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Der Sound-Kauz

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.18

Der Sound-Kauz

Text: Julia Lauter Foto: Julia Sellmann

Dominik Eulberg liebt die Natur. Und er liebt die Musik. Als DJ verbindet er beide Leidenschaften: Mit Sounds aus Wald und Feld bringt der Ökologe auf der ganzen Welt Menschen zum Tanzen – und die Goldammer in den Club

Manchmal muss man raus in den Regen, muss durch knöcheltiefen Matsch waten und regungslos im Schilf kauern, um die Liebe zu finden. „Das ist etwas ganz Besonderes“, flüstert Dominik Eulberg und schaut durch sein Spektiv in die Mitte des kleinen Sees hinter seinem Haus. Zwischen Graureihern, Stockenten und jeder Menge Blässhühnern steht ein mittelgroßer Vogel mit weißem Gefieder. „Löffler“, sagt er begeistert, und nochmal, leiser, „etwas ganz Besonderes.“ Eulbergs blondes Haar hängt ihm in die Stirn, er trägt es wie einen Hut, tief ins Gesicht gezogen, darunter die blauen Augen konzentriert zusammengekniffen. Das sei das erste Mal seit fast siebzig Jahren, dass dieser Vogel auf seiner Reise nach Afrika hier Halt mache, erklärt er. Der Beobachtete stolziert durch den Schlick des Weihers, schwenkt seinen Kopf gemächlich von links nach rechts und filtert dann mit seinem löffelförmigen Schnabel Futter aus dem Wasser. Eulberg nickt zufrieden und schaut vom Spektiv auf. „Unsere Liebe wird von der Natur nicht erwidert“, murmelt er. „Vielleicht ist gerade das das Schönste.“

Dominik Eulberg, 39, ist Ökologe – und DJ. Er tourt durch Clubs auf der ganzen Welt, sein Sound ist unverwechselbar: Eulbergs Musik malt Naturporträts mit Tönen und Beats. Die Titel seiner Stücke setzen den Rahmen: Der „Tanz der Glühwürmchen“, ein Track seines aktuellen Albums, steigt ein mit einem wummernden Bass, einem harten Beat. Der Klang ist düster, er treibt den Zuhörer vor sich her, in den Wald, ins Moor. Dann setzen sanft Hochtöne ein, die Percussions klingen wie die letzten Regentropfen, die nach einem Schauer von den Bäumen perlen. Zaghaft nähert sich von fern eine Melodie. Es sind die Glühwürmchen, die auf einer Lichtung auftauchen, plötzlich nah am Ohr des Zuhörers, wieder davonschweben und ihn weiter in den dröhnenden Wald locken. Das ist Eulbergs Zauberei: Augenblicke wie diesen in Musik zu übersetzen – um ihn dann mitten in Berlin, Hamburg, Paris oder London auferstehen zu lassen.

Eulberg selbst lebt abseits des Trubels, vor sieben Jahren zog er weg aus der Großstadt und wohnt seitdem wieder am Ort seiner Kindheit und Jugend, im Westerwald. Tiefe, nebelverhangene Schluchten, ausgedehnte Wälder, dazwischen, weit verstreut, ein paar kleine Ortschaften – wenn man die Natur nicht liebt, muss das die Hölle sein. Für Dominik Eulberg ist es das Paradies.

Sein Haus am Rand eines Naturschutzgebietes hängt voller Schaukästen mit Schmetterlings- und Käferexponaten, überall sind Vogelbilder und -skulpturen – wer je dachte, Eulbergs Vogelliebe sei ein Schachzug, um sich auf dem Massenmarkt der elektronischen Musik unverwechselbar zu machen, hier wird er eines Besseren belehrt. Es ist das Haus eines Schwärmers.

Anfang der Neunzigerjahre, Eulberg war 15 Jahre alt, begann er, mit Synthesizern zu experimentieren. „Damals habe ich kalte Musik gemacht, sehr artifiziell. Ich wollte völlige Disharmonie schaffen, alles musste anecken.“ Erst nach und nach wurde seine Musik organischer. Als Kind schon sei er von Wildtieren begeistert gewesen, lernte ihre Stimmen zu unterscheiden – unnötig zu erwähnen, dass ihn das nicht zum Rädelsführer unter den Altersgenossen machte. Unbeirrt vertiefte der Außenseiter seine Leidenschaften, studierte Ökologie, arbeitete in Nationalparks und feilte gleichzeitig an dem Sound, der sich klarer Kategorien entzieht, aber heute unverkennbar ist: elektronische Musik, die Natur-Epen erzählt. Von der liebestollen Goldammer, vom erhabenen Nachtflug des Ziegenmelkers und von der Jagd des hungrigen Bienenfressers.

Seit seinem Durchbruch Anfang der Zweitausenderjahre hat Eulberg sein Soundrezept immer weiter verfeinert: Etwa ein Drittel der Töne stammen heute von analogen, ein Drittel von digitalen Synthesizern, der Rest sind akustische Aufnahmen aus Eulbergs Umgebung und der Natur – auf einem noch namenlosen Track blubbert das Ausatmen eines Menschen unter Wasser im Hintergrund, darüber liegt ein Beat wie ein Herzschlag, das Klackern von Aluminiumstäben, das Prasseln des Regens auf dem Dach. „Melodien, die zu schön, zu lieblich sind, zerstöre ich. Meist lasse ich nur Fragmente übrig. Die Zuhörer denken sich die fehlenden Teile dazu, so entsteht das Sehnen“, sagt er. Techno-Dekonstruktion trifft auf das Rumoren der Natur, das Album, auf dem das hier Beschriebene erscheinen soll, wird „Mannigfaltig“ heißen – ein Tribut an all die Tiere, deren Leben man schnell übersieht, wenn man nie von ihnen gehört hat.

Ihnen will Eulberg eine Bühne bereiten. Wenn er durch den Wald stapft und über seine Herzensthemen spricht – die positive Wirkung der Natur auf den Menschen, den bevorstehenden Niedergang des von ihm so genannten „neoliberalen Systems“ – dann wirkt er zuweilen wie ein Biolehrer, der mit markigen Worten versucht, seine Schüler zu entflammen. Mit seiner Musik geht er andere Wege, spricht die Hörer nicht über den Kopf, sondern über den Bauch an: Naturkunde für Menschen mit Schulangst. Mit einem Track könne er 500.000 Leute erreichen, sagt Eulberg, mit einer ornithologischen Führung 50. Um den Wald und die Clubwelt näher zusammenzurücken, bietet der DJ dem Partyvolk nach seinen Auftritten oft Exkursionen in stadtnahe Naturschutzgebiete an. „Nach einer durchtanzten Nacht ist die Vernunft runter- und das Empfinden hochgefahren“, sagt Eulberg, „das ist der perfekte Zeitpunkt, um in der Natur zu sein.“

Auf seinem neu gegründeten Label Apus apus (lateinisch für den Mauersegler) möchte er in Zukunft ähnlich naturinspirierte Künstler zusammenbringen. Neben seinem neuen Album will er bald ein naturkundliches Buch veröffentlichen, er will eine Modelinie aus recycelter Baumwolle vermarkten, und mit Unterstützung des Chaos Computer Clubs entwickelt er Installationen, bei denen die Ultraschallrufe von Fledermäusen auf hörbare Frequenzen transformiert und von Eulberg gesampelt werden. Die Tage im Westerwald, sie werden dem DJ nicht lang.

Die Sonne verschwindet im Nebel, der Löffler im Schilf, Starenschwärme ziehen wie schwarze Wolken über den Weiher. Auf dem Rückweg zu seinem Haus zeigt Eulberg auf die rot leuchtenden Kronen der herbstlichen Laubbäume. „Wunderschön, aber auf den ersten Blick sinnlos“, sagt er. Für die Rotfärbung bilden die Bäume sogenannte Anthozyane – wozu dieser Kraftakt dienen soll, darüber wird bis heute gerätselt. Für Eulberg ist die Sache klar. Das Glühen das Waldes sei wie das Feuerwerk am Ende eines Festivals, sagt er, ein letzter Gruß der Natur: Es war schön, wir sehen uns nächstes Jahr. Dieser Zauber lasse sich nicht rein wissenschaftlich erklären, sagt Eulberg. „Das ist pure Freude.“

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