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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.18

Der Reptilienvater

Wegweiser: Norbert Schneeweiß rettet die europäische Sumpfschildkröte
Zwei Wochen Korsika, länger kann der Biologe seine 120 Schützlinge nicht allein lassen. „Lange will ich nie im Urlaub bleiben“, sagt Norbert Schneeweiß. „Wenn ich nicht für sie sorge, wer dann?“ Nur ein kleines Team von dreißig Leuten hilft ihm bei seiner Arbeit, und die Zeit der Ehrenamtler ist begrenzt.

Zufrieden schaut der 57-Jährige, frisch aus dem Urlaub zurück, auf die Schildkröten in der Naturschutzstation Rhinluch nordöstlich von Berlin. Einige Exemplare der bis zu zwanzig Zentimeter großen Tiere mit den grün-braunen Panzern baden gerade in den warmen Sonnenstrahlen des Spätsommers. Die von Seen, Flüssen und Teichen durchzogene Landschaft bei Kremmen im Landkreis Oberhavel bietet den Reptilien, die bis zu siebzig Jahre alt werden, eine optimale Heimat. „Sie brauchen Gewässer und Moore zum Leben und trockene Wiesen als Kinderstube“, erklärt Schneeweiß. Doch nur noch zirka 200 Exemplare leben in Ostdeutschland in freier Wildbahn. Ihre Feinde sind zahlreich: Landwirte, die Wiesen in Äcker umwandeln, Straßen, die ihre Laichwege durchtrennen und Waschbären, die ihre Eier fressen. Norbert Schneeweiß versucht, gegen all das anzukämpfen. Schon als Kind lief er alleine durch die Schorfheide auf der Suche nach Schildkröten. Obwohl er nie welche fand, blieb er fasziniert von den Tieren mit dem „herrlich entschleunigten Lebensrhythmus“, wie er sagt.

Nach der Wende durchforstete Schneeweiß entlegene Militär- und Staatsjagdgebiete aus DDR-Zeiten und fand dort schließlich: die letzten Schildkröten. Mit einigen Exemplaren baute er seine Zuchtstation auf. Heute wildert er mit seinen ehrenamtlichen Mitstreitern regelmäßig bei ihm geschlüpfte Tiere aus und schafft seinen Schützlingen neue Lebensräume, indem er Ackerflächen ankauft, um sie in Schildkrötenparadiese zu verwandeln, und Nistplätze mit Gittern vor Räubern schützt. Spenden und öffentliche Gelder finanzieren diese Hilfe. „Wir müssen uns jedoch von einem Dreijahresprojekt zum nächsten hangeln“, sagt Schneeweiß. Aufhören möchte er trotz aller Schwierigkeiten nicht. Und zwei Wochen Urlaub müssen bis auf Weiteres reichen.
herpetopia.de