Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.15

Der Vatten-Fall

Text: Wolfgang Hassenstein

Der schwedische Staatskonzern Vattenfall will seine Braunkohlesparte in der Lausitz loswerden. Doch der Druck auf die Regierung in Stockholm wächst, die ungeliebte Tochter zu behalten – und möglichst viel Kohle in der Erde zu lassen

Bei der Einweihungsfeier für den Windpark DanTysk am 30. April zeigte sich Vattenfall-Chef Magnus Hall „stolz und zufrieden“. Weit draußen vor der Insel Sylt erzeugen künftig 80 riesige Turbinen Strom für 400.000 Haushalte. Sein Unternehmen leiste „einen wesentlichen Beitrag zur deutschen Energiewende“, sagte der smarte Manager im Beisein von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. „Zusammen sind wir dabei, die Energieversorgung umzubauen.“

Tatsächlich aber möchte er mit dieser Aufgabe lieber nicht zu viel zu tun haben: In der Lausitz stehen die Kraftwerke und Kohlegruben des schwedischen Staatskonzerns zum Verkauf, offiziell, um den Energieriesen ökologischer zu machen. Denn es gibt da eine kuriose Unwucht: Während die 9,6 Millionen Schweden 2013 im eigenen Land gerade mal 45 Millionen Tonnen CO2 ausstießen, emittiert Vattenfall mit jährlich 88 Millionen Tonnen doppelt so viel des Klimagases – zwei Drittel davon in der Lausitz.

Der Plan, sich von der Braunkohle zu trennen, klingt da zunächst plausibel. Dennoch werden in Schweden die Stimmen lauter, die fordern, Vattenfall solle das Lausitz-Geschäft behalten – und seinen Umbau vorantreiben.

Weil der Konzern, anders als die deutschen Stromriesen, zu hundert Prozent dem Staat gehört, ist er auch den Nachhaltigkeitszielen der Regierung verpflichtet. Der Schutz des Klimas ist in Schweden ein großes Thema, der Umgang mit der Lausitz-Kohle war Gegenstand von TV- und Wahlkampfdebatten. Die Hoffnung ist also nicht unbegründet, dass neben finanziellen Zielen auch Gewinne für die Umwelt zählen – zumal Schweden seit 2014 rot-grün regiert wird.

Doch im April stellte die Revisionsbehörde des schwedischen Reichstags dem Unternehmen ein vernichtendes Urteil aus: Vattenfall tue nicht genug für die Energiewende, kritisierten die „Riksrevisionen“. Die Messlatte müsse die EU-weite Minderung der Treibhausgase sowie das Zwei-Grad-Ziel der Erderwärmung sein. Der Verkauf der Lausitz-Kohle aber würde das Problem einfach auf ein anderes Unternehmen verlagern.

Ob sich damit noch einen vertretbarer Preis erzielen lässt, ist ohnehin fraglich. Vor allem die Ankündigung der „Klimaabgabe“ für alte Kohleblöcke, mit der Berlin seine Klimaziele retten will, kam ungelegen. Angesichts der immer klarer werdenden Auswirkungen des Klimawandels und der jüngsten Erfolge der „Divestment“-Kampagne erscheinen Investitionen in fossile Energieträger zunehmend riskant. Ein Großteil der Braunkohle muss in der Erde bleiben.

Auch Vattenfall-Chef Hall glaubt offenbar nicht mehr recht an den Verkauf. Die Lausitz stehe „vor einem fundamentalen strukturellen Wandel“, sagte er kürzlich Spiegel Online. „Es gibt in der Region ein wachsendes Bewusstsein, dass die Arbeitsplätze im deutschen Kohletagebau früher oder später verschwinden werden.“ Will er nun doch Verantwortung übernehmen?

Greenpeace hat ungefragt schon mal einen Kohle-Ausstiegsfahrplan für Vattenfall vorgelegt – und rät, in der Lausitz kräftig in Erneuerbare zu investieren.