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Deutschlands schmutzige Wahrheit

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.13

Deutschlands schmutzige Wahrheit

Im Land der Energiewende laufen die Kohlekraftwerke auf Hochtouren. Industrie und Politik vermarkten die Klimakiller als „Brückentechnologie“ und werben sogar für Neubauten. Tatsächlich blockieren sie den Umbau zur sauberen Stromversorgung. Die himmelblauen neuen Blöcke des Braunkohlekraftwerks Grevenbroich-Neurath stehen da wie gigantische Elektrogeräte. In ihrem Innern lodert ein tausend Grad heißes Feuer, draußen ist nur ein Surren zu hören. Die beiden Kesselhäuser überragen mit 173 Metern sogar den Kölner Dom, es sind die höchs­ten der Welt. Das Kraftwerk sei „ein Paradestück innovativer Ingenieurskunst“, wirbt der Betreiber RWE, verglichen mit Altanlagen gleicher Leistung „spare“ es jährlich sechs Millionen Tonnen CO2. Nicht so laut sagt der größte deutsche Stromkonzern, dass sein Wunderwerk trotzdem 16 Millionen Tonnen Treibhausgas im Jahr freisetzt. In Sichtweite stehen zwei weitere RWE-Riesen, zusammen emittieren die drei Anlagen mehr als die Schweiz. Der Neustart in Neurath trug entscheidend dazu bei, dass sich 2012 erstmals seit Jahren die deutsche Treibhausgasbilanz verschlechterte – eine irri­tierende Nachricht aus der Öko-Republik, die so gerne Vorbild sein möchte. Vom „dreckigen Geheimnis“ der Europäer schrieb die Washington Post, „Merkels grüne Wende scheitert an sprunghaft steigender Verschmutzung“, titelte die Wirtschaftsagentur Bloomberg. Doch mit dem Atomausstieg, den viele für die Ursache halten, hat der aktuelle Kohleboom gar nichts zu tun: Die Erneuerbaren sind in den letzten Jahren so schnell gewachsen, dass sie neben den abgeschalteten Atomreak­toren auch einige Kohlekraftwerke hätten ersetzen können. Stattdessen aber laufen die Kohlemeiler auf Hochtouren – und erzeugen riesige Überschüsse. 2012, ein Jahr nach der Stillegung von acht AKWs nach der Katastrophe von Fuku­shima, exportierte Deutschland netto 23 Terawattstunden Strom – so viel wie nie zuvor. In diesem Jahr verstärkt sich der Trend sogar noch. Auch in der Lausitz ging 2012 ein Braunkohleblock ans Netz, und bald folgen mehrere Steinkohlekraftwerke – so viele neue Meiler entstanden seit zwei Jahrzehnten nicht. Gleichzeitig überschwemmt billige Steinkohle aus den USA den europäischen Markt, weil dort Fracking-Gas Kohle aus dem Strommix verdrängt. Der wichtigste Treiber des Kohlebooms aber ist von der Politik hausgemacht: Der Emissionshandel, vor sechs Jahren unter hohen Erwartungen als zentrales europäisches Klimaschutzinstrument gestartet, liegt am Boden, weil Brüssel unter dem Druck der Industrie viel zu viele Verschmutzungsrechte verteilt hat. Der Ausstoß einer Tonne CO2 kostet derzeit so viel wie ein Päckchen Zigaretten – um lenkend zu wirken, müsste ein Zerti­fikat zehnmal teurer sein. Kohle zu verbrennen ist nach wie vor eine extrem billige Form der Energiegewinnung. Dabei passt der Stoff, der die industrielle Revolution, zwei Weltkriege und das deutsche Wirtschaftswunder befeuert hat, eigentlich nicht mehr in unsere Zeit. Kohle wird dem Boden so rabiat entrissen wie kaum ein anderer Rohstoff. In Ländern wie den USA, Russland und Kolumbien, aus denen Deutschland einen Großteil seiner Steinkohle importiert, hat die Förderung schwerwiegende Folgen für Mensch und Umwelt. Während die letzten deutschen Steinkohlezechen schließen, verschlingen in den Braunkohlerevieren – durch indirekte Subventionen weiter massiv gefördert – noch immer riesige Schaufelräder ganze Landschaften und Dörfer. Von den Tagebauen bringen dutzende Züge pro Tag den Billigbrennstoff zum Kraftwerk. Dort machen große Wolken über den Kühltürmen ein unlösbares Problem weithin sichtbar: Selbst in Neuanlagen verpufft mehr als die Hälfte der Energie ungenutzt. Zwar behaupten die Betreiber gerne, aus den Kühltürmen steige nur harmloser Wasserdampf in den Himmel. Tatsächlich aber quellen aus deutschen Kraftwerken trotz teurer Filteranlagen hunderttausende Tonnen Schwefeldioxid und Stickoxide, die in der Luft winzige Staubpartikel bilden und sich weiträumig verteilen. Feinstäube, warnt die Weltgesundheitsorganisation, dringen über die Lunge in den Blutkreislauf ein und können Asthma, Herzinfarkte und Lungenkrebs verursachen. Hinzu kommen zehntausende Kilogramm giftiger Schwermetalle wie Quecksilber, Arsen und Blei. Wissenschaftler der Universität Stuttgart haben im Auftrag von Greenpeace die Folgen in drastischen Zahlen sichtbar gemacht: Die Emissionen der deutschen Kohlekraftwerke führen alljährlich zum Verlust von 33.000 Lebensjahren, das entspricht dem vorzeitigen Tod von 3100 Menschen. Zwar lassen sich die Opfer nicht wie bei einem Verkehrsunfall direkt einem Verursacher zuordnen. „Rechnerisch aber ergeben sich allein für die neuen Blöcke in Neurath, die nicht weit von Köln und Düsseldorf stehen, 214 vorzeitige Todesfälle pro Jahr“, sagt Greenpeace-Experte Gerald Neubauer. Hinzu kommen enorme CO2-Emissionen. Das Verhältnis von Stromausbeute zu Treibhausgasausstoß ist bei Kohle schlechter als bei jedem anderen Energie­trä­ger – und bei Braunkohle noch schlechter als bei Stein­kohle. Deutschland hält dabei einen traurigen Welt­rekord: Unvorstellbare 180 Millionen Tonnen Braun­kohle werden hierzulande pro Jahr verfeuert – das entspricht der Masse von 620.000 Airbus-Riesen A380. Die Konzerne aber klagen, scheinbar paradox, trotz des Booms über sinkende Erlöse und Aktien­kurse. Noch vor kurzem konnten sie ihren Strom in den verbrauchsstarken Mittagsstunden besonders profitabel verkaufen, nun drücken Solar- und Windstrom die Börsenpreise. RWE, Eon und Co. wollen deshalb 15 unrentabel gewor­de­ne Kraftwerke abschalten und „drohen“ mit weiteren Still­legungen. Tatsächlich ist es mit der friedlichen Ko­­exis­tenz von alter und neuer Stromwelt inzwischen vorbei. Deshalb verteidigen die alten Platzhirsche, die bisher kaum in Erneuerbare investiert haben, immer verbissener ihre Macht und Marktanteile. Da werden alte Seilschaften aktiviert, PR-Agenturen beauftragt und Ängste vor Stromlücken und unbezahlbaren Preisen geschürt – alles mit dem Ziel, wenn schon nicht die AKWs, doch wenigstens die Kohle möglichst lange am Netz zu halten. Im Ringen um ein neues Marktdesign für die Strombranche fordern nun jene „mehr Wettbewerb“, die jahrzehntelang Milliardensubventionen erhielten – und die für Folgekos­ten durch den von ihnen angeheizten Klimawandel, für Atommüllentsorgung und Gesundheitsschäden wohl niemals werden zahlen müssen. Unverdrossen werben auch die selbst ernannten Energie­wende-Parteien CDU und SPD für neue Kohlekraftwerke – obwohl die nicht nur klimapolitisch in die Sackgasse führen, sondern auch ökonomisch. Christian von Hirschhausen, Forschungsdirektor am Deutschen Insti­tut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW), hat die Perspektiven durchgerechnet. „Aufgrund hoher Inves­titionskos­ten und abnehmender Volllaststunden führt ein Kraftwerksneubau zu Verlusten in Höhe mehrerer hundert Millionen Euro“, ergab seine Studie von 2012. Weil die bestehenden Tagebaue noch genug Kohle enthielten, seien neue Aufschlüsse nicht nötig. Der Braunkohle-Lobbyverband Debriv reagiert auf Kritik mit aggressiver Rhetorik, die so altmodisch wirkt wie die Branche selbst. Greenpeace „vergifte“ die Ener­gie­debatte durch Desinformation, schimpft er, die DIW-Studie sei „vollkommen missraten“. Hirschhausen habe bei künftigen CO2-Preisen und der erwarteten Auslas­tung neuer Kraftwerke falsche Annahmen getroffen. Debriv dagegen sei „überzeugt, dass der Anteil der Braunkohle an der Stromversorgung über die nächsten zwei Dekaden auf hohem Niveau bleiben und auch danach perspektivisch nicht schlagartig zurückgehen wird.“ Doch für den Klimaschutz wäre das der GAU. In den Szenarien, die dem Energiekonzept der letzten Bundesregierung zugrunde liegen, sinken die Anteile von Braun- und Steinkohle im Strommix schon in den 2020er- und 30er-Jahren deutlich. Bis 2050 sollen die CO2-Emissionen um 80 bis 95 Prozent zurückgehen, den Rest ist für Industrien reserviert, die Treibhausgas­emissionen kaum vermeiden können. Eine Weile hoffte die Kohlebranche darauf, das anfallende CO2 künftig im Untergrund verpressen zu können, doch dieser Plan ist aufgrund hoher Kosten und mangelnder Akzeptanz de facto vom Tisch. Nun passt das Ganze hinten und vorne nicht: Um sich zu rentieren, müssen neue Kraftwerke mindes­tens 40 Jahren laufen – also bis weit in die zweite Hälfte des Jahrhunderts hinein. Auch den Betreibern ist aber klar, dass ihre Großkraftwerke künftig immer weniger zur Deckung einer stabilen Grundlast gebraucht werden, sondern zunehmend als Back-up für wind- und sonnenarme Tage. Ungefragt drängt sich die Braunkohlebranche den Erneuerbaren plötzlich als idealer „Partner“ auf. Neubauten und umgerüs­tete Altanlagen seien so flexibel, dass sie Schwankungen im Netz ausgleichen könnten, erklärt sie. Doch damit ist es nicht weit her, ergab im August eine Analyse des Fraunhofer-Instituts für Solare Energie­systeme. Im ersten Halbjahr 2013 liefen die Braunkohlekraftwerke selbst dann noch mit einer Auslastung von bis zu 73 Prozent, als viel Ökostrom im Netz den Börsen­preis ins Negative drückte. Der überschüssige Strom wurde zu Dumpingpreisen exportiert. Zwar lässt sich die Leistung von Neuanlagen stärker und schneller redu­zieren als die von Altanlagen. Aber die Flexibilität hat kontruktionsbedingte Grenzen: Wird ein Kraftwerk ganz abgeschaltet, dauert das Wiederanfahren einen halben Tag – also lässt man es lieber laufen. Umweltschützer und Ökonomen fragen sich nun, wie der Kohlerückfall gestoppt werden kann. Ausgerechnet die USA werden plötzlich zum Vorbild: Präsident
Barack Obama plant gerade strenge Emissionsgrenzwerte, die neue Kohlekraftwerke ohne CO2-Abscheidung faktisch unmöglich machen. Dass in Europa der Emis­sions­­handel gegen den Widerstand der Industrie rechtzeitig so gestärkt werden kann, dass er die nötige Lenkungswirkung entfaltet, gilt hingegen als unwahrscheinlich. Greenpeace wirbt deshalb für ein „Kohleausstiegsgesetz“ – und hat schon mal einen konkreten Abschaltplan ausgearbeitet. „Den Atomausstieg haben wir bewusst als Vorbild genommen“, sagt Campaigner Gerald Neubauer. „2030 muss das letzte Braunkohlekraftwerk und 2040 der letzte Steinkohleblock vom Netz.“ Für die Ener­giewende verspricht er sich davon mehrfach positive Effekte. Die Klimaziele wären wieder erreichbar. Die Strompreise an der Börse würden steigen und damit die EEG-Umlage zur Finanzierung der Ökostrom­anlagen sinken. Und vielleicht das Wichtigste: Es gäbe eine Planungs­sicherheit für den Bau von Gaskraftwerken. Die sind nämlich als „Partner“ für Wind und Sonne und fossile Brückentechnologie ungleich besser geeignet als Kohlemeiler, denn sie lassen sich vollständig rauf- und runterfahren. Auch verbrennt Gas sauberer und erzeugt pro Kilowattstunde dreimal weniger CO2 als Kohle. Doch derzeit werden Gaskraftwerke in der Logik des Marktes zwischen vorrangig eingespeistem Ökostrom und billiger Braunkohle aus dem Markt gedrängt. Der Umweltrat der Bundesregierung plädiert angesichts dieser Schieflage dafür, erst einmal das Denken zu verändern. Die aktuelle Lage solle man nicht als Krise der Erneuerbaren begreifen, sondern als „Übergangskrise der konventionellen Energien“. Es gehe nun vor allem da­rum, den Kraftwerkspark zu flexibilisieren – durch Bio­­gasanlagen etwa, die nur bei Bedarf anspringen, durch neue Speichertechnologien und eben neue Erdgaskraftwerke. Die Kohle-Überkapazitäten hingegen müssten abgebaut werden. Denn: „Eine Energiewende, die den Energieträger Kohle verschont, wird scheitern müssen.“ Text: Wolfgang Hassenstein Devastierung Früher verwüsteten Kriege, Seuchen oder Brände ganze Ortschaften. Heute ist die Fremdwortversion von Ver­wüs­tung ein Fachbegriff für den Abriss von Dörfern, die dem Braunkohle­tagebau im Weg stehen. Ewigkeitskosten „Pumpen für immer“ heißt es in Duisburg-Walsum und im saarländischen Reisbach. Infolge des Steinkohleabbaus unter Tage sind viele Orte unter den Grundwasserspiegel gesackt. Ohne stetes Pumpen wäre das Ruhrgebiet eine Seenlandschaft. Auf 13,1 Milliarden Euro schätzen Experten die Dauerbergschäden durch Stein­kohle. Auch Braunkohletagebaue können in der Ewigkeit teuer werden, wenn etwa ein Seeufer abrutscht. Bergbaufolgelandschaft Der Braunkohleabbau hat in Deutschland bisher etwa 1600 Quadratkilometer Erdoberfläche für immer verändert – ein Gebiet größer als Berlin. Tagebaurestlöcher werden zwar auch verfüllt, meist jedoch geflutet: Seen sind die billigste Form der Rekultivierung. Doch darin ist Baden meist kein Spaß, weil sie infolge von Verwitterung unter anderem mit Schwefel belastet sind. Allgemeinwohl Eine Zwangsenteignung ist zulässig, wenn sie der Versorgung des Marktes mit Rohstoffen, der Erhal­tung von Arbeitsplätzen, der Wirtschaft oder dem planmäßigen Abbau der Lagerstätte dient – kurz gesagt: „dem Wohle der Allgemeinheit“. (§ 79, Bundesberggesetz) Inanspruchnahme Die Opfer nennen es Ab­­baggern. Bergbau­konzerne und Behörden nehmen lieber Land in Anspruch. Vorzeitige Besitzeinweisung Steht die Förderbrücke schon vorm Gartentor des widerspenstigen Bürgers und die Ent­eignung zieht sich zu sehr in die Länge, dann kann der Bergbaukonzern auf Antrag schon mal losbaggern und den Eigentümer finanziell entschädigen. Sollte
der später Recht be­kommen, sind Haus und Hof leider schon weg. (§ 97, Bundesberggesetz) Setzungsfliessen Wassergesättigte Kippen können sich spontan verflüssigen und unter der eigenen Last zu­­­­sammenbrechen – zum Beispiel wenn das Jahrzehnte lang abgepumpte Grundwasser nach Tage­bau­ende wieder an­­steigt oder ein Restloch ge­­­flu­tet wird. Dabei brechen Böschungen in Minutenschnelle weg und reißen oft hunderte Meter Hin­­terland – im schlimms­ten Fall auch Menschen – in die Tiefe. Capture-Ready Neu gebaute Kohlekraftwerke wie in Hamburg-Moorburg seien „Capture-Ready“, heißt es – also bereit, CO2 abzufangen. Das bedeutet nicht viel mehr, als dass auf dem Gelände viel Platz für eine CO2-Abscheidungsanlage freigelassen
wird – die mit größter Wahrscheinlichkeit niemals realisiert wird. VOM URZEITWALD BIS INS KRAFTWERK Kohle ist uralte gespeicherte Sonnenenergie. Vor 345 bis 280 Millionen Jahren entstand die Steinkohle. Sumpfige Urwälder aus riesigen Baumfarnen und Schuppenbäumen wurden wiederholt überflutet, die Biomasse von Schlamm und Sand überlagert und im Laufe der Zeit zu Kohle gepresst. Braunkohle ist mit 60 bis 5 Millionen Jahren deutlich jünger. Dreimal von der Erde zum Mond und zurück reicht Der globale Kohlezug des Jahres 2012. Allein der Zuwachs gegenüber 2011 umspannt den halben Äquator. 120 000 Menschen haben seitden 20er-Jahren, als der großflächige Abbau in Deutschland began, durch Braunkohlebagger ihre Heimat verloren. Tausenden droht dieses Schicksal noch.  280 Kilogramm Braunkohle pro Sekunde landen im Kessel eines Kraftwerks. 57 Prozent der in der Kohle enthaltenen Energie gehen auch in Neuanlagen bei der Umwandlung von Wärme in Strom in Form riesiger Dampfwolken verloren CHINA 2000 chinesische Bergleute starben 2011 laut offiziellen Angaben bei
Grubenunglücken
Notbremse im Reich der Mitte "In China geht doch sowieso im Wochentakt ein neues Kohlekraftwerk ans
Netz", heißt es oft. Tatsächlich überlagert der Kohleboom in Asien seit langem die bescheidenen Klimaschutzerfolge der EU. China verfeuert heute 40 Prozent der Kohle. Doch nun setzt in der Staatsführung offenbar ein Umdenken ein. Anlass ist die extreme Luftverschmutzung, die Millionen Menschen krank macht und wütende Proteste entfacht. Zu Jahresbeginn lagen große Teile Chinas wochenlang im Smog, in Peking übertraf die Feinstaub­belas­tung den WHO-Grenzwert teils um das 30-fache. Die Stadt be­schloss deshalb einen radikalen Schritt: Der Kohleverbrauch soll binnen fünf Jahren um mehr als die Hälfte sinken. Auch die bevölkerungsreiche Provinz Guangdong plant deutliche Einschnitte. Chinas Kohleimporte gehen seit kurzem zurück. Zugleich steigen die Inves­titionen in Erneuerbare: China überholt gerade Deutschland beim Aufbau von Solaranlagen. Bestätigt sich der Trend, ergäben sich neue Chancen für den globalen Klimaschutz. Ermutigende Signale gibt es auch aus den USA, der zweitgrößten Kohle­nation: Präsident Obama plant strenge CO2-Grenzwerte für neue und später auch für alte Kraftwerke – die Industrie spricht schon von einem „Krieg gegen die Kohle“. KOHLEREPUBLIK DEUTSCHLAND Förderung in deutschen Revieren in Millionen Tonnen Braunkohle 2011: 176,5  2012: 185,4 Braunkohle wird im Tagebau gewonnen und wegen des schlechten Brennwerts ganz in der Nähe verfeuert. Neue Tagebaue und Umsiedlungen sind geplant, obwohl Ökonomen ihren Nutzen bezweifeln. Anteil an der Strom-erzeugung 2012: 25,7 Prozent. Steinkohle 2011: 12,3  2012: 11,1 Die letzten Zechen schließen 2018. Seit 1970 flossen laut Greenpeace Energy 311 Milliarden Euro an staatlichen Fördergeldern – fünfmal mehr als bisher für erneuerbare Energien. Einsickerndes Grubenwasser muss „auf ewig“ abgepumpt werden. Anteil der Steinkohle (inklusive Importe) an der Stromerzeugung 2012: 18,5 Prozent. Steimkohle-Importe nach Deutschland in Millionen Tonnen USA 2011: 7,7 2012: 10,4 Exportkohle wird im artenreichen Appalachen-Gebirge besonders brachial abgebaut: Schon 500 Bergspitzen wurden weggesprengt, um an die Kohleschichten zu ge­­langen, und der Abraum in Täler verfüllt („Mountain Top Removal“). RUSSLAND 2011: 9,7 2012: 10,0  Russische Exportkohle stammt meist aus Tagebauen im sibirischen Kusnezbecken. Luft, Wasser, Böden und Lebensmittel sind dort mit Feinstaub und Schwermetallen belastet. Das Gebiet des kleinen Volks der Schoren wird verwüstet. KOLUMBIEN 2011: 10,4 2012: 8,5 DAs LAnd ist heute einer der Hauptlieferanten Deutschlands. Für den Mega-Tagebau El Cerrejón haben internationale Konzerne afrokolumbianische und indigene Dörfer umgesiedelt und nicht angemessen entschädigt, die Region blieb bitterarm. ANDERE LÄNDER 2011: 13,5 2012: 12,1 Deutschland bezieht Steinkohle von allen Kontinenten. In Südafrika vergiften Minen Flüsse und Grundwasser, InAustralien bedrohen Kohlehäfen das Great Barrier Reef. Mehr Information im Dossier "Bitter Coal" von FIAN und Urgewald.