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Der Panther im Käfig

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.18

Der Panther im Käfig

Text: Christian Schmidt Foto: Mark Hartmann

Albert Woodfox kämpfte im Gefängnis für seine Rechte und landete für 44 Jahre in Einzelhaft, länger als jeder andere in den USA. Wie überlebte er? Und warum?

Der Würgegriff weckt Albert Woodfox. Die Wände des Schlafzimmers legen sich um seinen Hals, die Decke fällt herunter. Schweißgebadet springt er auf und eilt nach draußen, die nachtdunkle Emory Road entlang. Luft! Aber die Klammer um seinen Hals gibt nicht nach. Dabei will er noch so vieles erreichen in seinem Leben, jetzt mit siebzig und endlich in Freiheit. Er hat die anderen Gefangenen zurückgelassen, sie brauchen ihn. Einzelhaft ist Folter! Woodfox flieht so lange, bis er den kleinen Park erreicht. Dort bleibt er stehen und sucht den Polarstern. Findet er ihn, hört sein Herz auf zu rasen. 43 Jahre und zehn Monate lang fehlte ihm das Glitzern, das sind 2287 Wochen oder 16.013 Tage.

„Diese Panikattacken habe ich mir im Gefängnis geholt. Sie kommen nicht mehr so häufig, aber immer noch“, sagt Woodfox. Und: „Nein, in dieser Nacht hatte ich keine.“

Es ist der 5. September 2017 morgens um neun. Albert Woodfox räumt das Wohnzimmer seines Hauses auf. Vor eineinhalb Jahren ist er entlassen worden, nun lebt er im Osten von New Orleans. Ein strahlender Himmel spannt sich über die Stadt, aber mit Irma droht nach Harvey bereits der nächste Hurrikan. Die TV-Stationen berichten pausenlos.

Woodfox, vom obersten Staatsanwalt Louisianas einst als „gefährlichster Mann auf Erden“ betitelt, ist eben erst aufgestanden. Die Tür öffnete er in Socken und Unterwäsche, blickte taxierend auf den Besucher und sagte: „You are early.“ Nun trägt er T-Shirt, Jeans und Crocs; ein schmaler Mann mit silbergrauem Haarschopf und Bart, am Unterarm ein laienhaft tätowierter Totenkopf. Er streicht die Decke auf dem Sofa flach, dann rückt er eine Auszeichnung in die Mitte des Wohnzimmertischs, die ihm die „National Lawyers Guild“, eine Vereinigung progressiver Anwälte in den USA, verliehen hat. Woodfox engagierte sich bereits während der Haft für eine Verbesserung der Bedingungen in amerikanischen Gefängnissen; das tut er heute noch. Seine Bewegungen sind flink und fließend, fast jungenhaft. Erstaunlich, denn zwei Drittel seines Lebens hatte er kaum Gelegenheit sich zu bewegen. Seine Zelle maß zwei mal drei Meter.

Während er Ordnung macht, erzählt Woodfox von seinem Leben in Freiheit: wie sehr es ihn beglücke, dass er seine Tochter Brenda nun so oft umarmen kann, wie er will, und jedes Mal, wenn sie ihn Papa nennt, freue er sich. Dabei ist sie 52 und selbst schon Großmutter. Und dann sein Haus! Es ist zwar klein und steht nicht in der besten Gegend, aber er hat nun so viel Platz wie noch nie in seinem Leben. Stolz führt er alles vor: „Zwei Bäder! Ein begehbarer Kleiderschrank! Hier mein Arbeitszimmer! Da der Abstellraum!“ Nichts lässt er aus. Kaufen konnte er es sich mithilfe einer Entschädigung für in der Haft erlittenes Unrecht. Aber wenn er davon erzählt, schwingt immer, gleich der zweiten Stimme in einem Lied, der Schmerz mit. Das kürzlich gefundene Glück zeigt ihm auch, dass er zwei Drittel seines Lebens verloren hat. „Two thirds, you know“, sagt er und dehnt die Vokale warm und herzlich im schleppenden Tonfall der Südstaaten.

Wie bloß konnte es dazu kommen, dass dieser freundliche Herr einst als junger Mann in Einzelhaft geriet, länger als jeder andere Gefangene in den USA? (...)

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