Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.16

Die Gier nach dem Ackergold

Text: Kerstin Eitner

Fruchtbares Land lockt immer mehr Investoren an. In armen Ländern werden Kleinbauern oft rabiat vertrieben; auch in Europa sind sie machtlos gegen das große Geld

„Investieren Sie in Grund und Boden – das Produkt wird nicht mehr hergestellt“, riet schon Henry Ford. Staaten, multinationale Konzerne, Investmentfonds, Banken wie die schweizerische Crédit Suisse und Versicherungen wie die Allianz beherzigen den Rat, denn welche andere Investition verheißt heute noch zweistellige Renditen? Die unabhängige Initiative Landmatrix schätzt, dass die Gesamtfläche der Landkäufe im Oktober 2015 weltweit 30,3 Millionen Hektar betrug. Wegen des unübersichtlichen Marktes sei die Dunkelziffer hoch.

Das sogenannte Landgrabbing beschränkt sich nicht nur auf arme Länder mit unsicheren Rechtsverhältnissen und schwachen Regierungen in Asien, Afrika oder Lateinamerika. Dort führt es zwar zu Zwangsvertreibungen und dem Entzug der Lebensgrundlage von Kleinbauern, wie der österreichische Regisseur Kurt Langbein in seinem Film „Landraub“ zeigt. Doch auf der Suche nach lukrativen Kapitalanlagen nehmen Investoren zunehmend auch Europa ins Visier, vor allem osteuropäische Länder. In Rumänien etwa besitzt niemand mehr Fläche als die libanesische Maria Group mit 65.000 Hektar. Bulgarien, Ungarn, Litauen und Estland sind ebenfalls stark betroffen.

Schon seit geraumer Zeit werden Landkäufe in großem Stil sogar in Deutschland zum Problem. Laut Weltagrarbericht sind die Bodenpreise hier in den letzten Jahren explodiert. Allein 2013 seien sie in den alten Ländern im Vergleich zum Vorjahr um 13,2 Prozent, in den neuen Ländern um 13,6 Prozent gestiegen. Agrarpolitiker bezeichnen den Markt als „überhitzt“. Boden sei seit der Finanzkrise zum Spekulationsobjekt Nr.1geworden, so Mecklenburg Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD). Die Bodenpreise haben sich in dem Bundesland seit 2007 etwa verdreifacht.

Bauern- und Umweltverbände beklagen, in diesem Wettkampf überlebten nur Großbetriebe, während kleine Familienbetriebe nicht mithalten könnten. Es drohten Arbeitslosigkeit und weitere Abwanderung aus den betroffenen Gebieten. Weil die aufgekauften Flächen meist intensiv bewirtschaftet würden, komme die Schädigung von Umwelt, Boden und Wasserressourcen hinzu.

Eine Mitschuld an der Misere trägt die Politik der EU. Sie belohnt Investoren mit einer jährlichen Prämie von 250 bis 300 Euro pro Hektar. Spekulanten müssten die Flächen aber gar nicht erst bekommen, denn der Staat muss Agrarflächen nicht an den Meistbietenden verkaufen, urteilte der Europäische Gerichtshof im Juli. Staatliche Behörden haben ein Vetorecht, wenn sie Spekulation wittern.