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Greenpeace Magazin Ausgabe 2.15

Die da oben

Die Welt ist in Schieflage: Immer mehr Geld liegt in immer weniger Händen. Der Verteilungsforscher Markus Grabka, 47, vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung erklärt, warum Deutschland sogar das ungerechteste Land der Eurozone ist

Nächstes Jahr wird das reichste Prozent der Weltbevölkerung die Hälfte des weltweiten Vermögens besitzen. Wie sehen die Verhältnisse in Deutschland aus? In Deutschland besitzt das reichste Prozent der Bevölkerung 31 Prozent des gesamten Nettovermögens. Wir wissen aber über die Topvermögenden zu wenig. Der Global Wealth Report ermittelte 2003 mehr als 756.000 deutsche Dollar-Millionäre. 2013 war ihre Zahl auf 1,1 Millionen angestiegen, das ist ein Zuwachs von 50 Prozent. Der Reichtum der Oberschicht wird aber vermutlich noch unterschätzt.

Sie fanden anhand von Bevölkerungsbefragungen heraus, dass in keinem anderen Land der Eurozone die Vermögen ungleicher verteilt sind als in Deutschland. Wie kommt das? Wir haben eine mittelständisch geprägte Wirtschaft mit vielen Familienunternehmen, während in anderen Ländern Aktiengesellschaften dominieren. Im Zweifelsfall verfügt hier also eine Person oder eine Familie über das gesamte Vermögen eines Unternehmens. Gleichzeitig ist das mittlere Vermögen in Deutschland das geringste im gesamten Euroraum. Das hat vor allem historische Gründe. Denn Deutschland hat zwei Weltkriege und eine Hyperinflation erlebt. Das hatte nachhaltige Auswirkungen auf das Privatvermögen.

Welche Rolle spielt der Immobilienbesitz? Immobilien sind die quantitativ wichtigste Vermögensanlage. Deutschland ist aber ein typisches Mieterland. Es hat neben der Schweiz die geringste Eigentümerquote in Europa. Zudem hat die Ver- und Überschuldung in Deutschland zugenommen.

Was haben unsere Nachbarn besser gemacht? Unsere Nachbarländer messen der Förderung von privatem Immobilienbesitz mehr Bedeutug zu. Großbritannien und die Niederlande konnten ihre Eigentümerquoten so in den letzten Dekaden deutlich steigern. Deutschland ist dagegen nahezu das einzige Land im Euroraum, das privaten Immobilienbesitz so gut wie gar nicht bundesweit fördert.

Unser Wirtschaftssystem funktioniert offenbar nach dem Prinzip „Wer hat, dem wird gegeben“. Die Tendenz besteht natürlich. Die obersten zehn Prozent konnten ihr Realeinkommen in den letzten zehn Jahren deutlich ausbauen, während die Einkommen der Mittelschicht stagnierten und die untere Schicht sogar Realeinkommensverluste erlitt.

Was muss sich ändern? Das ist eine politische Entscheidung. Die Einführung des Mindestlohns ist ein guter erster Schritt. Ob der aber ausreicht, muss man sehen. Wichtig ist, dass die Arbeitnehmer am Wohlstandszuwachs beteiligt werden.

Interview: Svenja Beller