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Der große grüne Plan

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.15

Der große grüne Plan

Text: Felix Lee Fotos: Ian Teh

Wang Zhen leckt seinen Zeigefinger an und hält ihn in die Luft. „Südwind“, sagt der 54-jährige Straßenhändler, der auf einer Fußgängerbrücke über die Dritte Ringstraße im Zentrum von Peking geröstete Sonnenblumenkerne verkauft. „Jetzt droht wieder dichter Smog.“ Wang behält recht: Nicht einmal eine halbe Stunde später umhüllen gelbe Nebelschleier die Hochhäuser. Es riecht nach Schwefel und verbranntem Plastik. Ein rauchiger Geschmack legt sich auf die Zunge. Die Augen beginnen zu brennen, der Hals schmerzt. „Hazardous“, warnen die Apps, die die meisten Pekinger auf ihren Smartphones installiert haben, um die Luftqualität stets im Blick zu haben – „gefährlich“.

An Tagen wie diesem Anfang Januar herrschen in vielen chinesischen Städten nahezu apokalyptische Verhältnisse. Das setzt die Staatsführung enorm unter Druck – und zwingt sie, die Energieerzeugung zu überdenken. Denn Händler wie Wang sind das Volk: Von seiner Zustimmung hängt der Machterhalt der regierenden Kommunisten ab. Und es ist vor allem die Stromerzeugung aus Kohle, die den Menschen die Luft zum Atmen nimmt. Präsident Xi Jinping, Herrscher über 1,37 Milliarden Menschen, muss handeln – und setzt auf die Energiewende „made in China“.

Eine ganze Reihe von Projekten hat die Regierung bereits angeschoben, um sauberen Stromquellen zum Durchbruch zu verhelfen. Das weiß auch Straßenhändler Wang – und es stimmt ihn zuversichtlich: „Die Luft ist schon viel besser geworden“, sagt er. Vor zwei Jahren habe er den ganzen Winter über keine Sonne gesehen, egal aus welcher Richtung der Wind wehte. Nun erstrahle Pekings Himmel wenigstens an einigen Tagen wieder blau.

Ein Hoffnungsschimmer. Denn kein Land der Welt bläst annähernd so viel Kohlestaub in die Luft wie China. Fast vier Milliarden Tonnen verbrannten die Chinesen 2013, um ihren enormen Energiebedarf zu decken – so viel wie der Rest der Welt zusammen. Vor allem in Zentralchina, den sogenannten Kohleprovinzen, wurden in den letzten zwei Jahrzehnten tausende Kohlemeiler, Stahlhütten und Zementfabriken aus dem Boden gestampft. Viele pusten ihre Abgase noch immer ungefiltert in die Luft.

Der Himmel über Peking verdüstert sich vor allem, wenn die Luftmassen aus dem Süden oder Osten kommen. Dann bleibt der Smog wie eine Glocke über der 23-Millionen-Metropole hängen, weil hohe Berge im Norden und Westen verhindern, dass die dreckige Luft abziehen kann. Die Feinstaubwerte überschreiten den von der WHO für unbedenklich erklärten Grenzwert zuweilen um das 40-Fache.

Der gewaltige Ausstoß verschmutzt aber nicht nur die Luft, er heizt zugleich die Erderwärmung an. China emittiert inzwischen mehr klimaschädliches Kohlendioxid als die USA und die Europäische Union zusammen, die Volksrepublik ist längst unangefochtener Klimasünder Nummer eins. Und so war es bis vor kurzem kaum vorstellbar, dass ausgerechnet das Riesenreich, das im Smog zu ersticken droht, zum Vorreiter beim Klimaschutz werden könnte.

Selbst Experten überrascht das Tempo, das China dabei vorlegt. Die deutsche Klimaschutzorganisation Germanwatch spricht von einer „Energierevolution“ im Reich der Mitte, die die politischen Entscheidungsträger in der EU schon bald „vor Neid erblassen“ lassen könnte. Greenpeace diagnostiziert in einem international beachteten Report schon „das Ende des chinesischen Kohlebooms“.

Tatsächlich investiert derzeit kein Land mehr in grüne Energien. Exportierten chinesische Firmen viele Jahre lang Solarzellen vor allem in den Rest der Welt, verkaufen sie die Paneele nun in großen Mengen im eigenen Land. 12.000 Megawatt Fotovoltaik gingen im Jahr 2013 ans Netz, dreimal mehr als im Vorjahr und viermal so viel, wie Deutschland im gleichen Jahr installierte. 2014 wurde der Rekord wohl noch einmal gebrochen.

Die Erfolge der Branche lassen sich bisher vor allem im dünn besiedelten, aber sonnenreichen Westen des Landes besichtigen. So wurde das größte Solarkraftwerk der Welt in Golmud errichtet, einer Stadt am Rande des tibetischen Hochplateaus. Zwei Gigawatt Strom erzeugt die Anlage zu Spitzenzeiten, mehr als ein Atom- oder Kohlekraftwerk. Weitere Großanlagen sind im Bau, künftig sollen nach den Plänen der Regierung verstärkt die Dächer in den Städten mit Solaranlagen bestückt werden.

Auch bei der Windenergie ist China Weltmeister: Allein 2014 wurden laut der Beratungsfirma Make Consultant 20,4 Gigawatt Leistung errichtet, das ist in der Geschichte beispiellos. Für 2015 wird eine ähnliche Zahl erwartet, in nur zwei Jahren hätte China damit mehr Windkraftleistung installiert als Deutschland seit Mitte der 90er-Jahre. Das offizielle Ziel: Binnen zehn Jahren soll sich der Anteil nichtfossiler Quellen von jetzt rund zehn auf zwanzig Prozent des gesamten Energieverbrauchs verdoppeln.

Zwar ist diese Zahl nicht mit den deutschen Zielen vergleichbar. Denn China hält auch Atomstrom für sauber – und rechnet ihn in der Statistik mit Sonnen-, Wind- und Wasserkraft zu den „Alternativen“. Neue Probleme schaffen überdies gigantische Wasserprojekte wie der Drei-Schluchten-Staudamm. Dafür werden Flüsse auf ganzer Länge mehrfach gestaut, umliegende Ökosysteme zerstört.

Doch das sind aus Sicht der Parteisekretäre in Peking nur Details. Was zählt, sind die Feinstaubwerte und die Minderung des CO2-Ausstoßes – und hier bewegt sich einiges. So ist in China der Emissionshandel erfolgreich angelaufen. Das einst von den Europäern entworfene klimapolitische Instrument sieht vor, dass industrielle Großanlagen nur eine bestimmte Menge CO2 ausstoßen dürfen. Werden mehr Treibhausgase freigesetzt, müssen sie Zertifikate von anderen Unternehmen erwerben, die etwa aufgrund von Effizienzgewinnen ihre Emissionen senken konnten. Doch während in Europa der Preis für die Verschmutzungsrechte so niedrig ist, dass der Emissionshandel keine Wirkung entfaltet, funktioniert er in China.

Das ist symptomatisch: In Europa konnten energieintensive Industrien und Kohlelobby durchsetzen, dass zu viele Zertifikate ausgegeben wurden, und die Wirtschaftskrise hat den Überschuss noch verstärkt. Chinas Führung dagegen behält sich vor, die Zahl der Zertifikate jederzeit zu reduzieren. Hier zeigen sich die Vorteile einer zentral geführten Regierung, die ihre Ziele auch mit autoritären Mitteln durchsetzt. Seitdem der Handel Anfang 2013 in sieben Pilotregionen angelaufen ist, wurden offiziellen Angaben zufolge Zertifikate von mehr als 13 Millionen Tonnen CO2 gehandelt. Bis Anfang 2016 soll der Emissionshandel auf das gesamte Land ausgeweitet werden.

Im November 2014, kurz vor der Klimakonferenz in Lima, sorgte dann Staatspräsident Xi bei einem Treffen mit US-Präsident Barack Obama für eine Überraschung: Er versprach, China werde spätestens ab 2030 seinen Ausstoß drosseln. Zwar blieben dem Land damit noch 16 lange Jahre bis zur dringend nötigen Trendwende. Trotzdem fand die Ankündigung weltweit Beachtung, denn bislang hatte Peking jede Verpflichtung gescheut und sich auf seinen Status als Entwicklungsland berufen, das erst einmal seine Wirtschaft voranbringen müsse. Dass sich der weltgrößte Emittent nun erstmals international zu konkreten Zielen bekennt, könnte neue Dynamik in die festgefahrenen Klimaverhandlungen bringen – die nicht zuletzt China lange blockiert hatte.

Womöglich kommt die Wende sogar noch schneller. Für die eigentliche klimapolitische Sensation sorgte nämlich wenige Tage später der chinesische Staatsrat mit der Vorstellung eines neuen Energieplans. Diesem 70-seitigen Papier zufolge soll Chinas Kohleverbrauch bereits 2020 seinen Höhepunkt erreichen. Zudem definierte die Zentralregierung erstmals landesweite Klimaschutzziele für die besonders energieintensive Stahl- und Zementindustrie.

Das ist zwar international nicht verbindlich. Doch wie die Fünfjahrespläne – ein in der Volksrepublik weiter gepflegtes Relikt aus Zeiten der Planwirtschaft – setzt der Energieplan den Kadern und Parteisekretären Ziele, an denen sie gemessen werden. Vor einem Jahr hatten sich viele Regionen dazu verpflichtet, den CO2-Ausstoß bis 2017 zu drosseln. In den Schwerindustrieprovinzen Hebei, Shanxi und Henan werden seitdem täglich tausende marode Heizöfen abgeschaltet. Schon in zwei Jahren soll es in der Hauptstadt Peking kein einziges Kohlekraftwerk mehr geben. Da Chinas Wirtschaft neue Schwerpunkte setzt und sich gleichzeitig das Wachstum verlangsamt, ist der Kohleverbrauch im Jahr 2014 nach neuesten Zahlen erstmals gesunken.

Die Wende ist ein beispielloser Kraftakt. Noch stillt China seinen Energiehunger zu zwei Dritteln mit Kohle. Die herausragende Rolle des schmutzigen Rohstoffs ist historisch begründet. Revolutionär Mao Zedong wollte das Land autark machen. „Schornsteine, so weit das Auge reicht – das wird man sehen, wenn man in Zukunft hier oben steht“, hatte Mao versprochen, als er 1949 vom Tor des Himmlischen Friedens in Peking die Volksrepublik ausrief. Kohle ist der einzige fossile Energieträger, über den die Chinesen selbst reichhaltig verfügen.

Als sich das Land in den 80er- und 90er-Jahren unter Deng Xiaoping der Außenwelt öffnete, hielt es an der Kohle fest. Anders als unter Mao begann Chinas Wirtschaft nun tatsächlich zu wachsen, und zwar rasant. Die Stahlproduktion versiebenfachte sich seit 1997. China stieg zum weltgrößten Produzenten auf, wie bei anderen energieintensiven Gütern wie Aluminium und Zement auch. Entsprechend schossen Energiebedarf und Emissionen in die Höhe. Allein die Stahlindustrie benötigt jährlich rund 600 Millionen Tonnen Kohle.

Trotzdem sah Chinas Führung lange Zeit keinen Handlungsbedarf. Wachstum um jeden Preis lautete die Devise. Das Ziel ließ sich nur erreichen, indem neben modernen Anlagen auch die alten Stahlöfen und Kohlekraftwerke weiterbetrieben wurden. Daran hielten sich die Provinzregierungen.

Dass nun plötzlich ein anderer Wind weht, hat vor allem eine Ursache: Inzwischen spürt beinahe jeder in China die Folgen der Umweltkatastrophe am eigenen Leib. Nicht nur der Smog mindert Lebensqualität und Lebenserwartung von Millionen, auch der Klimawandel wirkt sich unmittelbar aus. Vom Norden und Westen aus fressen sich die Sand- und Geröllwüsten immer tiefer ins einst fruchtbare Kernland hinein. Zentralchina wird seit Jahren von Dürren geplagt. Im Himalaya und auf dem Tibetischen Plateau schrumpfen die Gletscher – in den warmen Monaten taut mehr Eis ab als durch Schneefall nachgebildet wird. Während die großen Flüsse nun im Sommer regelmäßig über die Ufer treten und Überschwemmungen auslösen, führen sie im Winter oft zu wenig Wasser. Nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua schrumpfen Chinas Gletscher jährlich um sieben Prozent, bis 2050 könnten sie komplett verschwunden sein.

Im Süden treten wegen der Erwärmung des Pazifiks regelmäßig verheerende Taifune auf, die es in diesem Ausmaß bis vor kurzem nicht gab. Das Ministerium für Umweltschutz hat berechnet, dass die jährlichen Umweltschäden inzwischen bis zu zehn Prozent der Wirtschaftsleistung auffressen – mehr als die Wirtschaft derzeit wächst. Gute Gründe, um dem Land einen grünen Neustart zu verordnen – nicht aus ideologischen, sondern aus pragmatischen Gründen. Chinas Premierminister Li Keqiang rief im vergangenen Jahr beim Nationalen Volkskongress zum „Krieg gegen die Verschmutzung“ auf.

Entwickelt sich China nun also zum Öko-Vorbild? Kann das Reich der Mitte das Weltklima retten? Klar ist, dass dies ohne China angesichts seiner enormen Bedeutung nicht gelingen kann. Greenpeace hat ausgerechnet, dass sich der bisher erwartete Anstieg der globalen Treibhausgasemissionen bis 2020 deutlich verringern würde, wenn Chinas Provinzen ihre Kohle-Eindämmungspläne tatsächlich umsetzten – so stark, dass das Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, wieder realistisch erscheint.

Klar ist aber auch, dass die Energiewende Zeit braucht. Der aktuelle Verbrauchsrückgang bei der Kohle ist nur eine Momentaufnahme – es kann alles schon wieder ganz anders aussehen, wenn das Wachstum erneut anzieht. Selbst unter optimistischen Annahmen, erwarten Experten, könne China seinen Kohleverbrauch allenfalls um drei Prozent pro Jahr verringern.

Zumindest Straßenhändler Wang Zhen glaubt aber, den Erfolg der neuen Politik bereits zu spüren – am Umsatz. Die Sonne sei schon viel häufiger herausgekommen als in den vergangenen beiden Jahren und habe mehr Menschen auf die Straße gelockt, hat er beobachtet. „Und gute Luft steigert die Kauflaune.“