber wird das „Wahnsinnsprojekt“, so die Greenpeace-Energieexpertin Bridget Woodman, mindestens zehn Milliarden Euro an Baukosten verschlingen und große Mengen Strahlenmüll hinterlassen. „Mit dem Geld ließen sich 10.000 Megawatt an Offshore-Windanlagen aufstellen, genug für 7,5 Millionen Haushalte“, sagt Jan Vande Putte, Atom-Campaigner bei Greenpeace International in Amsterdam.

Bei der Kernfusion versuchen Forscher, auf die gleiche Weise Energie zu erzeugen wie die Sonne. In unserem Heimatstern herrscht ein derart hoher Druck, dass Wasserstoffkerne zu Heliumkernen verschmelzen. Die dabei freigesetzte Fusionsenergie heizt den „nuklearen Ofen“ auf bis zu 15 Millionen Grad – und hält ihn seit 4,6 Milliarden Jahren nonstop am Brennen. Auf der Erde entfachten das Fusionsfeuer erstmals US-Bombenforscher um Edward Teller, die bereits 1952 die erste Wasserstoffbombe zündeten. Die friedliche Nutzung der Kernfusion indes erwies sich als schwierig. 1958 erklärte Teller, dass er erst im Jahr 2000 mit ersten kommerziellen Fusionsreaktoren rechne. Heute sind die Forscher keinen Deut weiter. Selbst Optimisten sehen sich frühestens 2050 am Ziel.

Auf der Erde kommt die Fusion nur in Gang, wenn Forscher die Reaktortemperatur auf 100 Milliarden Grad erhöhen, was technisch nur schwer beherrschbar ist. Meist verwenden sie ein in einem magnetischen Käfig gefangenes Gemisch aus den Wasserstoff-Isotopen Deuterium (ein Proton und ein Neutron) und Tritium (ein Proton und zwei Neutronen). Die Kerne dieser Isotopen verschmelzen in der Höllenhitze des reifenförmigen Reaktors, die mit starken Mikrowellen erzeugt wird, zu Heliumkernen (zwei Protonen und zwei Neutronen). Die überzähligen Neutronen schießen als Strahlung in die Reaktorwand und verdampfen dort Wasser, das hindurch gepumpt wird.

Bei kommerziellen Reaktoren soll der Dampf durch eine Turbine strömen, die einen Stromgenerator antreibt. ITER hingegen, dessen Bau 2015 abgeschlossen sein soll – danach bleiben 20 Jahre für die Forschung –, soll seine Hitze nur an die Umgebung abgeben. Strom würde, wenn alles nach Plan läuft, erst sein Nachfolger DEMO erzeugen. So wird ITER im Endeffekt nur zig Millionen Kilowattstunden aus dem Stromnetz saugen und nicht allzu viele Erkenntnisse bringen – dass die Fusion prinzipiell funktioniert, konnten britische Forscher schon in ihrem 1983 fertiggestellten Joint European Torus (JET) nachweisen. Übrig bleiben verstrahlte Reaktorwände, die mindestens 200 Jahre endgelagert werden müssen. Da die Stahlwände kommerzieller Fusionsreaktoren unter dem Dauerbeschuss der Neutronen verspröden, müssten sie alle ein bis zwei Jahre von Robotern ausgetauscht werden, was teuer und gefährlich ist –und den Atommüllberg weiter wachsen ließe.

Hans-Josef Fell, forschungspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, hält ITER für eine „Geldvernichtungsmaschine“. Bedenklich ist zudem, dass Cadarache in einem Erdbebengebiet liegt. Zwar droht kein GAU, da sich jeweils nur rund ein Gramm strahlendes Material in der Reaktorkammer befindet und die Fusion bei Störungen von allein abbricht. Bei einem Unfall frei werdende radioaktive Substanzen und verseuchte Reaktorteile können dennoch die Umgebung kontaminieren.

Fusionsbefürworter loben, dass in ITER – anders als in AKWs – keine großen Mengen stark und lange strahlender Plutoniumabfälle anfallen. „Dennoch sind Fusionsreaktoren nicht so sauber, wie behauptet wird“, warnt Frederic Marillier von Greenpeace Frankreich: „ITER erzeugt erhebliche Mengen radioaktives Tritium, zehnmal mehr als alle 17 deutschen AKWs zusammen. Sollte die Technik jemals kommerzialisiert werden, würde das für den Atombombenbau nutzbare Tritium die Verbreitung waffenfähigen Materials fördern.“