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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.05

Der Krieg der Kinder gegen die Kinder

Text: Michaela Ludwig

Friedensgespräche machten noch vor wenigen Monaten Hoffnung auf ein Ende des Bürgerkriegs im Norden Ugandas. Doch auch diese Feuerpause verstrich ungenutzt. Wieder werden die Jungen und Mädchen von der Rebellenarmee entführt und zum Kämpfen gezwungen.

Jeden Abend, wenn im nordugandischen Gulu die Dunkelheit hereinbricht, das gleiche Bild: Karawanen von Kindern ziehen die Sandpisten entlang zum Stadtzentrum. Morgens, bei Sonnenaufgang, hat sich der Zug der Kinder längst wieder aus dem Staub gemacht: auf einen 15-Kilometer-Fußmarsch zurück in die Dörfer.

„Ihre Eltern schicken sie fort aus Sorge vor den nächtlichen Überfällen“, erklärt Pirkko Heinonen, Programmdirektorin des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) in Uganda, „denn sie leben in Furcht vor der nächsten Nacht.“ Die Angst der Menschen vor den Schrecken des seit 19 Jahren andauernden Bürgerkrieges lässt sich an der Länge der allabendlichen Kinderkarawane ablesen: Noch im Juni vergangenen Jahres wurden 52.000 Kinder zwischen sechs und sechzehn Jahren Nacht für Nacht auf den Weg geschickt. Mit Beginn der Friedensgespräche im Herbst waren es nur noch die Hälfte. Seit die Verhandlungen zum Jahreswechsel scheiterten, greifen die Rebellen wieder an: Die Karawane wird mit jedem Tag länger.

Tagsüber arbeiten die so genannten Pendlerkinder auf den Feldern der Eltern, einige besuchen die Schule. Nachts schlafen sie in den größeren Städten wie Gulu oder Kitgum, dort, wo die Rebellen sich nicht hintrauen. Wer zuerst ankommt, findet einen Schlafplatz bei einer der Hilfsorganisationen. Die Plätze sind beleuchtet und bewacht, außerdem gibt es Wasser. Die Nachzügler rollen sich in Hauseingängen oder auf dem Busbahnhof zusammen. Unbewacht sind sie dort den Belästigungen von Jugendbanden ausgesetzt.

In Norduganda kommt das Grauen meist nachts: Dann überfallen Rebellen der „Widerstandsarmee Gottes“ (LRA) Dörfer und Siedlungen, um Lebensmittel zu stehlen oder neue Kämpfer zu rekrutieren. Der Bürgerkrieg im Norden entbrannte 1986, kurz nach der Machtübernahme der Nationalen Widerstandsarmee (NRA) unter dem heutigen Präsidenten Yoweri Museveni. Zunächst als „Holy Spirit Movement“, dann als LRA unter der Führung des 41-jährigen Joseph Kony kämpften Angehörige der Acholi-Ethnie gegen die Zentralregierung in Kampala. Der charismatische Rebellenchef Joseph Kony behauptete, mit Gottes Stimme zu sprechen, die ihn als Medium nutze. Und diese Stimme habe ihn beauftragt, die Macht über Uganda zu erobern, um das Land im Sinne der Zehn Gebote zu regieren. Dabei richtet sich Konys Kampf längst auch gegen das eigene Volk.

Nach Unicef-Schätzungen sind mehr als 80 Prozent der „Gotteskrieger“ entführte Kinder. Seit Beginn des Konflikts wurden etwa 20.000 Kinder ihren Familien entrissen, mehr als die Hälfte allein in den vergangenen drei Jahren. Sie werden durch Gewaltexzesse systematisch zu gewalttätigen und brutalen Kämpfern umgepolt: Die Rebellen zwingen die Kinder zu töten oder zuzusehen, wie Menschen misshandelt, Frauen vergewaltigt, Freunde oder Familienangehörige abgeschlachtet werden. Wer nicht gehorcht, so die Botschaft, dem droht das gleiche Schicksal. Mädchen werden nicht nur als Kämpferinnen, sondern auch als Sexsklavinnen missbraucht. Sie müssen verdienten Kommandanten als Ehefrauen zu Diensten sein.

Die Zivilbevölkerung vor den Rebellenangriffen zu schützen, sollte Aufgabe des ugandischen Staates sein. Das Militär hat auf seine Weise reagiert und die Menschen aus ihren Siedlungen in „geschützte Dörfer“ gezwungen. Nahezu die gesamte Bevölkerung Nordugandas lebt in mehr als 200 Vertriebenenlagern. Außerhalb der Lager sind ganze Landstriche unbewohnt, Dörfer zerstört, das Ackerland liegt brach.

Die „geschützten Dörfer“ sind für die Bewohner eine Art Gefängnis: Kilometerweit entfernt von ihrem Land, auf dem sie früher ihre Nahrung anbauten, dürfen sie die Lager nicht mehr verlassen. Mütter und Töchter holen Wasser und sammeln Feuerholz unter Lebensgefahr. Anderthalb Millionen Menschen sind so auf die Lebensmittelhilfslieferungen des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen angewiesen. Doch die Rationen kommen unregelmäßig und sind nicht ausreichend.

Der Kinderarzt Jens Wenkel hat mit „Ärzte ohne Grenzen“ die Ernährungs- und Gesundheitssituation in den „geschützten Dörfern“ kennen gelernt und beschreibt sie als katastrophal. In manchen Lagern ist jedes sechste Kind unterernährt, was zu „Marasmus“ oder „Kwashiorkor“ führt: Mangelerkrankungen, die die Bäuche aufblähen und die Haare rötlich färben. Außerdem leiden die Kinder an Malaria oder Durchfall, was jeder Arzt leicht behandeln könnte. Nur dass es kaum Ärzte oder Krankenstationen gibt. Eine extrem hohe Sterblichkeitsrate unter den Kindern ist die Folge.

Hilfsorganisationen werfen der ugandischen Regierung vor, sie überlasse die Menschen in den Lagern sich selbst. Seit die traditionellen Siedlungen geräumt sind, häufen sich die Überfälle auf die Lager. Die Rebellengruppen brauchen Lebensmittel und neue Kämpfer. „Wir sehen, dass weiter entführt und vergewaltigt wird. Das zeigt, dass nicht genug zum Schutz der Menschen unternommen wird“, kritisiert Chulho Hyun, Unicef-Sprecher in Uganda. Um die Kinder wenigstens nachts in Sicherheit zu bringen, schicken die Eltern sie auf den riskanten Fußmarsch in die nächste Stadt.

Noch ist kein Frieden in Sicht. Unterdessen wächst im Norden Ugandas eine ganze Generation heran, die durch Krieg und Lagerleben traumatisiert ist. Die meisten Kinder waren Zeugen von Folter, Mord oder Vergewaltigung – häufig von Eltern oder Geschwistern. Auch ihre Zukunft dürfte schwer werden. Jede zweite Schule in der Region ist zerstört oder verlassen. Außerdem fehlen Lehrer, auch sie wurden vertrieben. Unicef- Sprecher Chulho Hyun ahnt: „Wenn der Frieden kommt, stehen wir nicht am Ende, sondern erst am Anfang unserer Arbeit.“