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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.05

Der Shopping-Gigant, der Amerika retten soll

Grüner Größenwahn: Nur Sonne, Wind und Wasserstoff werden ein riesiges Einkaufscenter im US-Staat New York mit Strom und Wärme versorgen – wenn es jemals gebaut wird.

Robert Congel hat einen Plan, mit dem er „die Welt verändern“ will. Sein Projekt werde „der Menschheit mehr Nutzen bringen als jedes andere private Unternehmen zuvor“, sagt der Immobilien-Investor aus dem US-Bundesstaat New York. 20 Milliarden Dollar sind dafür veranschlagt – das Zwölffache des UN-Jahresbudgets.

Congel schwebt eine „Mega-Mall“ vor, ein höchst außergewöhnliches Shopping-Center. „DestiNY USA“ soll die größte von Menschen geschaffene Struktur des Planeten werden – und die umweltfreundlichste. Disney World, Las Vegas und „Mall of America“ in einem; eine Einkaufs- und Freizeitstadt mit Läden und Restaurants, einem großen Forschungszentrum für Zukunftstechnologien sowie einer 80 Hektar großen „Biosphäre“ mit ganzjährig frühlingshaften Temperaturen und einem künstlichen Fluss zum Kajakfahren.

Noch verblüffender als die schiere Größe von „DestiNY“ ist das Öko-Konzept. Congel betont, dass sein gigantisches Projekt ausschließlich mit erneuerbaren Energien versorgt werden soll – immerhin 1000 Läden und Restaurants, 80.000 Hotelzimmer, ein großes Musicaltheater sowie ein Stadion mit 40.000 Plätzen. Die Investitionen in Solar-, Wind- und Wasserstofftechnologien werden, verspricht der patriotische Großinvestor, den Märkten für alternative Energien im ganzen Land einen enormen Schub verpassen: Die Mall allein würde den Solarstromanteil in den USA um zehn Prozent steigern.

Nach einem Fehlstart im Jahr 2002, nach ersten Proteststürmen und zahllosen Korrekturen des Plans, nimmt Congels Vorhaben jetzt Gestalt an: Seit Juli planieren mit Biodiesel betriebene Bulldozer den Bauplatz, eine sanierte Industriebrache in Congels Heimatstadt Syracuse, 300 Kilometer nordwestlich von Manhattan. Eröffnung soll im Jahr 2009 sein. Die New Yorker Senatorin Hillary Clinton findet das Projekt „in jeder Beziehung erstaunlich“. Es werde die Region zu einem Zentrum für saubere Technologien machen, glaubt sie, und so die Wirtschaft des Bundesstaates in Schwung bringen. Clinton konnte den Kongress überzeugen, finanzielle Anreize für groß angelegte grüne Entwicklungsvorhaben zu gewähren. DestiNY muss nicht viel Konkurrenz um diese Gelder fürchten.

Congel, ein eifriger Bush-Unterstützer, besitzt bereits 25 Einkaufszentren – eigentlich nicht gerade der Typ Unternehmer, von dem man eine exzentrische Öko-Energie-Vision erwarten würde. Sie kam ihm, erzählt er, bald nach dem 11. September 2001 – als es die Pläne für „DestiNY“ längst gab – bei einem Besuch in der Normandie. „Ich sah die Gräber zehntausender Jungs, die für die Freiheit starben“, erinnert sich Congel auf der Veranda seiner 2400-Hektar-Farm bei Syracuse, wo er russische Wildschweine und andere exotische Tiere zur Jagd aussetzen ließ. „Heute sterben unsere Kids in einem Krieg für Öl. Die Abhängigkeit vom Erdöl zerstört unser Land, unsere Wirtschaft, unsere Umwelt.“

Nach seiner Rückkehr kündigte Congel an, für DestiNY werde kein Tropfen Erdöl fließen. Über Nacht gab er ein neues Ziel vor: Es ging nicht mehr um die Rettung der lahmenden Wirtschaft von Syracuse, sondern um die Rettung Amerikas – durch ein Modellprojekt grünen Unternehmertums.

Die hohen Kosten schrecken Congel nicht, im Gegenteil: Er erwartet „Mega-Profite“. Konzerne wie Intel, Cisco, Sony und Microsoft haben bereits ihre Beteiligung zugesagt. Weitere Partner wollen an der Entwicklung neuer Technologien mitwirken, die an der Kundschaft getestet werden sollen – Congel hat sich Teilrechte an allen Patenten gesichert. Eine Firma will eine drahtlose Technologie einsetzen, mit der man in den Läden ohne Bargeld einkaufen kann. Das Heimatschutz-Ministerium und ein Produzent für Sicherheitstechnik wollen Geräte testen, die Besucher beim Betreten und Verlassen der Mall automatisch erfassen.

DestiNY soll nichts weniger als „Amerikas Ferienziel Nummer eins“ werden – aber werden die Kunden wirklich von weither in ein Öko-Einkaufszentrum in der Provinz kommen? In Syracuse diskutieren die Menschen nun heftig, ob Congels Firma „Pyramid Companies“ die Finanzierung des Projekts wirklich hinbekommt und was dran ist an seinem Ziel, in der Region 200.000 Arbeitsplätze zu schaffen. Skeptiker fürchten, alles sei Hokuspokus, eine clever eingefädelte Verschwendung öffentlicher Gelder, die mehr Umweltprobleme schafft als löst. „Er ist gesetzlich nur zur Bebauung eines kleinen Teil des Grundstücks verpflichtet“, sagt John DeFrancisco, Bundessenator und wichtigster Mall-Kritiker. „Congel kann auch dann riesige Steuervorteile einstreichen, wenn er seine Ziele nicht verwirklicht.“

Während manche Umweltschützer Congels Ideen begrüßen, bleiben andere skeptisch: „Die Mall soll ohne fossile Brennstoffe auskommen – aber es werden enorme Mengen Treibstoff nötig sein, um die Besuchermassen dorthin zu transportieren“, bezweifelt Ashok Gupta vom Natural Resources Defense Council einen echten Gewinn für den Klimaschutz. „Das ist paradox.“ Zudem erscheint Congels Projekt geradezu post-ökologisch: Die Mega-Mall wird zu Füßen der Adirondacks liegen, einer attraktiven Berglandschaft. Das „Naturerlebnis“ der Besucher hingegen wird aus virtuellen Wiesen und Seen bestehen, samt Fluss-Imitation und einem fünf Stockwerke hohen künstlichen Berg.

Umweltschützer haben in den USA das Image von Schwarzmalern; Congel dagegen ist zweifellos ein Optimist: Er ist sich sicher, dass sein Land mit Unternehmergeist auch die Nach-Erdöl-Ära meistern wird. Der Weg in Amerikas Öko-Paradies wird nicht nur gepflastert sein – sondern voll verglast, klimatisiert und mit Läden auf jeder Seite.

AMANDA GRISCOM LITTLE, New York Times