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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.05

Der Mann ohne Müll

Text: Marcel Keiffenheim

Seit Jahren haben Carl Rheinländer und seine Familie nichts mehr weggeworfen. Was bei ihnen anfällt, wird verwertet. Weil es ökologisch konsequent ist. Und weil Carl Rheinländer die Welt verändern will.

Der Mann ohne Müll schlägt mit dem Hammer auf eine Glühbirne ein. Kein Splitter soll verloren gehen, deshalb hat er das Glas in Papier gewickelt. Drei Hiebe treffen die Birne am Rand der Schraubfassung – klllk, klllk, knrrsk –, und über sein Gesicht huscht ein zufriedenes Lächeln. Nun noch ein paar Schläge, um auch den von Drähten durchzogenen inneren Glaskolben zu sprengen und den Kleber abzuklopfen, der die Birne zusammenhielt. Schon kann er die Teile mit der Handfläche zu drei Häufchen zusammenkehren.

Vor Verletzungen schützen dabei die harten Schwielen, die sich der Mann ohne Müll in jahrelanger Arbeit als ökologischer Bauhandwerker zugelegt hat und die in eigentümlichem Kontrast zu seiner eher schmächtigen Gestalt stehen. Nach rechts die Kupferdrähte, das mit Zinn verlötete Messing-Kontaktplättchen, die Schraubfassung aus Aluminium – Buntmetall für den Schrotthändler. Die Scherben nach links – Flachglas für einen Handwerker vor Ort, der es wiederum zu einem Fensterhersteller bringt (weil es nicht lebensmittelecht ist, darf es nicht in den Glascontainer). In der Mitte die mineralischen Kleberbrösel und der Glühfaden aus Wolfram, der an der Luft zu Staub zerfallen ist – Füllmaterial für eigene Bauvorhaben. „Alles was in unserem Haushalt anfällt, wird verwertet. Bei uns gibt es keinen Müll“, sagt Carl Rheinländer, 45, der Mann ohne Müll.

Allerdings glaubt die deutsche Justiz nicht, dass so etwas möglich ist. Es sei ein „Erfahrungssatz“, urteilte vorigen Herbst das Verwaltungsgericht Koblenz, dass „selbst bei größtmöglichem Bemühen um Abfallvermeidung das Entstehen von Beseitigungsabfällen jedenfalls in geringen Mengen nicht vollständig verhindert werden kann“ (AZ 7K 543/04.KO). Deshalb müsse Carl Rheinländer eine Restmülltonne auf seinem Grundstück „dulden“ und, wie jeder andere Hauseigentümer in unserer Wegwerfgesellschaft auch, Abfallgebühren zahlen.

Der Müll-Rebell, der seit sieben Jahren in der Angelegenheit prozessiert, duldet die Tonne, seit er sich in einem gerichtlichen Vergleich dazu verpflichtete. Aber Abfallgebühren zahlen mag er auf keinen Fall – nicht wegen der 181,56 Euro im Jahr (seine Gerichtskosten belaufen sich inzwischen auf mehr als das Zehnfache), sondern aus Prinzip. „Unsere Wirtschaftsweise, unser gesamter Lebensstil basiert darauf, immer größere Mengen kostbarer Rohstoffe auszubeuten und in nutzlosen, oft sogar hochgiftigen Müll zu verwandeln. Das schmälert auf unverantwortliche Weise die Lebenschancen kommender Generationen“, sagt er. Die Tonne, mit 120 Litern die kleinstmögliche im Landkreis Bad Kreuznach, hat Rheinländer vor Jahren demonstrativ an die Fassade seines Bauernhauses im Örtchen Heimweiler gehängt – kopfüber, damit klar ist: Hier kommt niemals Müll hinein.

Die Idee stammt von seiner Frau. „Wir waren schon immer konsumkritisch“, sagt Annemarie Rheinländer, 43, kurze blonde Locken, schlank und energisch. Die gebürtige Münchenerin war nach ihrer Schreinerlehre zwei Jahre als Mitglied der alternativen Zunftvereinigung „Axt und Kelle“ auf der Walz von Baustelle zu Baustelle, am liebsten zu ökologischen Projekten, wo sie dann Carl kennenlernte. Das war Anfang der Achtziger, Blütezeit der Friedensbewegung, des Anti-Atom-Protests, des Widerstands gegen die Frankfurter Startbahn-West. „Das hat uns geprägt“, sagt Annemarie Rheinländer. Heute leben sie von ökologischer Bauberatung, Spezialgebiet Lehmtechnik und Bruchsteine, sowie der Herstellung von naturbelassenem Holzspielzeug, das sie auf Märkten verkaufen.

Weil das wenig abwirft und die Pflege von Carl Rheinländers gebrechlichem Vater Zeit und Hingabe erfordert, kommt der Umbau des eigenen Bauernhauses nur langsam voran. Ihr Mobiliar ist alt – nicht im Sinne von antik, sondern von gebraucht und abgenutzt. Die Rheinländers würden es auch dann nicht anders wollen, wenn sie es sich leisten könnten. Für sie zählt nicht der schöne Schein, sondern Schadstofffreiheit und leichte Zerlegbarkeit in recycelbare Bestandteile. Spanplatten, Schaumstoffe, Kunstleder, Teppiche mit Kunstfasern, Kunstharzfarben, die meisten Reinigungsmittel und Kosmetika sowie sämtliche Produkte mit giftigen oder nicht wieder verwendbaren Inhaltsstoffen haben bei ihnen Hausverbot.

So zu leben finden ihre Kinder – Carl, 18, Philipp, 17, und Till, 11 – nicht uneingeschränkt klasse, räumt Annemarie Rheinländer ein. Zwar verstünden sie, „dass wir das alles für kommende Generationen tun – also auch für sie“. Auch gelte Müllvermeidung zu Hause eher als tägliches Spiel und interessanter Denksport denn als lästige Pflicht. Allerdings hätten sie ziemlich darunter gelitten, in selbst gemachten, mittelalterlichen Bundschuhen und gebrauchten Klamotten aus der Kleiderkammer der Diakonie zur Schule gehen zu müssen.

Die Rheinländers sind in der Sache hart, aber nicht zu ihren Kindern. Die Bundschuhe wichen bald klassenkameradenkompatibleren Tretern, und in der Kleiderkammer sucht die Mutter nicht mehr nur ökologisch Wertvolles, sondern auch markenmäßig Angesagtes heraus. Die Sachen enthalten zwar oft Kunstfasern, doch wenn man sie nicht völlig abträgt, können sie nach einiger Zeit ja wieder zurück in die Kleidersammlung wandern. Das schont die Umwelt ebenfalls, und außerdem bleiben die Rheinländers weiter müllfrei. Auch beim Teddy aus Kunststoffplüsch, den die Tante aus München schenkte, wurde ein kinderfreundlicher Kompromiss gefunden: Till behält den Teddy – leihweise, bis der Elfjährige nicht mehr damit spielen mag. Dann nimmt die Tante ihn zurück.

So lebten die Rheinländers denn glücklich und zufrieden in ihrem Bauernhaus – ohne Restmülltonne, aber mit zwölf Sammelbehältern für unterschiedliche Wertstoffe, mit einem Komposthaufen für schnell verrottenden Bioabfall und einem weiteren für Reste, die sich nur langsam zersetzen. Bis 1998, sechs Jahre nach dem Einzug, dem Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises Bad Kreuznach auffiel, dass sich da in der Gemeinde Heimweiler eine Familie dem behördlichen „Anschluss- und Benutzungszwang“ zur Abfuhr von Restmüll entzog.

Als eines Tages ein Restmüllbehälter vor der Haustür stand, war Carl Rheinländer erst erschrocken. Aber dann merkte er: „In der Tonne steckt auch eine Chance“ – für juristischen Widerstand gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen kommender Generationen. Weil er Gebühren zahlen muss für eine Leistung, die er weder will noch braucht, kann er nun dagegen klagen und so den Ressourcen fressenden Lebensstil insgesamt vor Gericht anprangern. „Die Sache werde ich durchziehen“, sagt Rheinländer. „Zur Not gehe ich dafür ins Gefängnis.“

Dabei sehen sich die Rheinländers nicht als Fanatiker. Schließlich verursachten auch sie früher Restmüll, den sie in Plastiksäcken entsorgten, deren Kaufpreis die Müllgebühr schon enthält. Es waren nur 20 Liter jährlich – so viel, wie ein normaler Fünf-Personen-Haushalt in einer Woche schafft. Aber dann ging 1999 deswegen die erste Prozessserie verloren. Die Gerichte entschieden, dass auch kleine Mengen Abfuhr und Deponie brauchen – den Rheinländers mithin keine abfallrechtliche Sonderbehandlung zustehe.

Ein bisschen Müll-Verweigerer geht eben nicht, lernte Carl Rheinländer aus der Niederlage. Wenn er auf dem Rechtsweg eine Chance haben will, darf seine Familie fortan überhaupt nichts mehr wegwerfen. „Es ist zeitaufwändig. Es ist lästig. Es ist manchmal auch ein wenig übertrieben, den Kehricht von der Schaufel zu sieben, um das letzte Fitzelchen Plastik für die Wertstoffsammlung herauszufischen“, gibt Carl Rheinländer zu. „Aber im Hinblick auf den Prozess ist es nun mal nötig.“ Seit Anfang 2000 lebt die Familie deshalb völlig restmüllfrei.

Eine genaue Erläuterung, was der Müll-Rebell alles falsch findet am Abfallrecht, wie eine bessere Regelung aussehen könnte und wie diese schließlich dazu beitragen würde, die gegenwärtige Wirtschaftskrise zu überwinden, findet sich auf seiner Website www.restmuellnet.de – eine anregende, allerdings zeitintensive Lektüre. Kurz gesagt, ist für Rheinländer die Externalisierung von Umweltkosten das Grundübel der heutigen Zeit. Herstellung, Benutzung und Entsorgung der allermeisten Waren belasten die Umwelt: Luft wird verschmutzt, Wasser vergiftet, Bodenschätze ausgebeutet und Müll hinterlassen. Und die Zeche zahlen die Nachgeborenen, nicht die Nutznießer. Eine solche Lebens- und Wirtschaftsweise – inklusive der Abfallgesetze, die das Ganze regeln – verstößt laut Rheinländer gegen das Recht auf freie Persönlichkeitsentfaltung für nachkommende Generationen (Artikel 2, Absatz 1 des Grundgesetzes), gegen deren Recht auf körperliche Unversehrtheit (Art. 2,2 GG), gegen ihr Recht auf Eigentum (Art. 14,1 GG) und natürlich gegen die Pflicht des Staates zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen (Art. 20a GG).

Unglücklicherweise interessiert sich bislang kein Richter für diese Überlegungen. Letztlich reduziert sich in den Prozessen, die Rheinländer auslöste, weil er Jahr für Jahr gegen seinen Abfallgebührenbescheid Einspruch einlegt, alles auf die Frage: Fällt nicht sogar beim Mann ohne Müll manchmal eben doch Müll an? Weil die Kinder irgendwas nach Hause mitbringen. Weil ein Passant eine Zigarettenkippe über den Zaun schnippt. Weil er vielleicht einmal alt und krank wird und deshalb Inkontinenzwindeln benötigt (übrigens alles Beispiele aus den diversen Verfahren).

Carl Rheinländer liegt oft nachts wach und hadert mit der Justiz, die sich lieber mit Inkontinenz als mit Externalisierung beschäftigt. Aber es hilft nichts: Auf dem langwierigen Rechtsweg muss er sich den absurdesten Entsorgungsfragen seiner Richter stellen. Deshalb telefonierte er mit Osram und fand heraus, wie man Glühbirnen zerlegt, obwohl er doch Energiesparlampen verwendet (für die ab Sommer eine Rücknahmepflicht des Handels gilt). Er sprach mit Zigarettenherstellern über die Kompostiermöglichkeiten für Filterkippen (verrotten vollständig, wenn auch langsam). Er fahndet nach Verwertungsmöglichkeiten für Plastikwindeln, auch wenn die eigenen Babys Baumwolltücher trugen.

Gerne würde sich Carl Rheinländer mit Gleichgesinnten beraten, juristische Strategien abstimmen und – wer weiß – vielleicht sogar eine eigene Partei gründen. Denn es kann doch nicht sein, denkt er, dass seine Familie die einzige in Deutschland ist, die konsequent abfallfallfrei lebt. Seine Internetseite unterhält der Müll-Verweigerer auch, um mit solchen Leuten in Kontakt zu kommen. Bis jetzt hat sich allerdings noch kein weiterer Mensch ohne Müll gemeldet.

Leben ohne Müll
Wie jeder ordentliche deutsche Haushalt bringt auch Familie Rheinländer Papier und Flaschenglas zu öffentlichen Sammelcontainern und entsorgt Verpackungsmaterial mit Grünem Punkt im Gelben Sack. Eine Biotonne brauchen sie nicht, weil solcher Abfall auf den Kompost kommt. Was sonst noch so alles anfällt, landet bei anderen meist in der Restmülltonne – die Rheinländers vermeiden oder verwerten es. Wie das geht, erläutert Carl Rheinländer anhand des Sortierplans des Landkreises Bad Kreuznach.

- Asche: Wir verbrennen nur naturbelassenes Holz. Die Asche ist ungiftig, ein guter Dünger.
- Haus- und Straßenkehricht: Wir sieben und sortieren den Inhalt in Kompost, Bauschutt und Verpackungsmüll.
- Zigarettenasche und -kippen: verrotten auf unserem Kompost.
- Tapetenreste: fallen nicht an. Die verputzten Wände haben wir direkt mit Kalk-Kasein-Farben gestrichen.
- Porzellan- und Keramikscherben: sind wieder verwendbarer Bauschutt.
- Leder-, Gummireste: Wir wählen naturgegerbtes Leder und Naturkautschuk (Naturwarenversand), die biologisch abbaubar sind.
- Glühbirnen: lassen sich vollständig in Wertstoffe zerlegen.
- Kerzenreste: benutzen wir zur Herstellung neuer Kerzen.