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Die Abrüster

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.14

Die Abrüster

Text: Kurt Stukenberg Fotos: Enver Hirsch

Versteckt in einem Kiefernwald in der Lüneburger Heide liegt eine weltweit einmalige Anlage zur Zerstörung von Chemiewaffen. Ab Juni werden hier Giftgasbestände aus Syrien angeliefert. Bis dahin arbeiten die 140 Spezialisten an der Beendigung des Ersten Weltkriegs

Der Tod wird in einer mattweiß lackierten Kugel transportiert. Auf einen knapp anderthalb Meter langen Anhänger montiert, schleicht er im Schritttempo durch die Lüneburger Heide. Als das mit einem mehrstufigen Sicherheitssystem ausgestattete Gefährt vor einem flachen, sechseckigen Gebäude zum Halten kommt, stehen Ralf Müller und Klaus-Ulrich Kendzia schon bereit. Sie tragen weiße Ganzkörperschutzanzüge, gelbe Gummihandschuhe und Gasmasken.

Denn in dem schweren Eisenstutzen, den sie zutage fördern, als sie die Kuppel öffnen, liegt eine deutsche Granate aus dem Ersten Weltkrieg, die mit dem chemischen Kampfmittel Lost bestückt ist. Die Flüssigkeit, auch unter dem harmlos klingenden Namen Senfgas bekannt, ist einer der gefürchtetsten Stoffe, die je entwickelt wurden. Wenn er mit der Haut in Kontakt kommt oder eingeatmet wird, werden Körper und Lunge verätzt. Der Tod in Tröpfchenform. Von der Gefahr spürt man an diesem Mittwochvormittag Anfang April ziemlich wenig. Müller und Kendzia sind so gelassen, als würden sie einen Kasten Bier aus dem kugelförmigen Spezialtransporter für Explosivstoffe herausheben.

In den nächsten Minuten werden die beiden Herren Ende 50 die Granate zusammen mit einem Kollegen in dem Gebäude, das in der Fachsprache Delaborierstand heißt, aufsägen und den Kampfstoff zur Vernichtung vorbereiten. Die Aufgabe ist für sie Routine. Müller und Kendzia sind Munitionsfacharbeiter und arbeiten bei der Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten (Geka) in Munster, rund 80 Kilometer südlich von Hamburg. Das Betriebsgelände ist mitten hineingesetzt in einen dichten Kiefernwald im flachen Heideland. 140 Angestellte nehmen hier im Schichtbetrieb den weltweit geächteten C-Waffen ihren Schrecken. Hier werden rund um die Uhr Artilleriegeschosse, Flugmunition, Bomben und Granaten in ihre Einzelteile zerlegt, die Stoffe behandelt und entsorgt. Den Großteil ihrer Arbeitszeit betätigen sich die Anlagenfahrer, Chemiemeister, Schlosser, Munitionsfacharbeiter und Feuerwerker als eine Art praktische Historiker: In den zehn Bunkern auf dem Areal lagern noch immer Rüstungsaltlasten aus den großen europäischen Kriegen des 20. Jahrhunderts und es vergeht kaum eine Woche, in der nicht neue Fundmunition aus dem ganzen Bundesgebiet per Transport bei der Geka eintreffen. Es wird noch mehrere Jahrzehnte dauern, bis der erste Weltkrieg auch in Munster vorüber  ist.

Etwas abseits vom Geschehen und mit sichtlichem Respekt vor der Arbeit seiner Kollegen steht Jan Gerhard. Der gescheitelte Vierzigjährige mit randloser Brille und einem Aktenmäppchen unterm Arm ist Kaufmännischer Geschäftsführer der Geka. Die drei Spezialentsorgungsanlagen vor Ort seien weltweit einzigartig, erzählt er. Die Firma befindet sich im Besitz des Bundes und wird vom Verteidigungsministerium verwaltet. Mit dem Budget von 18 Millionen Euro, die der Staat jährlich überweist, können Gerhards Kollegen nicht nur alte Chemiewaffen untersuchen und entsorgen, sondern auch konventionelle Munition in einem Sprengofen vernichten und verseuchtes Erdreich reinigen. Hinzu kommen Aufträge von der Bundeswehr und privaten Rüstungskonzernen, die gegen Gebühr Kampfmittel entsorgen lassen, deren Verfallsdatum überschritten ist.

Die Sonderstellung hat der Firma nun einen Spezialauftrag eingebracht: Die Geka soll vermutlich ab Mitte Juni den Krieg in Syrien entschärfen. Dann nämlich treffen in Niedersachsen die Reste des syrischen Chemiewaffenarsenals ein, um dort vernichtet zu werden.

Seit 2011 tobt in dem Land ein Krieg zwischen Aufständischen und der syrischen Armee. Bis April 2014 sind nach Schätzungen mindestens 150.000 Menschen getötet worden, es sind mehr als sechs Millionen innerhalb Syriens auf der Flucht, rund 2,6 Millionen haben Schutz im Ausland gesucht. Als im August 2013 unter bis heute nicht restlos geklärten Umständen in der Nähe von Damaskus Geschosse mit dem chemischen Kampfstoff Sarin detonierten, erreichte der Konflikt seinen vorläufigen Höhepunkt: Tief in der Nacht soll ein von Rebellen kontrolliertes Gebiet mit Giftgas bestückten Boden-Boden-Raketen beschossen worden sein. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen sprach von mehreren tausend Verletzten, die mit Vergiftungserscheinungen in die örtlichen Krankenhäuser eingeliefert wurden. Die Attacke löste internationale Empörung aus. Kurze Zeit drohte gar ein Militärschlag der USA und der Nato. Doch durch eine  Initiative Russlands ließ sich Syriens Machthaber Baschar al-Assad schließlich überzeugen, sein C-Waffen-Arsenal zu vernichten und die Produktionslagen unter internationale Aufsicht zu stellen. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) bot an, Deutschland könne bei der Entsorgung der Waffen helfen. Gemeint hat er die Geka in Munster. So kam die Weltpolitik in die Lüneburger Heide.

„Entschuldigen Sie, dass ich jetzt so ins Schwärmen komme“, sagt Gerhard, „aber jetzt wird das Know-how, das wir hier über Jahre entwickelt haben, noch mal auf eine ganz neue Stufe gehoben.“ Dabei war das ausländische Interesse an der Geka schon in der Vergangenheit groß: Gerhard empfing in den letzten Jahren Delegationen aus ganz Europa, aus Vietnam, Japan, China, Russland und Libyen. Die  Vernichtung des syrischen Arsenals ist für die Firma aber der erste große internationale Auftrag. Es umfasst etwa 1350 Tonnen Kampfstoffe, darunter 850 Tonnen Lost und entsprechende chemische Komponenten.

„Senfgas ist für mich nichts Neues mehr“, erzählt Norbert Seiffert. Der 58Jährige, Blaumann-Hose, Goldkettchen, ist Herr über die Säge- und Fräsmaschinen im Delaborierstand im Norden des Geka-Komplexes. „Nach 13 Jahren macht mir hier keiner mehr was vor“, sagt er. Seine Kollegen Ralf Müller und Klaus-Ulrich Kendzia haben sich inzwischen umgezogen und Zodiaks, dichtere Schutzanzüge aus Gummi, übergestreift. Die verrostete Chemiegranate haben sie vorsichtig in eine Einfassung manövriert. Seiffert wird sie gleich per Fernsteuerung aus der Leitzentrale mit den bis zu 50 Zentimeter großen Schneideblättern erfassen und in zwei Teile spalten. „Na, dann woll’n wir mal“, sagt er. Auf Knopfdruck ergießt sich Kühlwasser auf die Zähne der Fräse, die langsam durchs Metall gleitet. Die abgeschirmte Kontrollkammer erreicht dabei nur die Geräuschkulisse eines Zahnarztbohrers. Nach sechs Minuten glitzert die giftige Flüssigkeit an der Oberfläche des Bombenkelchs, gut sichtbar auf den zehn Monitoren, mit denen Seiffert alles im Blick behält. „Die Zeit muss man sich schon nehmen“, sagt er. „Bloß keine Eile, wir sind hier schließlich keine Schokoladenfabrik.“

Er weiß, wovon er spricht. Noch bis vor ein paar Jahren hielt er selber die Granaten in den Händen. „Die können dir jederzeit um die Ohren fliegen.“ Einmal ist es dann auch so passiert: Der Phosphor einer Brandstoffgranate hatte durch Kontakt mit der Luft reagiert. Binnen Sekunden stand Seifferts Schutzanzug in Flammen, er rannte ins Freie, wo ihn Kollegen ablöschten. „Du darfst nie den Respekt vor den Dingern verlieren“, sagt er.

Im Vergleich zu der Arbeit, die die Bombenkonstrukteure des Ersten Weltkriegs den Männern von der Geka bis heute hinterlassen haben, machen es die Syrer den Spezialisten geradezu leicht. Ulrich Stiene nimmt sich eines der roten  Dienstfahrräder, die zahlreich überall an den Gebäuden lehnen. Er wuchtet seinen Rucksack  in den Gepäckträger und führt schiebend ein paar Meter über das Gelände zu einem quadratischen Gebäude mit grüner Wellblechfassade. Stiene ist Leiter der Kampfmittelbeseitigung bei der Geka und muss ein bisschen schmunzeln über das Interesse der Besucher. „Das ist doch letztlich ein Stoff wie jeder andere“, sagt der 54-Jährige. Eine Vorzugsbehandlung gibt es für das syrische Gas trotz der internationalen Bedeutung bei ihm nicht.

Und tatsächlich erinnert das Rohrende mit Einfüllventil, das aus einer braunen Backsteinwand ragt, eher an einen Löschwasseranschluss für Feuerwehrschläuche denn an ein komplexes Entsorgungssystem für chemische Kampfstoffe. Hinter der Wand endet die Leitung in einer sieben Kubikmeter fassenden Ausbrennkammer. Ab Juni soll hier pro Stunde etwa 200 Liter sogenanntes Hydrolysat hineingesprüht werden, das dann in Schiffscontainern auf dem Innenhof steht. Die Flüssigkeit wird mehrere Stunden bei 1000 Grad verbrannt, zurück bleiben nur Salze. Der Rest des syrischen Chemiearsenals entweicht als Wasserdampf durch den weißrot gestreiften Schornstein auf dem Dach des Gebäudes. Dass der Entsorgungsprozess in Munster kaum mehr als ein paar Handgriffe erfordert, sei auch das Verdienst der Amerikaner, erklärt Stiene. US-Militärs liegen zurzeit mit der „Cape Ray“ vor der syrischen Küste im Mittelmeer vor Anker. Auf dem Spezialschiff werden die Kampfstoffe vorbehandelt, sodass sie gefahrlos nach Deutschland transportiert werden können. 

Donnerstag, 22. April 1915: Tagelang hatten die Generäle die Vorhersagen studiert und immer wieder gezögert, abgewogen. Dann endlich stand der Wind günstig. Auf Initiative des deutschen Chemikers Fritz Haber waren zuvor 150 Tonnen Chlorgas, in 6000 Stahlflaschen gepresst, an die Front vor der flämischen Stadt Ypern geschafft worden. Um 18 Uhr wurden sie geöffnet und so das Gas auf die gegnerischen Truppen losgelassen. Die französischen Frontlinien brachen schlagartig auf und das Zeitalter der Massenvernichtungswaffen war eingeläutet. Bei dem ersten großen Chemiekampfmitteleinsatz der Geschichte wurden mindestens 1200 Menschen vergiftet. Eine Zäsur in der Militärgeschichte.

Entwickelt und getestet wurden die Stoffe auch in Munster. Schon während des Ersten Weltkriegs wurden hier Versuchs-und Produktionsanlagen für C-Kampfstoffe betrieben. Noch heute sind im Hotel „Grenadier“ am Dorfausgang bis tief in die Nacht die Gewehrsalven des Truppenübungsplatzes zu hören, der in direkter Nachbarschaft zum Gelände der Geka liegt.

Bereits 1916 kontern die Franzosen den deutschen Angriff mit dem sechsmal tödlicheren Kampfstoff Phosgen. Schon bald hageln tausendfach Granaten und Artilleriegeschosse mit Phosgen, Chlorpikrin und Arsenverbindungen auf die Schlachtfelder. Gasmasken gehen in Serienproduktion. Schließlich entwickeln die Deutschen den Stoff Lost. Jenen Chemiecocktail, der nach seinen zwei Erfindern, Mitarbeitern Fritz Habers, benannt ist und nun, beinahe hundert Jahre später, aus Syrien gewissermaßen zurück an seinen Ursprungsort gebracht wird. Dass die Fracht ausgerechnet im Nordosten Niedersachsens eintrifft, hat also auch historische Gründe.

Inzwischen ist sich nahezu die ganze Welt einig, dass die Massenvernichtungswaffen endgültig in die Geschichtsbücher gehören. Einzig Ägypten, Angola, Myanmar, Südsudan, Nordkorea und Israel sperren sich bislang gegen ein völkerrechtlich verbindliches Verbot. Vor kurzem hat die internationale Organisation zur Vernichtung der Chemiewaffen (OPCW), die überwachen soll, dass alle chemischen Kampfstoffe vernichtet werden, für ihre Arbeit den Friedensnobelpreis erhalten. Ob ein bisschen Glanz davon auch auf die Kollegen bei der Geka fällt? „Ach Gott, wir machen hier doch nur unsere Arbeit“, wehrt Stiene ab. Wann die Fracht genau in Munster eintrifft, ist noch ungewiss und hängt von den Bedingungen in Syrien ab. „Selbst wenn das Zeug nächste Woche kommen sollte, wir sind bereit“, sagt er.

 

CHEMISCHE KAMPFSTOFFE
Chemiewaffen greifen den Organismus über verschiedene Wege an, verätzen die Haut, schädigen die Zellatmung oder attackieren das Nervensystem der Betroffenen.

Ziel  HAUT
Gift  Lewisit, Phosgenoxim, Lost (Senfgas)
WIRKUNG Starkes Verätzen oder Verbrennen der Haut macht den Gegner kampfunfähig.

Ziel  BLUT
Gift  Arsen- und Cyanwasserstoff, Chlorcyan, Blausäure, Nickeltetracarbonyl, Eisenpentacarbonyl
WIRKUNG Blutkampfstoffe hemmen den Zellstoffwechsel und die Zellatmung, wodurch es zu innerem Ersticken kommt. Schon kleinste Dosen der Stoffe sind tödlich.

ZIEL  LUNGE
GIFT  Chlor, Phosgen, Di- und Triphosgen, Chlorpikrin
WIRKUNG Erstes Anzeichen ist leichtes Kratzen im Hals. Doch durch das Anschwellen der Schleimhäute und die Entstehung eines Lungenödems können die Kampfmittel mit 36 Stunden Verzögerung zum Tod durch Ersticken führen.

ZIEL  NASE und RACHEN
GIFT  Adamsit, Clark I, II und III
WIRKUNG Die nichttödlichen Waffen wurden zum sogenannten Maskenbrechen eingesetzt: Die feinen Partikel durchdrangen die ersten in Serie produzierten Gasmasken und reizten Augen und Atemwege. Rissen sich die Soldaten ihre Gasmasken herunter, waren sie den gleichzeitig verschossenen tödlichen Chemiekampfstoffen schutzlos ausgeliefert.

ZIEL  NERVEN
GIFT  Sarin, Cyclosarin, VX, CVX, Tabun, Soman
WIRKUNG Zittern, Kopfschmerz, Erbrechen und Durchfall bis hin zu starken Krampfanfällen sind die Symptome von Nervenkampfstoffen. Unter anderem durch eine dauerhafte Lähmung des Zwerchfells können sie zum Tod führen.

 

DIE BEKANNTESTEN CHEMIEWAFFENEINSÄTZE

1915
Am 22. April versprühen Deutsche Chlorgas gegen französische Truppen. Es ist der erste große Einsatz der Geschichte. Etwa 1200 Menschen werden vergiftet. Im Laufe des Krieges sterben mindestens 80.000 Menschen durch Chemiewaffen, mehr als eine Million werden verätzt.

1935
Italien setzt im Krieg gegen Äthiopien das Giftgas Lost ein. 15.000 bis 50.000 Äthiopier sterben.

1938 bis 1944
Japan ist das einzige Land, das während des Zweiten Weltkriegs mit C-Waffen kämpft. Allein zwischen August und Oktober 1938 befiehlt die Führung mehr als 370 Einsätze gegen China, hauptsächlich mit Lost.

1961
Das von den USA gegen Vietnam eingesetzte Agent Orange dient als taktische Chemiewaffe zur Entlaubung des Waldes im Norden des Landes. Es richtet auch noch Jahrzehnte später schwere gesundheitliche Schäden bei der Zivilbevölkerung und Soldaten beider Seiten an.

1988
Am 16. März attackiert die irakische Armee die von Kurden bewohnte Stadt Halabdscha im Nordosten des Landes. Die Stoffe Tabun, Sarin, VX und Senfgas raffen 5000 Menschen dahin. 7000 bis 10.000 Verletzte erliegen später teilweise ihren schweren Verletzungen.

1995
Am 10. März setzen Mitglieder der japanischen Aum-Sekte das Nervengas Sarin in der Tokioter U-Bahn frei. 13 Menschen sterben, mehr als 5000 werden verletzt.

2013
Am 21. August detonieren in Ghuta östlich von Damaskus mit Chemiewaffen bestückte Raketen. Zwischen 280 und 1700 Personen sterben. UN-Kontrolleure weisen den chemischen Kampfstoff Sarin nach.

2014
Im April sollen in Syrien über mehreren Orten Chlorgas-Bomben abgeworfen worden sein. Mindestens ein Dutzend Kinder kam nach Oppositionsangaben ums Leben, mehr als 100 Menschen wurden verletzt.