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Die Biene – Eine Liebeserklärung

Greenpeace Magazin Ausgabe 3.15

Die Biene – Eine Liebeserklärung

Text: Katja Morgenthaler Illustration: André Gottschalk

Jetzt summen sie wieder. Milliarden Bienen fliegen von Blüte zu Blüte, sammeln Nektar für sich und decken unseren Tisch mit Honig, Obst und Feldfrüchten. Was wäre die Welt ohne Bienen? Nicht auszudenken. Das Greenpeace Magazin widmet den großen Kleinen ein Buch. Auszug aus dem Kapitel über Imkerei

An einem sommerwarmen Nachmittag sitzt Erhard Maria Klein unter seinem Apfelbaum. Der Kleingartenverein „Groß-Altona“ liegt umfriedet von Hecken in einer Gewerbewüste zwischen Autohäusern und Baumärkten – Hamburger Niemandsland. Lastwagen donnern wenige Meter neben dem Kaffeetisch vorbei. Klein scheint sie nicht zu hören. Er trägt ein orange-braun-weißes Hemd mit Honigwabenmuster und tischt selbstgebackenen Rhabarberkuchen auf. Vögel zwitschern. Hinter der rostroten Laube summen 150.000 Bienen in fünf flachen, langgezogenen „Bienenkisten“ Marke Eigenbau.

Klein hat die Holzkästen 2006 gemeinsam mit dem Verein für ökologische Bienenhaltung „Mellifera“ nach Vorbild des jahrhundertealten „Krainer Bauernstocks“ entwickelt und auf Anfänger mit kleinem Geldbeutel, großer Naturliebe und etwas Handwerksgeschick zugeschnitten: Imkerei für alle, wie sie Schritt für Schritt auf der Bienenkisten-Website steht. „Wer heute Bienen halten will, hat meist nicht die Idee, den Honig zu verkaufen“, sagt Klein. Die konventionelle Imkerei sei auf hohe Erträge ausgelegt und kompliziert. Für eine „optimale Völkerführung“ müsse genau gesteuert werden, was im Stock passiert. Mit der Bienenkiste zu imkern, sei dagegen „wie auf der Welle zu surfen“. Er lehnt sich zum Kaffeeschlürfen zurück. „Man begleitet das einfach.“

Kleins Konstruktion versammelt das ganze Volk in einer „Höhle“ wie in einem liegenden Baum. Anders als in der verbreiteten Magazinimkerei mit mehreren Etagen sieht der Imker hier alles auf einen Blick – allerdings von unten: Nur der Boden ist abnehmbar. Zur Kontrolle und Honigernte wird die Kiste vorsichtig vornübergekippt. Aber das ist selten nötig. Geerntet wird nur einmal im Jahr – bis zu 15 Kilo Honig. Andere holen das Doppelte und mehr raus. Klein produziert auch keine Sortenhonige von Raps oder Linde. In der Bienenkiste entsteht – wie in der Natur – „eine Cuvée“, die Klima und Vegetation der vergangenen Monate speichert und jedes Jahr anders schmeckt. Mehr Ruhe für die Bienen, weniger Arbeit für den Imker.

Erhard Maria Klein ist kein „Bienenvater“ aus dem Bilderbuch. Weder ist er Rentner noch trägt er Bart oder eine Pfeife im Mund. Den Schutzanzug mit Hut und Schleier, der Bienenhalter in Astronauten verwandelt, holt er selten aus dem Schrank. Er ist Webdesigner und ein Pionier der blühenden Stadtimkerei. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung hat die „Bienenkiste“ zu einer der hundert einfallsreichsten Nachhaltigkeitsinitiativen 2015 gekürt. Seit ihrer Präsentation 2009 hat die Kiste Zehntausende zu extensiv wirtschaftenden Kleinst-Imkern gemacht. Jedes Jahr zimmern oder kaufen sich einige tausend Leute Bienenkisten. Die Holzquader stehen nicht nur in Gärten, sondern auch in Parks, Baulücken, unter Straßenbäumen, auf Flachdächern, Friedhöfen oder Bauten wie dem Berliner Abgeordnetenhaus.

Alteingesessene Imker beäugen den Trend mitunter skeptisch: Lassen die Neuimker nach der ersten Euphorie ihre Bienen im Stich? Verbreiten sie durch Unwissenheit Krankheiten? Und kann es angehen, ein Bienenvolk „auf den Kopf“ zu stellen? Dabei ist das Interesse durchaus eine gute Nachricht für die im Schnitt 57 Jahre alte Imkerschaft. Der Deutsche Imkerbund hat seit Jahrzehnten Nachwuchssorgen. Lange bevor die Medien über das Bienensterben berichteten, hat das schleichende Imkersterben Bienen ausgelöscht.

Auf dem Land ist es schwierig, „ortsfest“ zu imkern. Anders als in der Stadt, wo praktisch immer etwas blüht, überwiegen dort Monokulturen. Wenn die Bienen nach deren Blüte nicht hungern sollen, muss der Imker aufwendig wandern. Überall erhöht die Behandlung gegen die eingeschleppte Varroamilbe das Arbeitspensum. Die Honigpreise rechtfertigen es kaum noch. Wer imkert, tut das aus Leidenschaft, vielleicht kostendeckend, nur in den seltensten Fällen aber, um Geld zu verdienen. Doch Bienen sind auf Imker angewiesen. Gegen Varroa kann sich kein entfleuchter Schwarm länger als zwei Jahre behaupten. Sowieso herrscht im natürlichen Habitat Wohnungsnot. Die Holzplantagen, die wir Wald nennen, bieten kaum noch hohle Bäume zum Nisten. Und so verschwinden mit jedem älteren Herrn, der Hut und Schleier an den Nagel hängt, auch dessen Bienen.

Lebten um 1900 mehr als zweieinhalb Millionen Kolonien in Deutschland, waren es 1991 noch gut eine Million. Den Tiefpunkt erreichte der Schwund 2012 mit 622.000 Völkern. Dann setzte – auch dank der globalen „Urban Beekeeping“-Bewegung – eine zaghafte Trendwende ein. Die meisten Neuimker „bewirtschaften“ nur ein bis fünf Völker statt zehn oder zwanzig. Bienen zu halten ist heute hip und zugleich eins der altmodischsten Hobbys der Welt.

Die Imkerei ist älter als die Pyramiden. Hausbienenhaltung gab es bereits vor 9000 Jahren in Zentralanatolien. Die Ägypter schipperten später Bienen sogar den Nil entlang, damit sie während der gemächlichen Fahrt Pflanzen am Ufer bestäubten – die Erfindung der Wanderimkerei. Griechen und Römer flochten Bienenkörbe aus Stroh oder Weidenruten, kannten aber auch schon modern anmutende Stöcke aus Holz.

Als Beginn der modernen Imkerei gilt das Jahr 1851. Damals baute Pastor Lorenzo Lorraine Langstroth aus den USA – man sagt, in eine leere Champagnerkiste – das erste Bienenhaus mit wirklich funktionierendem „Mobilbau“. Im Gegensatz zum „Stabilbau“ mit fest am Stock haftenden Waben musste das Volk zur Honigernte nicht mehr zerstört werden. Die Tiere errichteten ihre Zellen in beweglichen Holzrahmen, die man wie bei einer Hängeregistratur einzeln „ziehen“ konnte, um nach dem Rechten zu sehen oder Honig zu schleudern. Das Langstroth-Magazin konnte außerdem aufgestockt werden, wenn das Volk wuchs. So hielt man die Bienen länger vom Schwärmen ab und zur weiteren Honigproduktion an. Fast alle Imker nutzen heute diese Prinzipien.

Auch die Rubachs. Fünf Bienenstöcke stehen in ihrem Vorstadtgarten. Holunder duftet. Im Holztisch nisten Einsiedlerbienen. Martin Rubach, der wie mehr als 99 Prozent der deutschen Bienenhalter hobbymäßig imkert, ist Vertriebsleiter einer Elektrotechnikfirma, seine Frau Heilpraktikerin. Bienen haben die Eltern erwachsener Kinder 2011 für sich entdeckt. Sie sind Teil des Imker-Aufschwungs, aber nicht der Bienenkisten-Bewegung. Rubach sitzt im Vorstand des Hamburger Imkerverbands und hält seine Völker konventionell im Magazin.

Die hüfthohen Bienentürme haben Etagen, die „Zargen“ heißen. Die Kunst der Magazinimkerei besteht darin, zur rechten Zeit Zargen oder Wabenrähmchen hinzuzufügen oder zu entfernen. Im Frühjahr und Sommer befinden sich im Magazin meist zwei Stockwerke Brut- und zwei bis drei Stockwerke Honigwaben. Die Arbeiterinnen können sich in diesem Hochhaus frei bewegen. Ein Absperrgitter verhindert jedoch, dass die große Königin ihre Eier auf den oberen Honigetagen legt, denn die sind für den Menschen. Nur was die Bienen an Honig unten an den Rändern des Brutbereichs einlagern, bleibt ihnen für den Winter. Den Rest kann der Imker „abräumen“ und durch Zuckerwasser ersetzen. Lassen Wetter, Blütenangebot und Volksgröße es zu, füllen die Bienen jede neu aufgestockte Zarge mit duftendem Honig. Der Mensch macht sich ihren genetisch programmierten Sammelzwang zunutze.

Die Rähmchen enthalten Mittelwände aus Wachs oder Plastik. Das soll für Stabilität beim Honigschleudern sorgen – eine volle Wabe wiegt gut zwei Kilogramm. Ein vorgeprägtes Sechseckmuster verhindert als „Bauvorgabe“ zudem, dass die größeren Drohnenzellen entstehen. So hält der ertragsorientierte Imker die Zahl „fauler“ Bienenmänner klein. Drohnenwaben dürfen die Bienen in ein leeres Rähmchen bauen, doch das wird oft vor dem Schlupf entfernt, weil sich vor allem dort die gefährliche Varroamilbe vermehrt.

Dieser „Drohnenbrutschnitt“ gilt als die sanfteste Form, die Varroapopulation zu drücken. Synthetische Mittel sind fettlöslich und hinterlassen Rückstände in Wachs und Honig, außerdem werden die Parasiten früher oder später resistent dagegen. In Deutschland sind einige solcher Pestizide zugelassen. Die meisten konventionellen Imker verwenden auf Anraten des Imkerbunds jedoch, genau wie ihre Bio-Kollegen, organische Stoffe, etwa Ameisen- und Oxalsäure, die auch natürliche Bestandteile des Honigs sind und die Bienenprodukte nicht belasten.

Macht es also fast keinen Unterschied, ob der Kunde zu Biohonig oder dem Deutschen Imkerglas greift? „Ich würde zumindest nie auf die Idee kommen, Biohonig vom anderen Ende der Welt zu kaufen, wenn ich einen Imker um die Ecke habe“, sagt Klein. „Wir können Honig importieren, aber keine Bestäubung.“

Letzten Endes gibt es fast so viele Arten zu imkern wie Bienenhalter. Und sie streiten gern – selbst über die richtige Abmessung der Bienenwohnung. Klein grinst. „Wenn Sie Imker beschäftigen wollen, müssen sie nur zwei, drei verschiedene Bienenkästen hinstellen und einen Zollstock dazulegen.“

Auszug aus "DIE BIENE – EINE LIEBESERKLÄRUNG" von den Greenpeace Magazin Redakteurinnen Kerstin Eitner und Katja Morgenthaler,
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